Sommerserie

Eine Tour entlang der Grunewaldseen bietet Überraschungen

Wenn der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf zur Führung durch den Kiez einlädt, kommen hunderte Fans.

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann als Stadtführer: "Bürgernähe at it's best", sagt er.

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann als Stadtführer: "Bürgernähe at it's best", sagt er.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Wie oft ätzen wir über unsere Stadt. Gründe gibt es viele, Berlin kann beschwerlich sein. Der raue Ton untereinander. Der schleppende Service im Bezirksamt. Lärm und Hektik der Metropole. Fast vier Millionen Menschen in der Stadt und doch sind viele einsam. Und dann die Überraschung an einem ganz normalen Sonnabend: ein dreistündiger Spaziergang entlang der Grunewaldseen, der glatt das Gegenteil beweist.

Unterhaltsam, witzig, kurzweilig. Wissensvermittlung vom Großen zum Kleinen – hier geht es um repräsentative Prunkvillen, um die Erinnerung an den schändlichen Umgang mit der Berliner Bankiersfamilie Mendelsohn in der NS-Zeit, aber auch um Therapiehunde im Altenheim oder die Anlage von Schmetterlingsweiden. Details aus der Geschichte, aus Architektur und Stadtentwicklung werden verknüpft mit unseren aktuellen Fragen an die Politik im Bezirk.

Interessierte Bürger hören aufmerksam zu. Freundliche Gesichter, aufgeschlossene Menschen. Locker, unaufgeregt, irgendwie eingespielt. Obwohl man einander nicht kennt, lächelt man, kommt ins Plaudern. Gäbe es das Angebot nicht bereits, müsste es dringend erfunden werden: der Kiezspaziergang in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Die älteste regelmäßige Teilnehmerin ist 103 Jahre alt

Im Januar 2002 hat die damalige Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) erstmals dazu eingeladen. Schnell wurde daraus eine Tradition. Bei sengender Sonne, bei eisigen Minustemperaturen, auch wenn Schneeflocken tanzen – seither treffen sich Bezirkspolitiker und die Bevölkerung einmal im Monat und erkunden ihren Kiez. Die Teilnahme kostet nichts, das Angebot funktioniert ohne Anmeldung. In Tempelhof-Schöneberg wurde das Format vor sieben Jahren übernommen, in Steglitz-Zehlendorf gibt es ein ähnliches Angebot seit dem vergangenen Jahr.

Wir haben uns im Juni dem 210. Kiezspaziergang in Charlottenburg-Wilmersdorf angeschlossen. Der Treffpunkt ist nicht schwer zu finden, eine große Gruppe steht bereits an der Bushaltestelle Herthastraße in Halensee. Entlang der Grunewaldseenkette soll es zum Karmielplatz beim Mahnmal Gleis 17 vor dem S-Bahnhof Grunewald gehen.

Stadtführer ist Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) höchstselbst. Er spricht in ein kleines Mikrofon, seine Mitarbeiterin Monika Lübcke, die die Route ausgearbeitet hat, trägt den Lautsprecher. Denn die rund 200 Menschen, die sich an diesem sonnigen Sonnabend angeschlossen haben, sollen alles gut hören können. Naumann informiert zur Begrüßung über den Gesundheitszustand einer treuen Teilnehmerin, die es sich mit ihren 103 Lebensjahren normalerweise nicht nehmen lässt, beim Kiezspaziergang dabeizusein. Hildegard L. ist allerdings am Europawahl-Abend im Mai gestürzt und muss nun erst wieder gesund werden. Eine Genesungskarte soll auf den Weg gebracht werden.

Nun aber los in Richtung Hubertussee. Während die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer deutlich in der zweiten Lebenshälfte sind, hat sich auch eine Familie mit zwei Kindern angeschlossen. Vor 15 Jahren sind sie aus Nordrhein-Westfalen in den Güntzelkiez nach Wilmersdorf gezogen. Zwei Spaziergänge mit Bezirksbürgermeisterin Thiemen hat sie absolviert, mit Naumann ist es nun ebenfalls die zweite Tour. Man lerne immer wieder neue Aspekte der Stadt kennen, sagt die Mutter: „Über die Hubertusallee bin ich schon öfter mit dem Bus gefahren, aber hier unten am Hubertussee stand ich bislang noch nie.“ Sie hat diesen Spaziergang gewählt, möchte mehr erfahren über die Seenkette und die Villen in der Gegend.

Aufmerksam hört sie dem Bezirksbürgermeister zu: Der Hubertussee ist einer von vier künstlichen Seen innerhalb eines Nebenarmes einer sogenannten glazialen Rinne. Die glaziale Rinne ist ein kleiner Gruß aus der jüngsten Eiszeit vor 20.000 Jahren, sie entstand, nachdem das Eis abgeschmolzen war. Als 1889 das Gelände für den Bau der Villenkolonie Grunewald ausgehoben wurde, musste das sumpfige Gelände trockengelegt werden. Der Hubertussee (knapp vier Meter tief) ist durch einen Graben mit dem Herthasee (gut drei Meter tief) verbunden. Leider darf man nicht baden, das Wasser ist nicht sauber genug, lernen die Teilnehmer.

„Man wird man immer wieder überrascht und erfährt vieles“

Während Bezirksbürgermeister Naumann die wechselvolle Geschichte des Palais Mendelsohn an der Ecke Bismarckallee und Herthastraße umreißt – vom hochherrschaftlichen, schlossähnlichen Wohngebäude zur Schule für die Kinder britischer Militärangehöriger, von der einstigen prachtvollen Filmkulisse zum heutigen Zweckbau – berichtet Günter Ebeling, dass er bereits seit dem 36. Kiezspaziergang regelmäßig dabei ist.

1974 ist er aus seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin gezogen, und natürlich kennt sich der Rentner inzwischen prima aus. „Aber bei den Kiezspaziergängen wird man doch immer wieder überrascht und erfährt zudem viele Details“, sagt Ebeling. Er wohnt in Treptow, folgt aber auch Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) durch Tempelhof-Schöneberg. Damit ist er nicht allein, auch andere Mitspazierende erkunden Kieze auf diese Art. Allerdings schätzen sie Naumanns Art ganz besonders. „Er ist so nahbar, freundlich und zugewandt“, sagt eine Dame aus Friedenau. „Man hat das Gefühl, ihn interessiert wirklich, was wir denken.“

Tatsächlich schütten während des Kiezspaziergangs einige Teilnehmerinnen dem Bezirksbürgermeister ihr Herz aus. So wie die Charlottenburgerin, deren Wohnung modernisiert wird. Seit Monaten lebt sie ohne Dusche und Toilette. Naumann rät ihr dringend zu einem Anwalt. „Natürlich will ich nahbar sein“, sagt er während des Spaziergangs. Bürgernähe sei keine Floskel, will ausgefüllt werden. Dass ein Kiezspaziergang am Sonnabend sein grundsätzlich schon stark beanspruchtes Freizeitkonto strapaziert, erwähnt er nur im Nebensatz. Es ist ihm die Sache wert. „Bürgernähe at it’s best“, er lächelt. Zudem seien Vorbereitung und Durchführung der Spaziergänge eine nachhaltige Bereicherung. „Das ist lebenslanges Lernen, und das brauchen wir für die Zukunft“, meint er.

Der Kiezspaziergang endet am Karmielplatz am S-Bahnhof Grunewald. Seit mehr als 30 Jahren unterhält der Bezirk eine Städtepartnerschaft zur israelischen Stadt Karmiel. Der Platz liegt in der Nähe des Gedenkortes Gleis 17, wo der mehr als 50.000 Juden gedacht wird, die zwischen Oktober 1941 und Februar 1945 vom Güterbahnhof Grunewald aus in Vernichtungslager des NS-Staates gebracht wurden. Reinhard Naumann schlägt den Bogen ins heutige Berlin. Während dieses Kiezspaziergangs trägt er nicht seine übliche rote Schirmmütze, sondern eine Kippa. Da er urlaubsbedingt nicht an dem Protest gegen den „unsäglichen Al-Quds-Marsch“ teilnehmen konnte, will er dennoch ein persönliches Zeichen seiner Solidarität mit den Juden in Berlin setzen. „Ich möchte als evangelischer Christ den interreligiösen Dialog vertiefen“, sagt er und appelliert zum Schluss des Kiezspaziergangs: Alle sollten bitte jeder Form von Antisemitismus entschieden entgegentreten.

Kieztouren mit Bezirkspolitikern

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) bietet jeweils am zweiten Sonnabend im Monat von 14 bis 16 Uhr einen Spaziergang durch einen Charlottenburg-Wilmersdorfer Kiez an. Wenn er verhindert ist, übernimmt ein anderes Bezirksamtsmitglied die Führung. Am 13. Juli führt Arne Herz (CDU), Bezirksstadtrat für Bürgerdienste, Wirtschafts- und Ordnungsangelegenheiten, zum Naturschutzzentrum Ökowerk am Teufelssee.

Treffpunkt ist am S-Bahnhof Messe Süd, südlicher Ausgang (Anfahrt über S3, S5, S9, Bus 349). Es geht durch die Waldschulallee vorbei am Mommsenstadion und der Heinz-Galinski-Schule sowie der Wald-Grund - und Oberschule. Es folgt ein längerer Weg durch den Wald, dann die Teufelsseechaussee am Teufelsberg entlang zum Ökowerk. Arne Herz weist darauf hin, dass ein Teil des Kiezspazierganges nicht barrierefrei sein wird. Gutes Schuhwerk wird empfohlen.

Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht notwendig. Weitere Informationen unter www.kiezspaziergaenge.de.

Warum darf man im Herthasee nicht baden?

Der Hubertus- und der Herthasee sind zum Baden ungeeignet, denn sie nehmen das Wasser aus allen Gullys im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf auf. Den für den Angelsport eingesetzten Fischen – Plötze, Schlei und Karausche – ist das wohl egal. Auch einen Uferweg gibt es nicht, obwohl bereits in den 20er-Jahren Pläne für einen Pfad entlang der Grunewaldseen existierten.