Stolperstein

Das Schicksal des jüdischen Mädchens Susi aus Haus Nr. 4

Ein Buch, ein Film, eine Ausstellung: Was ein Stolperstein auf dem Nikolsburger Platz in Wilmersdorf ins Rollen brachte.

Ausstellung "Das Mädchen Susi"

Ausstellung "Das Mädchen Susi"

Foto: Carolin Brühl

Berlin. Der Weg führt durch das gutbürgerliche Wilmersdorf an den Nikolsburger Platz der 30er-Jahre und hinein in das Haus Nr. 4. Zu sehen ist ein gemütliches Zimmer mit Fotos in alten Rahmen, Tischchen mit Leuchter und einem Grammophon. Mit Bildern der Normalität stimmt die Ausstellung „Susi, die Enkelin von Haus Nr. 4“ in eine Geschichte ein, die ihren Ausgangspunkt in einem Stolperstein hat, der auf dem Wilmersdorfer Stadtplatz an Gertrud Cohn erinnert.

Unter der ehemaligen Schulleiterin Marianne Könnecke widmet sich die Cecilien-Grundschule der Gedenkarbeit und hat vor einigen Jahren die Patenschaft für elf Stolpersteine aus dem Kiez rund um ihren Standort am Nikolsburger Platz übernommen. Eine der fünf beteiligten Lehrkräfte war Birgitta Behr. Sie erforschte mit Kinder den Stolperstein Gertrud Cohns, die von den Nazis in Treblinka ermordet wurde. Ihr Enkelin war Susi, die mit ihren Eltern Steffy und Ludwig Collm den Holocaust in Verstecken in Berlin überlebte.

Behr machte das Schicksal des Mädchens, die Zeit der Verfolgung, des Versteckens bei Fremden, der Trennung von den Eltern in der bildhaften Sprache einer Grafic Novel auch für Kinder fassbar. Inzwischen gibt es neben dem „Bilderbuch“ die Geschichte des Mädchens Susi auch als Theaterstück, als Film und jetzt auch als Ausstellung in der Villa Oppenheim. „Das war der logische nächste Schritt“, sagt Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD). „Mit dieser Ausstellung können wir mit einer realen Geschichte, die einem Kind dieser Stadt passiert ist, Kindern und Jugendlichen heute erklären, was der Nationalsozialismus für die Menschen bedeutet hat.“ Sie habe daher sofort ihre Unterstützung zugesagt, als „Frau Behr damals mit ihren zwei riesigen Ikea-Tüten bei mir in der Tür stand“.

Die Ausstellung berichtet aus der Sicht des Kindes Susi und ihrer Familie jüdischer Herkunft. Um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, entschieden sich Susis Eltern im Oktober 1942 zusammen mit ihrer kleinen Tochter unterzutauchen. Sie überlebten dank eines Netzwerks von Helfern. Thematische Schwerpunkte der Ausstellung bilden der Schritt in den Untergrund, Susis Ängste und Hoffnungen, aber auch den Neubeginn nach dem Krieg.

Unterstützung auch von Susis Bruder

Unterstützung bekam das Projekt auch von einem Mitglied der Familie Collm. „Susi hat die Anfänge der Wiederbelebung ihrer Geschichte noch mitbekommen und war begeistert“, sagt ihr Stiefbruder Stefan. Seine Schwester sei 2014 in New York gestorben“, erzählt der 67-Jährige, der erst nach dem Krieg geboren wurde und heute in Schmargendorf lebt. „Bis zum Tod meines Vaters Ludwig Collm waren immer wieder Helfer, die die Familie in der Nazizeit beschützt haben, bei uns zu Besuch“, sagt er. Ihn beeindrucke bis heute, was diese Menschen für die Rettung seiner Familie alles riskiert hätten.

Viele der Ausstellungsstücke, die in der Villa Oppenheim zu sehen sind, hat Collm zusammengetragen. Sie ziehen die kindgerechten bildhaften Darstellungen Birgitta Behrs immer wieder geradezu schmerzhaft in die Realität zurück: ein Telefon, ein Leuchter, Familienfotos oder Dokumente wie ein Ausweis Susi Collms. „Wir wollen mit dieser Ausstellung eine Brücke der Emotionen zu den Kindern bauen“, sagt Behr. „Jedes Kind kann vermutlich verstehen, was es bedeutet, wenn man seine Oma verliert oder sich getrennt von seinen Eltern verstecken muss.“ Die Geschichte solle aber auch Hoffnung vermitteln, dass jeder die Macht habe, die Welt zu verändern. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Museumsleiterin Heike Hartmann und Museumspädagogin Nicola Crüsemann habe aus der Geschichte eine Austellung gemacht, auf die sie stolz sei.

Bis zum 16. Juni soll die Ausstellung in der Villa Oppenheim nun laufen. Was danach mit dem Projekt geschieht, ist noch unklar: „Es gibt ja eine sehr konkrete Anbindung an den Bezirk, aber die Bildungspraxis zum Holocaust im Umbruch, weil es ja immer weniger Zeitzeugen gebe“, sagt Hartmann. Diese Ausstellung erprobe neue Formen, um die gerettete Geschichte aus der Zeit nationalsozialistischer Verfolgung in einer Zeit zu erzählen, in der kaum mehr jemand aus eigener Erfahrung davon berichten könne.

Zur Ausstellung gibt es auch ein pädagogisches Begleitprogramm mit Veranstaltungen sowie Vermittlungsangeboten für Schulklassen, die an die Lebenswelt der Kinder angepasst sind, sagt Nicola Crüsemann. Es würden Fragen beantwortet wie „Wie wichtig ist historische Forschung?“, aber auch „Wie wichtig sind Grundrechte“, so die Museumspädagogin.

Information

Villa Oppenheim, Schlossstraße 55/Otto-Grüneberg-Weg, Öffnungszeiten bis 16. Juni: Di.-Fr., 10 bis 17 Uhr, Sbd., So und Feiertage, 11 bis 17. Der Eintritt ist frei.

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