Der Checkpoint Charlie soll autofrei werden. So fordern es die Grünen im Abgeordnetenhaus. Die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Claudia Hämmerling, warnt: „Dieser Ort wird täglich von Tausenden Touristen besucht. Die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten und insbesondere die Replik des Wachhäuschens lenkt die Aufmerksamkeit vom Straßenverkehr ab und verleitet zum unbedachten Betreten der Fahrbahn.“

Die Politikerin forderte jetzt als erste Sofortmaßnahme wenigstens die Einführung eines Schritttempos am Checkpoint Charlie. In jedem Fall müsse die Stadtentwicklungsverwaltung ein Gesamtkonzept vorlegen, wie künftig der Verkehr an dem Engpass geführt werden soll. „Vor allem das Problem mit den Reisebussen ist akut.“ Hämmerling fordert: „Sie dürfen nicht mehr am Checkpoint stehen.“ Auch FDP, Tourismus-Werber und auch die SPD sagen, dass etwas geschehen müsse. Manuela Damianakis, Sprecherin der Stadtentwicklungsverwaltung, sicherte eine Prüfung zu: „Wir werden alles prüfen, was der Verkehrssicherheit dient.“

Die Berliner Morgenpost hat den Praxistest gemacht: Wie viele Fahrzeuge frequentieren tatsächlich den Bereich des ehemaligen Grenzübergangs zwischen Ost- und West-Berlin? Kommt es wirklich regelmäßig zu gefährlichen Szenen zwischen Autofahrern und Passanten, oder läuft dort etwa alles ganz entspannt ab?

12 Uhr: Entspannte Ruhe am Mittag

Dort, wo sich früher mit den USA und der Sowjetunion die Hauptakteure des Kalten Kriegs Auge in Auge gegenüberstanden, vernimmt man heute babylonisches Sprachengewirr. Auf dem Bürgersteig gegenüber dem Wachhäuschen steht eine Gruppe Touristen im strahlenden Sonnenschein. Auf dem gesamten Straßenabschnitt zwischen Koch- und Zimmerstraße herrscht an diesem Mittag eine gelassene Stimmung. Einzelne Grüppchen von Touristen schlendern aus dem Mauermuseum heraus oder posieren zusammen mit den als Soldaten verkleideten Darstellern für ein Erinnerungsfoto.

Auf den Straßenverkehr müssen sie dabei nicht achten, denn die Fahrbahn ist meistens verwaist. Ab und an fährt mal ein Bus der verschiedenen Stadtrundfahrtsunternehmen vor dem Mauermuseum vor. Doch mehr als vier Passagiere steigen selten aus. Doch dies ist im Sommer anders. Für Michael Gräfe, Geschäftsführer der Berolina-Stadtrundfahrten, ist der Checkpoint Charlie bei Sightseeingtouren als Zwischenstopp unverzichtbar. „Für Touristen ist der Checkpoint Charlie extrem wichtig“, so Gräfe. „Deshalb ist es absolut kontraproduktiv, diesen Bereich dichtzumachen.“ Wenn die Friedrichstraße in diesem Bereich gesperrt werde sollte, erwartet der Busunternehmer große Probleme für die parallel zur Kochstraße verlaufende Zimmerstraße. Dort hätten die vielen Reisebusse schon jetzt große Schwierigkeiten zu halten und ihre Passagiere ein- und aussteigen zu lassen. Wenn dann auch noch die Fahrzeuge der Stadtrundfahrten hinzukämen, befürchtet Michael Gräfe das Schlimmste: „Da bricht dann das blanke Chaos aus.“

12.30 Uhr: Gefahr nur durch Lastwagen

Doch auch der Vorschlag, nach niederländischem Vorbild einen „shared space“, einen geteilten Straßenraum einzurichten, stößt bei Busunternehmer Gräfe auf Ablehnung: „Da auswärtige Reisebusfahrer keinerlei Erfahrungen mit solchen Straßenabschnitten hätten, wäre das Unfallrisiko weitaus höher als momentan. Wer jemals einen Bus gefahren hat, weiß, wie wichtig ein klar strukturierter Straßenraum ist. Da nützen einem Fahrer auch nicht zwei oder drei zusätzliche Kameras.“

Langsam wird es voller am Checkpoint. Einige Touristen haben sich nun auch auf die Straße gestellt, um eine bessere Position für ihr Erinnerungsfoto zu erheischen. All das können sie in größter Ruhe tun, denn weit und breit ist kein Auto zu sehen. Wenn überhaupt Fahrzeuge kommen, dann fahren sie meist in Kolonnen von vier bis fünf Autos durch den ehemaligen Grenzkontrollpunkt. Die dort erlaubten 50 Stundenkilometer erreicht dabei kaum ein Wagen, ganz im Gegenteil. Die Mittelinsel mit dem Wachhäuschen wirkt wie eine natürliche Geschwindigkeitsbegrenzung. Kaum nähert sich ein Auto, reduzieren die Fahrer ihr Tempo merklich, unabhängig davon, wie viele Fußgänger am Straßenrand stehen.

Ganz anders jedoch die Lastwagen, die mit großer Geschwindigkeit durch die Friedrichstraße donnern. Allein die lauten Motorgeräusche scheinen die Passanten schon von Weitem zu warnen, jetzt besser nicht die Straße zu betreten. Um 13 Uhr, nach einer Stunde am Ex-Grenzübergang Checkpoint Charlie, sieht die Bilanz wie folgt aus: 434 Autos, 122 Fahrräder, 14 Omnibusse und fünf Lastwagen passierten den ehemaligen Kontrollpunkt. Im Schnitt sind dies sieben Fahrzeuge pro Minute in beiden Richtungen. Da die Autos sich jedoch an den Kreuzungen zu Koch- und Leipziger Straße an den Ampeln stauen, rollen zumeist Kolonnen von durchschnittlich fünf Fahrzeugen gleichzeitig durch das ehemalige Grenzgebiet. Dadurch entstehen Pausen von bis zu einer Minute, die die Touristen auch ausgiebig nutzen, um sich auf die Straße zu stellen und ein Foto zu machen.

17 Uhr: Dichter Verkehr, weniger Touristen

Dies wird zur Rushhour immer schwieriger. Bis 18 Uhr durchquerten 521 Autos und zwölf Busse das Nadelöhr. Bei durchschnittlich neun Fahrzeugen pro Minute wurden auch die Kolonnen länger. Zumeist passierten sieben Autos hintereinander den Kontrollpunkt. Aber noch immer sind es regelmäßig rund 40 Sekunden, an denen kein Fahrzeug den Passanten auf dem gesamten Straßenabschnitt in die Quere kommt.

Ohnehin sind in der Dunkelheit weit weniger Touristen unterwegs als noch um die Mittagszeit. Nur eine große Gruppe italienischer Jugendlicher bahnt sich lärmend den Weg über den schmalen Gehweg. Dies sei im Sommer jedoch der Dauerzustand, sagt Mustafa Aslanoglu vom „City Grill“ gegenüber dem Mauermuseum. Tausende Menschen müssten sich dann die Straße mit den Autos teilen. „Man kann hier dann weder richtig Auto fahren noch spazieren gehen“, sagt Aslanoglu. „Das sind dann Zustände wie in der Türkei.“