Charlottenburg hat jetzt den Salat: Auf der ewigen Baustelle an der Hardenbergstraße ist der Rucola reif, das Getreide ist auch fast so weit, und die ersten Eschen in einer Baugrube sind auch schon 1,50 Meter hoch. Augenweide sind die Königskerzen, die entlang des Mittelstreifens leuchtend gelb blühen – zwischen aufgestapelten Bordsteinkanten.

Was von weitem schön aussieht, ist für Passanten und Autofahrer allerdings weniger Grund zur Freude. Schon seit 2013 ist die BVG dabei, die U2-Tunnel zwischen Bahnhof Zoo und Schillerstraße sowie Ernst-Reuter-Platz und Bismarckstraße zu sanieren. Ursprünglich sollte das Projekt 2016 abgeschlossen sein, nach Asbestfunden war von 2018 die Rede. Doch noch immer staut sich der Verkehr an Absperrungen und Baugruben an der Hardenbergstraße vor dem Bahnhof Zoo.

Heilpflanze: Eine Königskerze blüht an der Baustelle an der Hardenbergstraße in Charlottenburg.
Heilpflanze: Eine Königskerze blüht an der Baustelle an der Hardenbergstraße in Charlottenburg.© BM | Foto: Uta Keseling

Auch das Getreide ist bald reif - die Mäusegerste sät sich gern selbst aus und blüht zwischen aufgestapelten Bordsteinkanten und Teerfässern von der Baustelle an der Hardenbergstraße.
Auch das Getreide ist bald reif - die Mäusegerste sät sich gern selbst aus und blüht zwischen aufgestapelten Bordsteinkanten und Teerfässern von der Baustelle an der Hardenbergstraße.© BM | Foto: Uta Keseling

Wie intensiv dort gebaut wird, lässt sich von oben schwer beurteilen. Schließlich geht es um die Abdichtung der Tunneldecken der mehr als 100 Jahre alten U-Bahn-Röhre Richtung Ernst-Reuter-Platz. Zeitgleich wurde zwischendrin auch der Steinplatz komplett umgestaltet und verschönert – er ist längst fertig. Eine Anfrage der Berliner Morgenpost an die BVG zum voraussichtlichen Abschluss der Arbeiten läuft.

In den Baugruben entlang der Straße gedeihen derweil Esche und Rucola, Mäusegerste und Haselnuss friedlich zwischen Müllbergen. Im Sand rottet ein Parkverbotsschild von 2018, an der Engstelle daneben bleiben selbst Polizei und Feuerwehr mit Blaulicht regelmäßig im Stau stecken. An der Stelle, wo mal eine Fußgängerampel war, holpern Reisende vom Bahnhof Zoo mit ihren Rollkoffern über eine staubige Schotterpiste zu den Hotels an der Hardenbergstraße. Und für Radfahrer endet der Weg abrupt vor der Bahnüberführung an einem schlichten Schild „Für Radfahrer verboten“.

„Die meisten Wildkräuter sind essbar“

Zwischen Schildern und Müll im Sand gedeiht eine Esche in der Baugrube am Bahnhof Zoo, darunter: Rucola.
Zwischen Schildern und Müll im Sand gedeiht eine Esche in der Baugrube am Bahnhof Zoo, darunter: Rucola.© BM | Foto: Uta Keseling

Um es positiv zu sehen: Im Stau bleibt Gelegenheit, die Pflanzenpracht genau zu beobachten und sich über die Natur zu freuen, die sich selbst an den unwirtlichsten Orten Raum zurückerobert. Die Königskerze etwa gilt als Heilpflanze, die Blüten können im Salat verwendet werden, sagt die Berliner Botanikerin und Naturschützerin Britta Laube.

Giftig sei die Pflanze nicht - ebenso wenig die Rucola, „überhaupt sind die meisten Wildkräuter essbar, die bei uns wachsen“. Dennoch rät sie von der Ernte ab. „Pflanzen, die in Abgasen am Straßenrand wachsen, würde ich nicht essen.“ Dazu kommen hygienische Gründe - die Baustelle dient offenbar auch als Latrine.