Nur vier lange Schrauben ist der trostlos aussehende Baumstumpf am Straßenrand in der Nollendorfstraße noch davon entfernt, zu einem Streetart-Objekt zu werden. Harald Kortmann zieht eine kleine, runde Baumscheibe aus seiner Fahrradtasche, zückt den Akkuschrauber und versenkt die erste Schraube in dem weichen Holz des Stumpfes. Rechts daneben eine zweite Baumscheibe, fertig sind die Augen. Es folgen zwei dickere, knorrigere Äste für Nase und Mund.
Harald Kortmann blickt zufrieden auf sein Werk. Nicht einmal zwei Minuten hat es gedauert, bis sein neuer Baumkobold fertig war. Lustig sieht das kleine Wesen am Straßenrand aus, mit seinen großen Baumscheiben-Augen scheint es die Menschen richtig anzugrinsen. Die ersten Fußgänger haben ihn im Vorbeigehen schon erspäht, drehen sich noch einmal um und müssen schmunzeln. „Jetzt hat der Baum wieder ein Gesicht und wird nicht mehr übersehen“, sagt Kortmann. Auch er grinst nun zufrieden und schwingt sich wieder auf sein Rad.

Alle paar Tage unternimmt Harald Kortmann eine Fahrradtour durch die Wilmersdorf, Friedenau, Steglitz oder andere Bezirke und hält nach Baumstümpfen Ausschau, um sie in Baumkobolde zu verwandeln. Heute ist er mit seiner Protestaktion in Schöneberg unterwegs. Damit will der 49-Jährige auf die schwierige Situation von Stadtbäumen aufmerksam machen: Auf ihr Abholzen, fehlende Neubepflanzung und darauf, dass die Menschen im Allgemeinen viel sorgsamer mit ihnen umgehen sollten. In diesem heißen Sommer sei ihm das ein besonders großes Anliegen gewesen. „Wir brauchen die Bäume zum Atmen, da können wir doch in Notsituationen auch für sie sorgen“, sagt Kortmann. Der Senat schaffe es nicht, alle Straßenbäume der Stadt ausreichend zu gießen und zu pflegen. Deshalb appelliert Kortmann an die Bürger: „Ein paar Liter Wasser am Tag zu spenden, schadet niemandem.“
Begonnen hat Kortmann in Steglitz
Doch den meisten Menschen falle es nicht einmal auf, wenn immer mehr Bäume aus dem Straßenbild verschwinden. Davon ist er überzeugt. Und genau das sieht er als das größte Problem. Deshalb hat er vor mehr als drei Jahren damit angefangen, die Baumstümpfe zu verschönern. „Wenn das Straßenbild schöner ist, aktiviert das die Menschen.“ Im Mai 2015 kreierte Kortmann den ersten Baumkobold in Steglitz. Da fehlten auf einen Schlag gleich knapp 40 Straßenbäume und nicht einmal die Hälfte wurde nachgepflanzt. „Das war ein Geburtstagsgeschenk für meine Mutter“, erinnert er sich. Am nächsten Tag ging er wie gewohnt mit ihr um die Häuser spazieren und sie freute sich sehr über den Anblick. Dann machte Harald Kortmann weiter. Anfangs unerkannt, ein paar Monate später gab er sich der Presse gegenüber das erste Mal zu erkennen.
Sein erster Name lautete "Dead Ents"
„Es ging ja nicht um mich, sondern um die Bäume – deshalb wollte ich mich zuerst nicht zeigen“, erklärt er. Irgendwann war das nicht mehr möglich. Auch nicht so schlimm. Ein Straßenkünstler wollte er eigentlich nie werden, schnell wurde er jedoch von anderen so bezeichnet. „Jetzt bin ich eben einer“, sagt er. Seine Werke hatte er ursprünglich als „Dead Ents“ bezeichnet, nach den Ents aus Herr der Ringe. Ein Freund riet ihm, den Namen zu ändern. Zu brutal. Dann kam der Name Baumkobolde auf. Dabei bleibt er nun. „Vor allem für die Kinder klingt das besser.“
Kinder sind besonders interessiert
Kinder sind ganz besonders an seinen Aktionen interessiert. Wenn Kortmann in der Kaminholzfirma, in der er einst arbeitete und heute freies Materialrecht hat, das Zubehör für seine Baumkobolde vorbereitet, kommen die Kinder immer sofort zu ihm. „Die wollen ganz genau wissen, was ich da mache.“ Auch auf der Straße: Wenn Kortmann am Tage unterwegs ist, wird er ständig angesprochen – von Kindern und Erwachsenen. Einerseits schön, andererseits hält ihn das auf. Deshalb fährt er häufig nachts mit dem Fahrrad durch die Gegend und vollzieht seine Mission. Er hat dann etwa 50 bis 60 Kilo vorbereitetes Material dabei.
Hauptzeit ist die jährliche Baumfällsaison
„Das ist einfach effizienter“, sagt Kortmann. Seine Hauptzeit ist die jährliche Baumfällsaison, die im November beginnt und mit dem Februar endet. „Die größte Herausforderung ist es, mit vor Kälte blauer Finger Schrauben ins gefrorene Holz zu bringen.“ Um die 1000 Baumstümpfe verziert er so im Jahr, die Kosten für die Schrauben trägt er selbst. „Man muss schon mit sehr viel Leidenschaft und Enthusiasmus dabei sein, um das so durchzuziehen.“ Aber es geht ja um die Rettung der Bäume.
Ein Gefühl für die Bedürfnisses der Bäume
Die waren schon immer seine Leidenschaft. Schon als Kind verbringt Harald Kortmann als Kind viel Zeit auf dem Campingplatz seiner Eltern am Wannsee. Der Grunewald war sein Spielplatz. „Ich bin wohl schon immer aufmerksamer durch den Wald gestrichen, als die meisten meiner Altersgenossen.“ Wahrscheinlich habe er deshalb heute auch mehr Gefühl für die Bedürfnisse der Bäume. Es tue ihm richtig weh, wenn er sieht, wie nah manche Autofahrer an den Straßenbäumen parken. „Das ist so als würde ein Elefant sich auf den Fuß einer Antilope stellen“, sagt er. „Die Leute merken gar nicht, dass sie Bäume verletzen.“ Oder es ist ihnen schlichtweg egal. Ein Fakt, den er so gar nicht nachvollziehen kann.

Gefällte Straßenbäume sollen nachgepflanzt werden
Seine Aktion sei im Übrigen keine Kritik an den Fällungen im Allgemeinen. „In mehr als 90 Prozent der Fälle halte ich es für gerechtfertigt, dass die Bäume abgeholzt werden“ sagt er. Wenn sie zu schwer geschädigt sind, könne leider nichts mehr gemacht werden. „Bei kleineren Verletzungen könnte man sich natürlich früher drum kümmern“, sagt er. Schnell sei der Schaden jedoch so groß, dass der Baum nicht mehr gerettet werden kann. In diesen Fällen bleibt Kortmanns Forderung ganz klar die nach einer Neupflanzung für jeden gefällten Baum. „Zugepflastert wird schnell, da kommt dann kein Baum mehr hin.“ Deshalb freut er sich auch über jeden verschwundenen Baumkobold. „Das bedeutet ja, dass dort ein neuer Baum wächst.“


