Jubiläum

Platten-Pedro hört auf zu rauchen

Peter Patzek alias Platten-Pedro macht aber sonst weiter wie bisher: Seit 50 Jahren keine CDs und mehr als 100.000 Schallplatten.

Trockener Humor, unverblümter Charme und geballtes Fachwissen rund um Schallplatten und Musik. Platten-Pedro in seinem Antiquariat in Charlottenburg

Trockener Humor, unverblümter Charme und geballtes Fachwissen rund um Schallplatten und Musik. Platten-Pedro in seinem Antiquariat in Charlottenburg

Foto: Katja Wallrafen

Charlottenburg.  Wer hätte das gedacht? Auf seine alten Tage übt er nun doch Verzicht. Adieu Blättchen, tschüssi Tabak – seit Mitte Oktober entsagt Platten-Pedro dem Rauchen. Der bald 78-Jährige klingt selbst noch ein wenig ungläubig, als er die Neuigkeit hustend mitteilt. „Da kommt noch Zeug aus dem letzten Jahrhundert hoch“, röchelt Peter Patzek, während er an seinem Tee nippt. Schon in der ersten Minute des Gesprächs ist er spürbar, der ruppige Charme der in Berlin Geborenen. Trockener Humor auch mit Blick auf die eigene Person und deren gequälte Atemwege. Nachdem so gut wie jeder der fast unzähligen Medienberichte über Platten Pedro auch den Tabakkonsum thematisierte, gibt es nun also zu vermelden, dass er mit der Zeit geht und auf Zigaretten verzichtet.

Platten-Pedro hat Kundschaft aus aller Welt

Ansonsten bleibt auch im Jubiläumsjahr alles, wie die Kundschaft aus allen Ecken der Welt es liebt. Platten Pedro ist zwar vom alten Schlag, wenn es ums Musikabspielen geht. Das heißt aber nicht, dass er sich dem Internet verweigert. Er hat eine eigenwillige Internetpräsenz, die meisten Bewertungen im Internet jubilieren: „Von Abba bis Zappa alles da“, „nach hundert Semestern Schallplattenkunde“ wird die „profunde Beratung“ hervorgehoben. Seit 50 Jahren existiert das mutmaßlich größte Schallplattenantiquariat Deutschlands. Zunächst als Platten- und Trödelladen „Der 45er“ eröffnet an der Pfalzburger Straße, später dann als Vinylantiquariat „Platten Pedro“ im Erdgeschoss des Hauses am Tegeler Weg.

100.000 Platten – keine CDs

Auf 110 Quadratmetern (inklusive Hinterzimmer-Labyrinth) stehen deckenhohe Regale mit Vinylschätzen der vergangenen Zeit: Claire Waldoff aus den Goldenen 20er-Jahren, Boogie-Woogie und Swing aus den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, selbstverständlich Rock’n Roll, Beatmusik, Rock und Punk bis in die 80er-Jahre. Mehr als 100.000 Platten sind in 84 Abteilungen geordnet. Raritäten neben Mainstream. Jazz, Blues, Deutsche Schlager und Operetten alle mit eigenen Regalmetern. Im Fenster steht ein Grammophon, verhältnismäßig neu hinzugekommen ist eine Jukebox, die Pedro mit einigen seiner Lieblingsplatten bestückt. Die Frage nach seiner Lieblingsplatte beantwortet Pedro ewig gleich: Er habe 30.000 Lieblingsplatten. Beim Plaudern wird klar, dass der 78-Jährige die Rockmusik im Herzen trägt, dazu eine herzhafte Prise Punk und Anarchie. Eine Lebenseinstellung, die er modisch souverän untermalt: Der Antiquar ist das beste Beispiel dafür, dass Jeans und Lederjacke auch mit bald achtzig Lenzen tragbar sind, ohne das es peinlich wird.

Platten sind für Platten-Pedro ein haptisches Vergnügen

Im Fenster prangt wie in den ersten Jahren das Warnschild: CDs sind Sondermüll mit Verpackung — und im Laden nicht erwünscht. Von endlos reproduzierbarem, seelenlosem Plastikkram hält Platten Pedro „überhaupt nüscht“. Auch nichts davon, Musik zu „streamen“, also Lieder auf einem Computer oder einem Smartphone via Internet abzuspielen. Wie auch die CDs hält er diese Form der Musikwiedergabe für Schrott. Eine Schallplatte hingegen sei ein Unikat, sei alles andere als steril wie der Silberling, schwelgt er. Allein das haptische Vergnügen mit einer Hülle zu hantieren, oftmals seien die Cover künstlerisch aufwendig gestaltet. Und köstlich auch die Zeremonie des Auflegens, der Moment, wenn sich die Nadel sanft auf die rotierende Platte legt…

Die Dame (68), die nun kommt und Schallplatten verkauft, hat wenig Sinn für die Aura der Schallplatte und der Schönheit des Plattenabspielens. Sie trägt nicht nur tütenweise alte Jazz- und Popplatten herein, sie bringt auch ihre traurige Geschichte mit. Es seien die Schätze ihres Mannes, der vor einem Jahr im Alter von 71 plötzlich gestorben sei, sagt die Charlottenburgerin. „Wir haben unser Leben lang selbstständig gearbeitet, waren immer fleißig und wollten einfach nur gemeinsam unseren Lebensabend genießen“, erzählt sie. Nun muss die 68-Jährige die Vergangenheit sortieren und ihre Zukunft allein gestalten. Sie muss sich von lieb gewonnenen Dingen trennen, die sie trotz der Erinnerungen als Belastung empfindet. Sie berichtet von ihrer kleinen Rente, der mühseligen Suche nach einer bezahlbaren Wohnung, hat sichtlich Schwierigkeiten, sich in der neuen Lebenssituation zurecht zu finden.

Das Leben nehmen, wie es kommt

Peter Patzek rät ihr sanft, nicht zu verzweifeln. Denn er ist nicht nur Experte für Schallplatten, auch mit Krisen kennt er sich aus. Vor acht Jahren starb seine Frau, mit der er 44 Jahre verheiratet war und deren Pflege er übernommen hat. Das sei keine einfache Zeit gewesen, sagt er, aber man müsse das Leben eben nehmen, wie es komme. Nicht jeder Traum werde wahr. Er selbst hat als junger Mann von Kanada geträumt – damals, als er seinen Kiez an der Schönhauser Allee verlassen hat. Er sei ein „Ostwessi“, scherzt Peter Patzek. 1959 ging er das erste Mal nach West-Berlin, wurde von der Mutter aber zurückgeholt. 1960 dann der zweite, glücklichere Versuch, den Ostteil der Stadt zu verlassen.

Patzek versuchte sich in einigen Jobs, kam zurück nach Berlin, landete als Discjockey in Rolf Edens erster Disco an Damaschkestraße. Das Stichwort „Rolf Eden“ lenkt die traurige Kundin von ihrem Kummer ab. „Dorthin ging ich damals sonnabends mit meiner Freundin zum Tanztee“, erinnert sie sich. „Zum Preistanz. Ich erinnere mich, du hast damals die schräge Idee eines Wettbewerbs im Süße-Suppe-Essen auf der Tanzfläche gehabt – das waren einmalige Zeiten.“ Etwas positiver gestimmt verlässt sie das Antiquariat. Platten Pedro lächelt. Jetzt würde er gerne eine rauchen. Aber er bleibt tapfer.

Information

Platten Pedro, Tegeler Weg 102, 10589 Berlin-Charlottenburg, Telefon: 030 – 344 18 75, E-Mail: PlattenPedro@gmx.de, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10.07-15.53 Uhr Samstag 9.59-13.02 Uhr