Kleine Schätze

Die Winzerin vom Bundesplatz in Wilmersdorf

Überall in der City West gibt es kleine Schätze, hinter denen meistens eine spannende Geschichte steckt.

Winzerin vom Bundesplatz

Winzerin vom Bundesplatz

Foto: Sofia Mareschow

Die steinerne Winzerin am Bundesplatz lächelt. Sie hat allen Grund dazu. Von ihrem zwei Meter hohen Sandsteinsockel schaut die ebenso große Frauenfigur auf die Grünanlage zu ihren Füßen. Und die zeigt sich von ihrer schönen Seite. Frühlingsblumen sprießen auf liebevoll gepflegten Beeten, Rasenteppiche dazwischen, gesäumt von ordentlich gestutzten Büschen. Frisch gestrichene Parkbänke laden zum Verweilen ein. Sichtbare Spuren fleißiger Hände. Denn vor ein paar Jahren wucherte noch wildes Gestrüpp auf dem schmalen Streifen, der zweigeteilt die Bundesallee flankiert, bevor diese abtaucht in den „Highway to Hell“. So nennen Anwohner den unbeliebten Autotunnel, einen Tribut an das Konzept „autogerechte Stadt“ der 60er-Jahre, der den einstigen gründerzeitlichen Schmuckplatz gnadenlos zerschneidet und das alte Straßengeflecht im Umfeld mit dazu. Ein trostloser Winkel entstand so auf der Westseite des Bundesplatzes an der Einmündung der Mainzer Straße.

Besonders im Winter wirkte das Areal düster, und die „Winzerin“ am Straßenrand wie ein ins Abseits gedrängtes ungeliebtes Stiefkind. Doch nun scheint die antik gekleidete Frauenfigur, ein Werk des Berliner Bildhauers Johann Friedrich Drake (1805-1882), der auch die Viktoria auf der Berliner Siegessäule, die „Goldelse“, schuf, inmitten ihres Rasenrondells wie befreit über dem frisch herausgeputzten Areal zu tänzeln. Wie sie da ihren Früchte-Korb mit ihrer linken Hand auf ihrem Kopf balanciert, erinnert sie an Abbilder der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. Ob diese den Bildhauer 1834 für das Original, eine kleine Statuette, inspiriert haben?

Original steht in der Zitadelle Spandau

Sie stand seit 1868 im Großen Tiergarten nahe dem Rosengarten, überdauerte die Kriegszeiten jedoch nicht. Das zweite Original, eine vergrößerte Fassung aus Marmor, die Drake 1854 schuf, wurde nach dem Tode des Künstlers von dessen Familie für 6000 Mark an die damalige Gemeinde Wilmersdorf verkauft, 1910 auf dem Kaiserplatz (seit 1950 Bundesplatz) aufgestellt: als reizvoller Blickfang in der Nähe eines hübschen Springbrunnens, umgeben von Blumenbeeten und Zierhecken. Ein harmonisches Ensemble, festgehalten auf Postkarten aus jener Zeit. Nach fertiggestelltem Umbau des Bundesplatzes erhielt die „Winzerin“ 1968 ihren jetzigen Standort am Straßenrand und wurde 1982 durch eine Steinguss-Replik ersetzt. Das Original kam ins Lapidarium, 2009 in die Zitadelle Spandau, wie andere Originalskulpturen auch, die inzwischen restauriert dort ausgestellt sind.

Die Versetzung der Winzerin mobilisierte die Anwohner

Ausgerechnet die Steinreplik der „Winzerin“, genauer ihre 2010 von Bezirkspolitikern geplante Versetzung auf den Rüdesheimer Platz, mobilisierte die Bundesplatz-Anrainer. Sie erhoben Einspruch dagegen und gründeten eine tatkräftige Bürgerinitiative, um den Niedergang des Kiezes zu stoppen. Mit Erfolg: Die „Winzerin“ durfte bleiben, die Initiative wurde mit Preisen ausgezeichnet. Und packt weiter unermüdlich zu, um aus der einstigen Schmuddelecke eine charmante Wohlfühl-Oase zu zaubern. Damit die Verwandlung von Dauer ist, appellieren Schilder an mehreren Bäumen an die Besucher, sich rücksichtsvoll zu verhalten - mit mahnenden Texten wie: „Bitte laufen Sie nicht in die Beete, hier sollen im Sommer viele Blumen blühen!“ Es scheint zu funktionieren - dieses Miteinander und beweist: Bessere Alltags- und Aufenthaltsqualität ist möglich, wenn der Wille da ist, auch an Orten ohne Romantik- und Idylle-Bonus. Selbst am „Highway to Hell“.