Saftige Äpfel, süße Kirschen und weiche Pflaumen – alle frisch und pflückbereit mitten in Berlin. Was nach Träumereien klingt, wird derzeit verstärkt in den Bezirken diskutiert. Jetzt wollen die Grünen in Charlottenburg-Wilmersdorf mit ihrem Antrag „essbarer Bezirk“ den ersten Spatenstich setzen. Die Idee ist, über urbanen Gartenbau hinaus sollen im Bezirk Bäume, Sträucher und andere Gehölze gepflanzt werden, deren Früchte von Vorbeispazierenden gepflückt und verspeist werden können.
„Wir wollen ein Stück Natur in die Stadt bringen und die Entfremdung der Städter von der Natur aufheben“, sagt Christoph Wapler. Zusammen mit seinen Kollegen Petra Vandrey und Jenny Wieland hat Wapler den Antrag „essbarer Bezirk“ gestellt. Die Funktion des Projekts könne ökologisch, sozial und bildungspolitisch sein. „Kinder sollen ihr Essen wachsen sehen und es nicht nur aus dem Supermarktregalen nehmen“, wünscht sich der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Charlottenburg-Wilmersdorf. Dabei könnte neben Obstbäumen auch Gemüse angebaut werden.
Vorbild für den „essbaren Bezirk“ sind bereits funktionierende Projekte wie die „essbare Stadt“ Andernach in Rheinland-Pfalz. Dort begann 2010 die Verwaltung Gemüse, Obst und Kräuter im öffentlichen Raum anzubauen. Bürger können kostenlos ernten. Ziel ist auch hier, die Wertschätzung der Menschen für regionale Lebensmittel zu steigern und die Bürger zu motivieren, sich für den Lebensraum in der eigenen Stadt einzusetzen.
Abstimmung in der BVV am 4. März
Auch das Projekt „essbarer Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf“ ist auf die Mithilfe der Bürger angewiesen. „Wir hoffen darauf, einzelne Menschen und natürlich Bürgerinitiativen für das Projekt begeistern zu können“, so Wapler. Am 4. März 2015 wird über den Antrag abgestimmt. Wenn die Mehrheit der Bezirksverordneten für das Konzept ist, soll in einem Workshop die Umsetzung vorbereitet werden. Dazu werden Fachleute, Verbände, Initiativen und Bürger eingeladen. Besprochen werden soll unter anderem, welche Kosten durch die neue Bepflanzung entstehen, wie hoch die Schadstoffbelastung der Pflanzen durch den Straßenverkehr ist und wie Vandalismus verhindert werden kann.
Pflege und Unterhaltung sind schwierig
In Berlin ist besonders in Friedrichshain-Kreuzberg der gemeinschaftliche Gemüseanbau verbreitet. In Gemeinschaftsanlagen wie den Prinzessinnengärten treffen sich Anbaubegeisterte zum gemeinsamen Pflanzen und Ernten. Hans Göhler kennt sich mit der Anpflanzungsproblematik aus. Als Projektmanager bei Grün Berlin betreut er unter anderem den Botanischen Volkspark Blankenfelde-Pankow. Dieser beherbergt alte Gewächshäuser, Obstbäume, Kräutergärten, Wildgehege und Bauerngärten. Der alte Obstbaumbestand des Parks würde besonders Familien zu wochenendlichen Pflücktouren anregen, so Göhler. In den Bauerngärten könnten Privatpersonen vorbereitetes Land mieten, dort selbst Gemüse und Obst anbauen. Der Projektmanager sieht das Anbauen von Obst und Gemüse im öffentlichen Raum problematisch. Besonders die Pflege und Unterhaltung sei schwierig: „Obstbäume sind empfindlich und müssen fachkundig betreut werden.“
Diese Bedenken kann auch CDU-Politiker Daniel Krüger verstehen. Im Alten Park und Lehnepark am Tempelhofer Damm in Tempelhof wären zum Beispiel Obstbäume gepflanzt worden, die nicht intensiv genug gepflegt würden. „Die fachgerechte Betreuung ist aufwendig und das notwenige Personal muss vorhanden sein“, sagt der Baustadtrat von Tempelhof-Schöneberg. Außerdem seien die Böden in Berlin nicht optimal für den Obstanbau. „Ein weiteres Problem sind Menschen, die Früchte vor der Reifung pflücken und dann wegwerfen“, so Krüger.
Die Berliner, die mit dem Pflücken frischer Früchte nicht warten wollen, bis sich die Politiker geeinigt haben, können bereits auf Seiten wie „Mundraub“ die besten Berliner Obstbäume entdecken. Das von Kai Gildhorn gegründete, gemeinnützige Unternehmen bietet eine Plattform, um Fundorte von Obstbäumen, Nüssen und Kräutern mitzuteilen sowie Erfahrungen und Rezepte auszutauschen. Auf der digitalen Landkarte können Fruchtbegeisterte den Baum mit ihrer Lieblingsobstsorte finden, auf die richtige Jahreszeit warten und sich dann mit Körben ausgerüstet zur Ernte aufmachen.



