Theater

Verrat in der eigenen Familie: Hamlet im Knast

Beim Theaterspielen bekommen viele junge Häftlinge erstmals ganz neue Erfolgserlebnisse und verarbeiten ihr Leben und ihre Probleme.

Sich überwinden und zusammenhalten: Theaterspielen bringt den jungen Häftlingen neue Perspektiven

Sich überwinden und zusammenhalten: Theaterspielen bringt den jungen Häftlingen neue Perspektiven

Foto: Thomas Aurich

Charlottenburg. Der Raum wird dunkel. Einer nach dem anderen kommen die jungen Schauspieler herein, stellen sich in einer Reihe auf die Bühne. Dann tritt der erste von ihnen ein paar Schritte aus der Mitte hervor und sagt einen der wohl berühmtesten Sätze von William Shakespeare: „Dass einer Lächeln kann und immer lächeln und doch ein Schuft sein kann.“

Während der junge Schauspieler, der hier ganz offensichtlich die Hauptrolle Hamlet spielt, diese ersten Worte seines Textes ausspricht, zuckt für einen ganz kurzen Moment selbst der Anflug eines Lächelns über seine jugendlich glatte Haut. Er ist einer der wenigen Männer ohne Bart auf der Bühne. Ein seitlicher Blick zu den anderen Darstellern, die vollkommen ernst bleiben, schon ist er wieder ganz bei der Sache. Richtet sich auf, blickt geradeaus ins Publikum und leistet die kommenden 70 Minuten eine große Performance.

Freiwillig für das Projekt gemeldet

Keine Selbstverständlichkeit, denn der 18 Jahre alte Hamza - den Künstlernamen hat er sich genauso wie seine Kollegen selbst gegeben - ist weder geübter Schauspieler, noch kannte er sich mit den Werken Shakespeares aus. Trotzdem meldete er sich vor gut zwei Monaten freiwillig, als das unabhängige Berliner Theaterprojekt „Aufbruch“ nach Schauspielern für die Theaterproduktion von Hamlet im Jugendgefängnis suchte. „Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren“, sagt Hamza. Dann hat er die Hauptrolle bekommen.

Etwas Neues probieren, eine Alternative zum Knast-Alltag erfahren - das war für viele der 13 inhaftierten Darsteller die Motivation, sich in ihrer Freizeit der Gefängnis-Theaterproduktion anzuschließen. 18 junge Gefangene im Alter von 17 bis 27 Jahre hatten sich anfangs gemeldet, ein paar von ihnen haben schnell gemerkt, dass das Theaterspielen doch nicht so ihr Ding ist. Der Rest blieb, bekam Sprech- und Gesangstraining, probte über sieben Wochen viermal die Woche das Stück. Dann die Generalprobe vor Publikum: Eine Gruppe von Studenten und Medienvertretern ist geladen.

Die Inszenierung des Regisseurs Peter Atanassow läuft aus Zuschauerperspektive glatt durch, alle sind voll in ihren Rolle. Ob es Jalal mit großem, schwarzen Reifrock als Gertrude ist oder ein anderer junger Mann mit Bart und weißem Gewand in Absatzschuhen als Ophelia. Jeder spricht seinen Text laut und voller Inbrunst, in der Sprache Shakespeares. Nur dreimal muss die Souffleuse einen kurzen Anstoß geben. Dazwischen immer wieder gemeinsame Chorgesänge, von einem Pianisten begleitet: „Junge, komm bald wieder“ oder „Ich wollt, ich wär ein Huhn“ geben die Gefangenen zum Besten.

Und wie sie dann am Ende unter großem Applaus alle nebeneinander auf der Bühne stehen, teilweise den Arm um die Schultern ihrer Nachbarn gelegt, das Klatschen genießen, sehen sie stolz aus. In diesem Moment ist nicht mehr viel da von der Fassade der harten Junges, die sie sonst sind. Jeder von ihnen hat etwas auf dem Kerbholz, im Schnitt verbüßen die jungen Männer eine Haftstrafe von 18 Monaten in der Jugendstrafanstalt. Was genau jeder Einzelne von ihnen verbrochen hat, spielt auf der Bühne keine Rolle. Vom Schwarzfahren bis hin zum Tötungsdelikten sei alles dabei, heißt es

Dass ihre Delikte ausnahmsweise mal keine Rolle spielen, gehört zum Konzept des Gefängnistheaters. Seit rund 20 Jahren geht das freie Theaterprojekt „Aufbruch“ in verschiedene Berliner Gefängnisse. Sibylle Arndt ist die Produktionsleiterin der Hamlet-Inszenierung. Sie habe mit dem Theater gute Erfahrung im Hinblick auf die Entwicklung der Gefangenen gemacht. „Wir machen das alles auch, weil das für die jungen Männer eine tolle Erfahrung ist, endlich mal Erfolg zu haben“, sagt sie. „Denn das sind häufig Menschen, die ihr Leben lang mit Ablehnung und Ausgrenzung zu tun hatten.“

Erfolg haben setzt einen Prozess in Gang

Der Effekt des Erfolgshabens setze einen Prozess in Gange. Ein Stück kulturelle Bildung und soziale Kompetenz: Im Laufe der Proben findet sich das Ensemble zusammen, alle ziehen mit demselben Ziel an einem Strang. Kaum einer der jungen Männer kannte Hamlet vorher, jetzt lesen es manche von ihnen noch abends auf der Zelle. Weil das Gefangenentheater so große Erfolge verzeichnet, wird es in diesem Jahr erstmalig aus dem Justizhaushalt mitfinanziert.

Besonders wichtig ist die Auseinandersetzung mit dem Stoff der jeweiligen Stücke. „Bei Hamlet gibt es unendliche Deutungsschienen“, sagt Regisseur Peter Atanassov. Die Spieler haben über das Theater die Möglichkeit, über eigene Probleme zu reden und Konflikte zu zeigen. Eines der wichtigsten Themen bei Hamlet ist der Verrat in der eigenen Familie: „Für die jungen Männer war die Familie bislang immer der Schutzraum, der über allem stand“, sagt Atanassov. „Bei Hamlet finden plötzlich in der Familie Mord und Verrat statt.“ Zu begreifen, dass so etwas vorkommen kann, sei eine große Herausforderung gewesen.

Nicht zu lachen ist das größte Problem

Die größte Herausforderung für die Gefangenen selbst sei es gewesen, nicht zu lachen, wie sie erklären. Besonders betreffe das die Frauenfiguren. Der 17 Jahre alte Jalal spielt Gertrude. „Die Rolle war genauso wie die der Ophelia total unbeliebt, das ist doch klar“, sagt Jalal. Mit einem Lächeln fügt er hinzu: „Wer spielt im Knast schon gern eine Frau?“ Er stehe jetzt drüber, das sei ja nur eine Rolle.

Die Deutungen des Stücks haben ihn genauso wie G-Kay beschäftigt. G-Kay spielt den Horatio. „Das Stück zeigt, dass man etwas schlau regeln kann - auch wenn es um Verrat und Mord geht“, sagt er. Über seine Teilnahme am Theaterprojekt sei er froh. „Man wird dabei irgendwie reifer“, sagt der 19-Jährige. „Man muss sich ja mit den anderen verstehen, damit das Stück funktioniert.“ Er sei nun aufgeregt und gespannt, was seine eigene Familie zur Aufführung sagt. Sie kommt zu einer Vorstellungen.

Information

Karten gibt es nur im Vorverkauf, sie müssen mindestens fünf Tage vor der Veranstaltung gekauft werden. Es gibt noch Termine: 3., 5., und 7. Dezember 2018 jeweils um 17.30 Uhr im Kultursaal der JSA Berlin. Friedrich-Olbricht-Damm 40, Charlottenburg

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