Grunewald

Lernen im Waldmuseum: „Bist du größer als ein Wildschwein?“

Das Waldmuseum Grunewald zeigt die Vielfalt des Lebensraums Wald, die angeschlossene Schule bietet Führungen für Klassen und Kitas.

Die stellvertretende Museumsleiterin Susanne Schulz im Themenzimmer „Lebensraum Wald“ mit einem Dachs

Die stellvertretende Museumsleiterin Susanne Schulz im Themenzimmer „Lebensraum Wald“ mit einem Dachs

Foto: David Heerde

Grunewald.  Wie groß ist ein Fasanenei? Wie klingt der Gesang des Zilpzalps? Wie weit springt eine Waldmaus und wie genau sieht das Nest der Schwanzmeise aus? Alles Fragen, die Großstädter sich und ihren Kindern eher selten stellen. Solches Wissen über unsere Umwelt geht immer mehr verloren und damit auch der Bezug zur Natur. Das Waldmuseum Grunewald kämpft dagegen an. „Wir sind dafür da, Menschen in den Wald zu holen und ihnen einen Zugang zu ermöglichen“, sagt die stellvertretende Leiterin Susanne Schulz, Jahrgang 1986. „Wir wirken der fortschreitenden Naturentfremdung der modernen Stadtmenschen entgegen.“

Der noch auf ein altes preußisches Flächenmaß zurückgehende „Jagen 57“ im Grunewald ist dafür ein denkbar günstiger Ort, gut mit der S-Bahn erreichbar und doch fern alles Städtischen. Fast hundert Jahre lang war hier eine Baumschule angesiedelt, die Bäume und Sträucher aus aller Herren Länder für den Großen Tiergarten heranzog. Seitdem sie 2003 aufgegeben wurde, ist die Fläche unter der Aufsicht der Revierförsterei Eichkamp verwildert. Praktisch ohne Zutun des Menschen ist wieder ein Wald herangewachsen, der sich durch eine große Pflanzenvielfalt auszeichnet und in dem sich teils streng geschützte Tierarten angesiedelt haben, darunter zahlreiche Singvogelarten.

Waldschule und Museum in der Villa des Hauptgärtners

Mitten auf das Gelände wurde dem Hauptgärtner der ehemaligen Baumschule 1914 eine schmucke kleine Villa im neobarocken Stil gebaut. Hier ist nun seit 2004 das Waldmuseum untergebracht, sein Träger ist die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Eng verzahnt ist der Betrieb mit einer Waldschule, die von den Berliner Forsten gefördert wird. Die Waldschule wird von Schul- und Kitagruppen in Anspruch genommen und offeriert zahlreiche Bildungsangebote wie Waldführungen.

„Die Kinder starten dann immer hier im Waldmuseum, deswegen drängelt man sich vormittags mitunter zwischen lärmenden Schulklassen“, sagt Schulz. „Wer in Ruhe schauen oder ganz entspannt mit Kindern oder Enkeln unsere vielen Aufgaben lösen möchte, kommt am besten nach der Mittagszeit oder erkundigt sich vorher telefonisch.“

Die Ausstellung ist relativ klein, umfasst drei Räume in der alten Villa sowie den Garten vor dem Haus. Zu entdecken gibt es aber genug. Hornissennester, Vogeleier oder Tierschädel, präparierte Tiere, Tastkästen oder einen Barfußpfad. Irgendwo steht gar eine riesige Eichenbaumscheibe in der Ecke, auf der die Jahresringe markiert sind und man um 1944 herum einen eingewachsenen Splitter sehen kann.

Groß und Klein können im Waldmuseum Neues lernen

Das Waldmuseum ist eine Art Lehrstube. Alles ist daher kindgerecht gestaltet, was aber nicht heißt, dass die Großen nichts mehr lernen können. „Ich möchte den Erwachsenen sehen, der jedes Quiz lösen und alles beantworten kann“, sagt Schulz und drückt einem zum Beweis einige Holzscheite in die Hand. Es handelt sich um das Rindenquiz. Anhand der Rinde, des Gewichtes und des Aussehens des Holzes soll man die jeweilige Baumart erraten. Linde, Eiche oder Walnuss? Schwieriger als gedacht, erst recht, wenn weniger häufige Bäume ins Spiel kommen. Selbst eine große Schauwand, an der eine Baumgalerie mehrere Arten samt Blättern, Samen und detaillierten Zeichnungen präsentiert, macht einem die Entscheidung zwischen Bergulme und Spitzahorn, Hainbuche oder Vogelkirsche, Robinie oder Traubeneiche keineswegs leicht.

Interaktivität und insbesondere das Quizprinzip ziehen sich als roter Faden durch die Ausstellung. Fast jede Thematik wird über Fragen und Ratespiele erschlossen. „Bist du größer als ein Wildschwein?“, steht da zum Beispiel und daneben kann man die eigene Schulterhöhe mit der verschiedener Waldtiere vergleichen. Beim Zapfenquiz müssen die zugehörigen Nadelbäume erraten werden, es gibt ein Baumscheibenpuzzle, eine „Klötzchenprüfung“ oder ein Riechquiz, bei dem man Maiglöckchen, Veilchen, Erdbeeren, Tannen und Waldhonig erschnuppern muss. Im Themenzimmer „Lebensraum Wald“ können ausgestopfte Tiere besichtigt werden, denen man im Wald nicht so nahe kommen würde: Eulen, Igel oder Dachse, Wiesel, Enten oder Rotwild. Solche Exponate dürfen natürlich nicht angefasst werden. Es gibt aber eine Fellsammlung mit Fellen von Wildschwein, Fuchs, Damm- oder Rotwild. „Die darf man dann gern auch streicheln.“

Das Pilzpuzzle ist ein gutes Beispiel dafür, wie verschiedene Generationen gleichzeitig angesprochen werden. Während Kinder einen Pilz zusammenlegen müssen und dabei von Myzel bis Hut seine verschiedenen Teile kennenlernen, sind essbare und giftige Pilze detailliert auf dazugehörigen Infokarten beschrieben, mit denen sich Pilzsammler testen können – und selbst die versiertesten werden an ihre Grenzen stoßen. Die Ausstellung existiert schon recht lange. Die 1973 gegründete „Waldlehrschau“ eröffnete unter der Schirmherrschaft des damaligen West-Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz und befand sich 30 Jahre lang in einem Nebengebäude des Jagdschlosses Grunewald. Einiges hat sich getan seitdem, aber manche Exponate stammen tatsächlich noch von damals, haben sich bewährt und nichts von ihrem Charme verloren.

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