Soziales Projekt

Wie peruanische Frauen Charlottenburg bestricken

Ein peruanisch-deutsches Ehepaar hat eine Idee in die Realität umgesetzt: Alpakita. Sie helfen Frauen in Peru, fairen Lohn zu verdienen

Haben ihre kühne Vision erfüllt und helfen mit ihrem Projekt Alpakita arme Frauen in Peru: Judy und Rainer Langer

Haben ihre kühne Vision erfüllt und helfen mit ihrem Projekt Alpakita arme Frauen in Peru: Judy und Rainer Langer

Foto: Sofia Mareschow

Ein Stück Peru ist nach Berlin gekommen, als kleines Ladenatelier im Herzen Charlottenburgs. „Alpakita“ heißt der Hingucker an der Nehringstraße und passt mit seinen kuscheligen Stricksachen gut in das Klausenerplatz-Viertel mit seinen Nachbarschaftstreffs und Kiezläden. „Bei uns gibt es handgefertigte Kleidung aus Alpaka-Wolle für alle Altersgruppen,“ sagt Inhaberin Judy de Langer und zeigt auf Regale voller Decken, Pullover, Mützen, Schals und Auslagen mit Babykleidung. Aufgereiht hängen Strick-Kleider für Kinder, Mäntel und Jacken für Erwachsene. Besucher zögern indes angesichts der Preise: Mützen für 49, Frauen-Pullis für 220, Mäntel ab 289 Euro.

Fairer Lohn für peruanische Frauen

„Alpakita“ ist ein soziales Projekt mit dem Ziel, peruanische Strickfrauen durch fairen Lohn finanziell zu unterstützen. „Nach Abzug aller Kosten wird der Gewinn den Strickfrauen als Lohn gezahlt“, so die gebürtige Peruanerin und Projektgründerin Judy de Langer. Die 51-jährige Mutter zweier Söhne verzichtet auf Gewinnbeteiligung. Ihren Lebensunterhalt verdient sie als Erzieherin, ihr Mann Rainer Langer, studierter Raum- und Vermessungsingenieur, als Angestellter bei Vattenfall.

„Alpakita“ ist eine private Initiative, eng verknüpft mit der Geschichte des Ehepaares. „Schicksal, vielleicht“, sagt der gebürtige Passauer, Hobby-Bergsteiger und Peru-Fan und erzählt vom Volksfest in Caraz, das er mit einem Reiseleiter besuchte und wo er Judy erstmals begegnete und mit ihr tanzte. „Sieben Jahre später trafen wir uns wieder – im Haus des Reiseleiters in München.“ Wo Judy, inzwischen Journalistin im peruanischen Fernsehen, für eine einjährige Auszeit als Au-pair-Mädchen arbeitete.

Zwei Strickjacken waren der Auslöser

Jetzt, 28 Jahre später, seit 1994 Berlinerin, sagt Judy de Langer: „In Deutschland habe ich die Liebe zu Kindern entdeckt.“ Nach ihrer Waldorfpädagogik-Ausbildung wurde sie Co-Chefin einer Kindertagesgroßpflegestelle. „Da ist dann auch die „Alpakita“-Idee gewachsen“, erinnert sich Judy de Langer. Sie war Tagesmutter einer kleinen Gruppe, der Auslöser: zwei Strickjacken aus Alpaka für ein Mädchen und dessen Puppe, angefertigt von ihrer Mutter. Die Jacken gefielen, Bestellungen aus Elternkreisen folgten. Judys Mutter kannte Strickfrauen in der Heimat und fragte: „Warum nicht dort herstellen lassen?“ Eine kühne Vision.

Nachfrage nach Alpaka-Wolle wächst

Deren Umsetzung vor zwölf Jahren – mit dem Verkauf von Kinder- und Puppenkleidung über Boutiquen – indes eine Herausforderung. Das fing bei der Rohstoff-Kunde an. „Auf dem Weltmarkt wächst die Nachfrage nach Alpaka-Wolle“, sagt Rainer Langer, der mithilft: Buchhaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Marketing. Aktuell plant er die Zusammenarbeit mit Hebammen- und Arztpraxen.

Die Wolle der sanftmütigen Kameltiere ist einzigartig. „Exzellente Thermoeigenschaften, also temperaturregulierend und isolierend, antibakterielle Wirkung, feuchtigkeitsresistent. Angepasst an extreme Bedingungen in den südamerikanischen Anden: tropische Regenzeiten, Kälte in 4500 Metern Höhe“, erklärt Rainer Langer. Einmal in zwei Jahren werden die Tiere geschoren, bei der ersten Schur wird das hochwertige Baby-Alpaka gewonnen: für Allergiker verträglich, waschmaschinentauglich, ungefärbt Öko-zertifiziert. Ein geschichtsträchtiger Rohstoff zudem, während der Inka-Zeit Status-Symbol: „Bei ihren Auftritten – mit goldener Maske der Sonne zugewandt – haben die Inka-Fürsten handgewebte Kleidung aus Alpaka-Wolle getragen“, sagt Rainer Langer. Die sei auch heute unerschwinglich für viele Einheimische.

Aktuell sind 36 Frauen und ein Mann beschäftigt

Judy de Langers Bruder kümmert sich um den Einkauf echter Alpakawolle bei zuverlässigen Lieferanten in Lima, wo er die Produzentinnen der Erwachsenen-Kollektionen koordiniert. Gruppen in Yungay und Caraz stellen Kinder- und Babykleidung her. Zu dritt startete das Projekt, aktuell sind 36 Frauen und ein Mann dabei, das Team lernt voneinander.

Dennoch ist Management wichtig. Judy de Langer organisiert und überwacht den Arbeitsablauf, hat regelmäßig Kontakt mit den Koordinatoren. Sie kennt die Strickfrauen persönlich, weiß um ihre Armut, vor allem im peruanischen Hochland. Tagsüber harte Arbeit auf den Feldern, stundenlanger Fußmarsch dorthin. Zeit zum Stricken bleibt da nur abends, dafür mit viel Ehrgeiz. Ergreifend manche Begegnung mit ihnen. Mit jener Frau etwa, die mit den anderen Schlange stand zur Qualitätskontrolle, barfuß, bettelarm, und ein Strickkleidchen aus einer alten Plastiktüte holte. „Unter Tränen musste ich sie auf einen Fehler hinweisen, half ihr bei der Korrektur“, erinnert sich Judy de Langer.

Judy de Langer leitet die Frauen an

Exportqualität zu erzielen sei ein langer Lernprozess gewesen. „Die Frauen stricken privat nach Augenmaß, anfangs musste ich nachbessern“, erklärt sie und zeigt eine A5-Kladde mit Tabellen und Skizzen: Maße, Strickmuster, Schnitte für die professionelle Anleitung. Handgezeichnete Vorgaben für die Frauen, die weder lesen noch schreiben können. Judy de Langer entwirft die Modelle und Kollektionen, bespricht alles bei ihren jährlichen Peru-Besuchen mit ihnen, immer Musterstücke im Gepäck.

Sie setzt auf klassische, zeitlose Mode, unkomplizierte Muster. „Ich weiß, welche Frau was kann und passe die Technologie individuell an.“ Die so kreierten Kollektionen tragen den Namen ihrer Herstellerin: „Frau-Esther-Jacken“ etwa. Das kommt gut an bei der Klientel. Auch weil nach individuellen Wünschen bestellt werden kann. Die Kunden wissen das zu schätzen, auch wenn sie länger warten müssen. Dafür haben sie einen persönlichen Bezug zu „ihrer“ Strickfrau, kennen sie von Fotos her. Nachfragen kommen aus Berlin, ganz Deutschland, aus Italien, der Schweiz, Österreich. Einzelne Stücke reisten schon nach Spanien, Australien. Besonders beliebt sind Kindersachen: Die lockere Maschenstruktur lässt die Stücke „mitwachsen“. Das Kleidchen wird später zum Pullover, zum Lieblingsstück sowieso.

Ein starkes Familien-Team

An den Wänden des Ladens hängen bunte Bilder. „Das über der Ladentheke hat unser Sohn Francesco gemalt“, sagt die Chefin. Der Produktdesign-Student unterstützt das Projekt, gestaltet den Online-Auftritt. Sein jüngerer Bruder Ricardo kümmert sich um den Verkauf von Puppenkleidung auf der Online-Plattform Etsy. Ein starkes Familien-Team für eine gute Tat. Für die es Mut braucht und Begeisterung, Herzenswärme, viel Kraft. Doch wenn sie die Strickfrauen trifft, wenn sie erfährt, wie sich ihr Leben durch das Projekt verändert, dann weiß Judy de Langer, dass ihre Entscheidung richtig war.

Information

Alpakita, Nehringstraße 26, Charlottenburg, Tel.: 0173/ 176 17 65