Geschichte

Ehrengräber mit Verfallsdatum

Menschen, die sich zu Lebzeiten um Berlin verdient gemacht haben, erhalten Ehrengräber. Für die Ewigkeit aber nicht - zumindest nicht in Berlin.

Inzwischen Abgeräumt: Der Grabstein des Archäologen und Gründers des Pergamon-Museums Theodor Wiegand auf dem Waldfriedhof in Dahlem. Foto: Arvid Zemkus

Inzwischen Abgeräumt: Der Grabstein des Archäologen und Gründers des Pergamon-Museums Theodor Wiegand auf dem Waldfriedhof in Dahlem. Foto: Arvid Zemkus

Charlottenburg-Wilmersdorf. Friedhöfe sind mehr als die letzte Ruhestätte für Verstorbene. Viele der alten Anlagen in Berlin bieten den Lebenden Orte stiller Einkehr. Sie sind aber auch Denkmäler der Geschichte der Stadt. Die Grabstätten sind ein Querschnitt durch das Geistesleben der Stadt. Berliner Dichter, Denker, Künstler und Politiker bis zurück ins 18. Jahrhundert haben auf den Friedhöfen ihre letzte Ruhe gefunden.

Senat entscheidet über Ehrengräber

Wer sich zu Lebzeiten besonders um Berlin verdient gemacht hat, kann ein Ehrengrab in Berlin erhalten. Der Senat entscheidet frühestens fünf Jahre nach dem Tod einer Person über eine solche posthume Auszeichnung. Vorschläge können von Bürgern jeder Zeit eingebracht werden. Die Ehrung umfasst dann die Grabpflege sowie die Instandhaltung der Grabstätte für mindestens 20 Jahre. Aktuell gibt es mehr als 800 Ehrengräber in Berlin, die die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auflistet. Doch für die Ewigkeit hält eine solche Ehrung nicht, immerhin muss der Senat für die Pflege jedes der Gräber im Jahr 200 Euro bezahlen. Das Geld überweist der Senat an die Bezirke. Es ist aber nicht zweckgebunden und muss somit nicht ausdrücklich für die Pflege der Ehrengräber eingesetzt werden. Wenn es kein Geld mehr gibt oder der Senat keine Verlängerung des Ehrengrabstatus' beschließt, wird abgeräumt.

Auf dem Friedhof an der Heerstraße liegen viele Berühmtheiten, deren Namen noch heute im Bewusstsein der meisten Berliner verankert sind. Der Maler George Grosz (1893-1959), der Humorist Loriot (1923-2011) und der Schauspieler Horst Buchholz (1933-2003) sind nur drei Namen, die dort auf Grabsteinen zu lesen sind.

Am Friedhofseingang an der Olympische Straße hängt eine schlichte Liste in einem Schaukasten. Darauf stehen die Namen von Toten, die in einem Ehrengrab auf dem Friedhof beerdigt sind. Darunter auch Michiko de Kowa-Tanaka (1909-1988), die mit ihrem Mann, Victor de Kowa (1904-1973), in einem Doppelgrab beerdigt wurde. Doch während der Status für den Schauspieler Victor de Kowa weiter erhalten bleibt, endet er für die japanische Sängerin und Schauspielerin trotz ihrer Verdienste. Michiko de Kowa-Tanaka engagierte sich für ein Deutsch-Japanisches Kulturabkommen und war an der Gründung der Japanisch-Deutschen Gesellschaft Tokyo beteiligt. Sie wird wohl weiter unter der steinernen japanischen Ampelskulptur an der Seite ihres Mannes bleiben dürfen, aber das Land zahlt den Beitrag für die Grabpflege nicht mehr. Die Gräber der beiden Wissenschaftler Oskar und Hermann Minkowski, die ebenfalls aus auf der Liste angemarkert sind, werden aber verschwinden und somit aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt.

Mehr Glück ist dem riesigen Steinsarkophag von Maximilian Harden (1861-1927) beschieden. Auch das Grab des bedeutenden Publizisten der Weimarer Zeit und Mitbegründers der "Freien Volksbühne" sollte verschwinden. Doch buchstäblich in letzter Minute hat sich ein "Pate gefunden", der sich weiter um den Erhalt der Grabstätte kümmern will.

Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bemüht sich trotz klammer Kassen um Sensibilität bei der Erhaltung seiner Ehrengräber. "Wenn wir feststellen, dass ein Grab vom Senat aus der Liste genommen worden ist, wir aber wissen, dass sich immer noch regelmäßig Menschen dort einfinden, denen der Verstorbene etwas bedeutet hat, versuchen wir eine Lösung für den Erhalt der Grabstätte zu finden", sagt Baustadtrat Marc Schulte (SPD). Der Bezirk versuche beispielsweise Paten zu finden. "Wir reden manchmal auch mit den neuen Pächtern solcher Gräber, damit das alte Grabmal auf der Grabstätte erhalten bleibt", sagt Schulte. Darüber hinaus sei geplant die Gräber mit einer besseren Kennzeichnung zu versehen, aus denen biografische Angaben zu dem jeweiligen Verstorbenen abzulesen seien. Anders ist das im Nachbarbezirk Steglitz-Zehlendorf. Dort ist es auch mit der Bereitschaft zu einer Patenschaft nicht getan. Diese Erfahrung hat Arvid Zemkus gemacht. Der freiberufliche Stadtführer will das Abräumen von Ehrengräbern nicht einfach hinnehmen. Er sucht nach Paten und Sponsoren oder erklärt sich sogar bereit, vom Einebnen bedrohte Gräber mit eigenen Mitteln zu erhalten. Dennoch kann sein Einsatz nicht immer Rettenswertes retten. Besonders am Herzen lagen Zemkus die Gräber des Archäologen Theodor Wiegand (1864-1936) und des Ägyptologen Adolf Erman (1854-1937) auf dem Waldfriedhof in Dahlem.

Entdecker des Markttors von Milet

Wiegands Namen ist untrennbar mit der Entdeckung des berühmten Markttors von Milet im Pergamonmuseum verbunden. Als Direktor der Antikenabteilung der Museen in Berlin war Wiegand für den Aufbau und die Einrichtung des Pergamonmuseums auf der Museumsinsel zuständig. In seiner ehemaligen Privatvilla in Dahlem ist heute noch das Deutsche Archäologische Institut untergebracht, und es trägt auch seinen Namen. Seine Grabstätte fällt aber nun trotz des Einsatzes von Arvid Zemkus dem Vergessen anheim. "Immerhin ist der Grabstein in den Garten seines ehemaligen Hauses nach Dahlem gebracht worden", sagt Zemkus und schüttelt dabei bedauernd den Kopf.

Berühmter Ägyptologe

Doch wo man sich künftig an Adolf Erman erinnern soll, steht in den Sternen. Der Ägyptologe war nicht nur ein bedeutender Übersetzer antiker Papyri, sondern auch ein enger Freund des Unternehmers und Mäzens James Simon, nach dem immerhin das neue Eingangsgebäude der Berliner Museumsinsel zwischen Neuem Museum und Kupfergraben benannt wird. Simon förderte unter anderem auch viele Ausgrabungen in Ägypten. "Letztlich haben wir es der Freundschaft von Erman mit Simon zu verdanken, dass wir heute in Berlin die Nofretete haben", sagt Zemkus. Zemkus hat sich in einem Schreiben ans Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf bereit erklärt, die Gebühren für den Erwerb und die Nutzung von Ermans Grab für die Dauer von fünf Jahren zu zahlen, doch die Antwort des Bezirks vom 28. Oktober 2015 überraschte ihn dann doch: "Aufgrund einer zurzeit geringen Anzahl zur Verfügung stehender Doppelerdwahlstätten bitt ich von einem Erwerb zur Erhaltung einer privaten Ehrengrabstätte abzusehen. Die gegebenenfalls von vorhandenen Grabmäler, die Merkpfähle und weitere Grabausstattungsgegenstände werden vor der Überlassung des Nutzungsrechts von der Friedhofsverwaltung entfernt." Zemkus will aber noch nicht aufgeben: "Zur Not müssen wir eben dann eben mit einem Holzkreuz aus einer Apfelsinenkiste weiter an Adolf Erman erinnern."

Protest auch vom Verein für die Geschichte Berlins

Für den Verein für die Geschichte Berlins ist das ein "unhaltbarer Zustand", sagt sein Vorsitzender Dr. Mandred Uhlitz. "Was ist das für eine komische Stadt, in der man die Grabstätte des Gründers des Pergamon-Museums einfach so abräumt - und das wenige Tage vor dem Totensonntag." In der Senatskanzlei weiß man um das Problem. In der alten Regelung aus den 50er-Jahren gab es noch keine Befristung. "Seit 2004 gibt es eine Neuregelung über den Umgang mit den Ehrengräbern", sagt Vize-Senatssprecher Bernhard Schodrowski. "Wir versuchen sensibel vorzugehen, wenn die Frist für ein Ehrengrab nach 20 Jahren ausläuft." Der Namen solle dann aber nicht nur einer Fachöffentlichkeit, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sein. "Ich denke da beispielsweise an den Namen George Grosz, der ja auch noch vielen geläufig ist", so Schodrowski. Der Senat rege außerdem an, dass neben der öffentlichen Unterhaltung von Ehrengräbern auch private Initiativen bei der Pflege des Gedenkens zum Zuge kommen, wenn der Ehrengrabstatus nach 20 Jahren ausläuft.