Kleiderspenden, Lotsen am Hauptbahnhof oder private Unterbringung von Flüchtlingen aus der Ukraine: Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist enorm, die verschiedenen Hilfsbereiche vielfältig und die Hilfsinitiativen in Berlin zahlreich. Doch wie und wo können sich Hilfswillige in Pankow engagieren?
Pankow hilft
Bereits ältere und etablierte Strukturen lassen sich bei „Pankow hilft“ finden. Das dezentrale Netzwerk an unabhängig voneinander agierenden Unterstützerkreisen wurde 2015 gegründet und hat rund sieben Standorte in Pankow. Es entstand aus den unterschiedlichen Hilfsnetzwerken, die sich um Flüchtlingsunterkünfte in Pankow gebildet hatten, und bietet je nach Standort unterschiedlichste Möglichkeiten, sich als freiwillige Person einzubringen. In der Gemeinschaftsunterkunft Mühlenstraße können Interessierte Flüchtlinge in folgenden Bereichen unterstützen:
• Wohnungssuche
• Beratung bei Einstieg in den Beruf, in die Schule, ins Studium oder in die Ausbildung
• Hausaufgabenhilfe
• Deutschkenntisse vermitteln
• Stadterkundung mit Willkommensklassen
Einer, der von Anfang an – sogar noch früher – in der Mühlenstraße mit an Bord war, heißt Reinhard Selka. Der 78-Jährige suchte 2014 nach einer sinnvollen Beschäftigung, kurz nachdem er in Rente gegangen war, und begann sein Engagement zunächst in der Kleiderkammer. „Wenn man keine Ahnung hat, geht man erst dorthin“, erklärt er mit einem zwinkernden Auge. Schon bald sah er jedoch die Möglichkeit, seine Expertise aus seiner ehemaligen Beschäftigung beim Institut für Berufsbildung in der Flüchtlingshilfe einzusetzen und bot fortan Bildungs- und Berufsberatung für die ankommenden Menschen an.
Die Hilfsbereitschaft sei bereits damals sehr groß gewesen: „Zu den regelmäßigen Informationstreffen erschienen bei uns in der Mühlenstraße zwischen 20 und 30 Personen, fast täglich erreichten mich 100 E-Mails, in denen Leute ihre Hilfe anboten.“ Im Laufe der Zeit sei der Kreis an Freiwilligen zwar kleiner, gleichzeitig aber professioneller geworden: „Die Arbeit, die wir machen, machen wir wie Profis – mit dem kleinen Unterschied, dass wir nicht an behördliche Strukturen und Denkweisen gebunden sind.“
Die Hilfsbereitschaft sei seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine wieder enorm hoch, ähnlich wie in der Flüchtlingskrise 2015. Über die augenblickliche Zahl an Freiwilligen lasse sich aber keine Angaben machen.
Weitere Informationen finden Sie auf www.pankow-hilft.de
KulturMarktHalle
Ein Ort der Begegnung und des interkulturellen Austauschs bietet die „KulturMarktHalle“ in Prenzlauer Berg an der Hans-Eisler-Straße. Workshops, Theater, Konzerte und andere Veranstaltungen sollen zur Verständigung zwischen den alteingesessenen und neuen Nachbarn beitragen.
Zu Letzteren gehört Elena Tschupira. Sie ist vor einer Woche aus der ukrainischen Stadt Winnyzja nach Berlin geflohen, wo ihre Tochter lebt. Diese habe sie aus Warschau abgeholt. „Sie hat darauf bestanden, dass ich zu ihr komme, obwohl ich eigentlich in der Ukraine bleiben wollte“, erzählt sie. In ihrer Heimatstadt habe es Raketenangriffe gegeben, Infrastruktur wie der Flughafen sei zerstört worden.

Nun ist Tschupira in Deutschland schon registriert und möchte ihre Kenntnisse als Sonderschulpädagogin einsetzen: Sie ist schon das dritte Mal in der „KulturMarktHalle“ und hat vor allem ukrainische Kinder betreut. Zusammen mit Fünf- bis Siebenjährigen, die aus zerbombten Städten geflohen und deswegen traumatisiert sind, hat sie die ukrainische Flagge gezeichnet. „Sie können psychisch entspannen, wenn sie Ukrainisch sprechen.“
Menschen wie Elena Tschupira finden in der KulturMarktHalle aber auch selbst Unterstützung: Im WillkommensCafé finden Flüchtlinge nicht nur Gesprächspartner, sondern werden unter anderem auch bei der Registrierung und bei der Behördensuche beraten. „Wir benötigen derzeit Übersetzer. Momentan haben wir zehn bis 15 Personen“, erklärt Ludger Lemper, der das Kulturzentrum 2018 mitgegründet hat und ebenfalls wie Reinhard Selka bei „Pankow hilft“ engagiert ist.
Weitere Informationen finden Sie auf www.kmhberlin.de
FamilienMut Buchholz
Eine Initiative, die erst nach Ausbruch des Ukrainekrieges gegründet wurde und folglich nicht auf etablierte Strukturen setzen konnte, ist die Initiative „FamilienMut Buchholz“. Das Netzwerk habe laut Franziska Benthin anfangs aus „Freundesfreunden“ bestanden, darunter auch russischsprachige Familien, die sich spontan organisiert hätten. „Uns haben viele private Anfragen von Familien aus der Ukraine erreicht, ob sie in Deutschland wohnen und leben können“, erinnert sich die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit.
Die Initiative habe von Beginn an Hilfsgüter, wie Wasser, Babynahrung und Hygieneartikel, zum Hauptbahnhof und ZOB transportiert und dort als Nachtschichten übernommen, um die Flüchtlinge in Empfang zu nehmen. „Niko, einer unserer Helfer, hat 15.000 bis 20.000 Stullen am Tag geschmiert.“
Nach einer Woche habe das Netzwerk bereits 120 Familien gezählt, jetzt habe Benthin gar den Überblick verloren. Die Schwerpunkte der ehrenamtlichen Arbeit liegen in den Bereichen:
• Informationen und Aufklärung für Engagierte und Flüchtlinge
• Bildungs- und Freizeitangebote
• Lebensmittel- und Kleiderspenden
• Aktionstage und Feste
Vor allem Ersteres sei ein elementarer Bestandteil des Hilfsangebots. „Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass Flüchtlinge selbstwirksame Menschen sind.“ So würden die angekommenen Menschen über den Zugang zur Schule und zum Beruf aufgeklärt – mit Erfolg: „Wir haben bereits 21 Menschen in einem Job unterbringen können“, erklärt Benthin, die auf die Nähe der Mitglieder von „FamilienMut Buchholz“ zur Wirtschaft verweist. „Dabei reden wir von einer ganzen Palette an Berufen: von der Küchenhilfe bis zum Architekten.“
Anfangs sei das Hilfsnetzwerk von etablierten Akteuren in der Flüchtlingshilfe nicht Ernst genommen worden, obwohl Benthin auf die Leistung der Initiative verweist: „Wir haben schon 23.500 Menschen geholfen, 1000 davon untergebracht. Während alle anderen geredet haben, haben wir gehandelt.“
Um handlungsfähiger gegenüber etablierten Institutionen und der Politik zu sein, lässt sich „FamilienMut Buchholz“ als Verein eintragen. Zudem soll bis zum Ende der Woche eine Webseite entstehen, auf der alle Informationen gebündelt werden und die Mitgliedschaft beantragt werden kann.
Weitere Informationen erhalten Sie unter kontakt@familienmut.berlin
Weitere Initiativen und Vereine
Weiterhin werden Freiwillige – insbesondere russisch- oder ukrainischsprachige Personen – in folgenden Initiativen gesucht:
• Stadtteilzentrum Pankow: Im SprachCafé kommen Flüchtlinge und Menschen aus dem Kiez ins Gespräch.
• FreiwilligenAgentur Pankow: Vermittelt Ehrentamliche an Organisationen, Initiativen, Projekte und Vereine in den 13 Ortsteilen Pankows.


