Neues Abwasserpumpwerk

Diese zwei Frauen helfen der Spree

Mit dem neuen Abwasserpumpwerk und den Regensammelbecken in Westend setzen die Wasserbetriebe auch ein Zeichen für die Umwelt.

Haben ihre Baustelle in Westend gut im Griff: Projektleiterin Marina Boldt (l.) und Bauleiterin Ronny Richter

Haben ihre Baustelle in Westend gut im Griff: Projektleiterin Marina Boldt (l.) und Bauleiterin Ronny Richter

Foto: Carolin Brühl

Wenn man Marina Boldt dabei zuhört, wie sie über Röhren, Überlaufbecken, Spundwände und Abwasser spricht, kann man sich fast vorstellen, dass das, was die Projektleiterin der Berliner Wasserbetriebe da tut, Spaß macht.

Immerhin haben mit Boldt und Bauleiterin Ronny Richter gleich zwei Frauen auf der Baustelle auf dem Gelände des alten Güterbahnhofs Charlottenburg den Helm auf.

Das Projekt liegt sogar vor dem ursprünglichen Zeitplan

Sie sind angetreten, Berlins zweitgrößtes Abwasserpumpwerk zu bauen, und sie liegen, eine Leistung, die Berlins Verantwortliche für öffentliches Bauen nachdenklich stimmen sollte, sogar 14 Tage vor ihrem ursprüngliche Zeitplan.

Es läuft offenbar gut auf ihrer Baustelle an der Sophie-Charlotten-Straße 4a in Westend. Auch wenn es ziemlich beengt zugeht an einem Mittwoch wie diesem, an dem ein Betonlaster nach dem anderen sich in die schmale Zufahrtsstraße einfädelt, um seine träge Last in die mit Grundwasser gefüllte Baugrube abzulassen.

Neubau ist in doppelter Weise technische Herausforderung

Der Neubau des zweitgrößten Berliner Abwasserpumpwerks, dessen Einzugsgebiet mit fast 110.000 Einwohnern im Prinzip eine Großstadt für sich bildet, ist in doppelter Weise eine technische Herausforderung.

So liegt der Saugeraum des Werks, in dem das Schmutz- und Regenwasser aus der Kanalisation zusammenfließt, 14 Meter unter Gelände und damit tief im Grundwasser, dessen Spiegel die benachbarte Spree markiert.

Unter Wasser verbauen Taucher 600 Kubikmeter Beton

Schon das Ausheben der Grube bedeutete eine Herausforderung erzählt Boldt: „Wir haben eine Unmenge Findlinge mit einem Durchmesser bis zu 1,20 Metern aus dem Boden holen müssen. Wir haben sogar tief in der Erde ein Autowrack gefunden.“ Wie das da hingekommen sei und wie alt es war, habe sich aber nicht mehr ermitteln lassen.

Unter Wasser vollbringen derzeit Taucher die Arbeit, die Mitte der 90er-Jahre auf dem Potsdamer Platz schon die Zuschauer in Staunen versetzte, und verbauen dort rund 600 Kubikmeter Beton. Unsichtbar, aber wirkungsvoll. „Wenn der Beton im Fundament der Grube nach zehn Tagen durchgehärtet ist, können wir das Wasser ablassen und dann in einer trockenen Baugrube weiterarbeiten“, sagt Boldt.

Ein „Abwasser-Parkplatz“ wird 7000 Kubikmeter fassen

Noch kann man in das riesige Loch schauen, in dem neben dem neuen Abwasserpumpwerk auch ein 7000 Kubikmeter fassender „Abwasser-Parkplatz“ entstehen wird, der bei Starkregen Überläufe in die Spree vermeiden soll. Dafür haben die Röhren einen Durchmesser von 2,40 Meter.

„Man kann bequem darin gehen“, sagt Marina Boldt und stellt sich zum Beweis gleich mit ihrer Kollegin in eine, auf dem Grundstück des alten Pumpwerks schräg vis-à-vis gelagerte, neue Röhre. „Sie müssen sich vorstellen, dass bei einem Starkregen da schon mal ein ganz schöner Wasserschwall plötzlich und auf einmal durchkommt. Darum müssen diese Rohre so groß sein“, sagt die Projektleiterin.

Bauvorhaben betreffen auch die angrenzenden Straßen

Auf das heute noch sichtbare „Souterrain“ kommt bald der Deckel, erklärt Stefan Natz, der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Zu dem rund 68 Millionen teuren Bauvorhaben gehören auch die Baustellen in der angrenzenden Straße.

Damit der Übergang vom alten auf das neue Werk reibungslos klappt, müssen zahlreiche Leitungen von Trinkwasser bis Gas um- und neu verlegt werden. Um komplett sicherzugehen, gibt es bei solchen Bauvorhaben auch eine Zeit lang Parallelbetrieb von Neu- und Altwerk.

Tausende von Haushalten hängen an dem alten Pumpwerk

„Wir können ja nicht einfach irgendwann das alte Pumpwerk abkoppeln und dann warten, bis das neue fertig ist. Da hängen ja Tausende von Haushalten, ja eine ganze Großstadt dran“, sagt der BWB-Sprecher.

Dafür müssen in die ohnehin dicht mit Leitungen jeder Art belegte Sophie-Charlotten-Straße auch beide Werke unterirdisch mit den Kanälen im Zulauf und zu den Klärwerken im Abstrom verbunden werden. Keine schöne Zeit für die Anwohner, auf die man aber so gut wie möglich Rücksicht nehme, sagt Natz.

2021 soll die Anlage von 1890 vom Netz genommen werden

Immerhin im Frühjahr 2020 sollen die Arbeiten am Rohbau des rund 68 Millionen teuren Pumpwerks abgeschlossen sein. Bis dann jedoch Abwasser von Westend in die Kläranlage nach Ruhleben gepumpt und die alte Anlage im Backsteinhaus von 1890 auf der anderen Straßenseite gänzlich vom Netz genommen werden kann, dauert es Natz zu­folge noch bis September 2021.

Mit dem Neubau des Abwasserhauptpumpwerks Charlottenburg werden dann auch alle 164 Berliner Pumpwerke automatisch aus einer Zentrale überwacht und gesteuert.

Auflage des Senats ist, innerstädtische Gewässer zu entlasten

„Der Neubau ist nicht nur technisch notwendig, er ist umweltpolitisch sinnvoll und erspart Investitionen an anderer Stelle“, umschrieb Jörg Simon, Vorstandsvorsitzender der Berliner Wasserbetriebe beim ersten Spatenstich vor einem guten Jahr als Ziel der Anlage.

Die Wasserbetriebe erfüllen mit dem neuen Abwasserpumpwerk und dem Regenwasserspeicher auch eine Auflage des Berliner Senats, die innerstädtischen Gewässer zu entlasten. Durch das Abfangen von ungeklärtem Regenwasser sollen weniger Nähr- und Schadstoffeinträge in die Flüsse und Seen gelangen und diese verunreinigen. In dem neuen Regenbecken und in den Kanälen kann künftig mehr Wasser gesammelt und die Spree vor Überläufen bewahrt werden.

Zukunft des mehr als 100 Jahre alten Pumpwerks ungewiss

Unklar ist unterdessen, was nach der Fertigstellung des neuen Abwasserpumpwerks mit dem hübschen, mehr als 100 Jahre alten Backsteinbau geschieht, der derzeit noch das alte Pumpwerk beherbergt. „Wir brauchen das Gebäude dann ja nicht mehr, wenn diese Anlage hier fertig ist“, sagt Natz.

Als kommunales Unternehmen könnten die Wasserbetriebe aber nicht frei über den Verkauf der Immobilie verfügen, das müsse letztlich das Abgeordnetenhaus beschließen, meint der Sprecher. Dass es Interesse an Haus und Grundstück in bester Lage nahe dem Charlottenburger Schlosspark gibt, steht für Natz außer Zweifel.

„Schon als wir im vergangenen Jahr hier eine Informationsveranstaltung für die Anwohner machten, haben sich hier diverse Herren mit Köfferchen eingefunden und ihr Interesse an dem alten Pumpwerk angemeldet“, erzählt Natz.