Wohin man auch schaut: Gesichter voller Vorfreude. Viele Männer mit pomadigen Tollen, einer mit einem T-Shirt mit Elvis-Schriftzug und Frauen im Petticoat verraten, dass es musikalisch zurückgeht. Allerdings nicht in die Fünfziger, wie man angesichts mancher Outfits vermuten könnte, sondern in die Achtziger. Denn damals feierte Shakin’ Stevens, der Star des Abends, seine größten Hits mit Rockabilly-Songs. Stevens war lange nicht in Berlin. Er erinnert sich selbst nicht mehr daran, wann er das letzte Mal in der Stadt war. Kein Wunder, dass ihn seine Fans wie einen verlorenen Sohn feiern und schon bei seinem Anblick vor der ersten Nummer völlig aus dem Häuschen sind.
Mit „How Could It Be Like That“ und „Turning Away“ legt der Waliser gleich temporeich los. Das Publikum ist begeistert, klatscht sich von Beginn an in Ekstase. Auf dem Rang im ausverkauften Konzertsaal der Universität der Künste schwofen die hinteren Reihen ab dem dritten Song. Das Parkett folgt einen Track später. Und bei Shakin’ Stevens’ Hit „You Drive Me Crazy“ verwandeln sich die Zuschauer in eine wogende Menge.
Zur Seite stehen Stevens eine Band mit fünf Musikern sowie zwei Backgroundsängerinnen und zwei -sänger. Eine gute Entscheidung, denn die Stimme des Walisers ist längst nicht mehr so geschmeidig wie zu den Glanzzeiten seiner Karriere. Schließlich feiert Shakin’ Stevens Anfang März seinen 71. Geburtstag.
Er trat als Support der Rolling Stones auf
Als Michael Barrat im Jahr 1948 geboren, gründete er in den Sechzigern seine Band Shakin’ Stevens & the Sunsets. Mit ihr trat er im Jahr 1969 sogar als Support der Rolling Stones auf. Doch als in den Siebzigern der Rock ’n’ Roll nur noch ein musikalischer Anachronismus war und die Disco-Welle überschwappte, ging die Band auseinander. Stevens hielt an seinem altmodischen Stil fest – und landete solo 1980 mit „Marie, Marie“ europaweit seinen ersten Charterfolg, dem noch viele weitere folgen sollten. Dann, in den Neunzigerjahren wurde es ruhig um ihn.
Nun ist Shakin’ Stevens auf Tour durch 18 britische und 14 weitere europäische Städte. Natürlich hat er auf seiner aktuellen Tour „Greatest Hits – and more“ die großen Hits mit im Gepäck. Wie „A Love Worth Waiting For“. Ein Song mit viel Rockabilly-Schmalz, bei dem nicht nur den Damen, sondern auch den Herren das Herz aufgeht. Stevens covert auch gern Kollegen, etwa James Rays R&B-Titel „Got My Mind Set On You“. Da zeigt der Sänger seine Wurzeln als echter Rock ’n’ Roller.
Bemerkenswert ist aber vor allem das Material von seinem aktuellen Album „Echoes Of Our Time“, veröffentlicht im vergangenen Jahr. Davon präsentiert Stevens eine Handvoll Songs. Sie fallen raus aus dem Rockabilly-Klang, glänzen mit viel Blues und etwas Soul. Wie etwa in „Suffer The Children“ erzählen sie von den dunklen Seiten des Lebens, aber auch von persönlichen Krisen.
Stevens erlitt 2010 einen schweren Herzinfarkt. Sein früheres Markenzeichen, der sexy Hüftschwung, fällt daher heute deutlich gebremst aus. Dennoch feiern ihn seine Fans noch genau so wie vor 30 Jahren. Nach dem Konzert sieht man überall glückliche Gesichter.


