Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) kann weitermachen. Mit 29 von 55 Stimmen sicherte sich in der konstituierenden Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung unerwartet deutlich die Mehrheit im ersten Wahlgang. Linke und SPD hatten ihn erneut als Kandidaten vorgeschlagen, obwohl die Grünen bei der Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung rund fünf Prozenten vor Benns Partei landeten – und mit Cordelia Koch eine eigene Bürgermeisterkandidatin lancieren wollten.

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Trotzdem gingen Linke und SPD das Wagnis ein, den Amtsinhaber trotz fehlender Mehrheit erneut ins Amt zu heben. Gemeinsam brachten es Linke und SPD nur auf 23 Stimmen – so dass sechs weitere Verordnete für Benn gestimmt haben müssen. Und das, obwohl im Vorfeld keine andere Fraktion Zustimmung signalisiert hatte. Es gab 24 Gegenstimmen und zwei Enthaltungen.

Benn nennt mögliche Wahlhilfe durch AfD "Unterstellung"

Benn wirkte selbst überrascht von dem Ergebnis und nahm die ersten Glückwünsche mit ernster Mine an. Im Vorfeld hatten die Grünen Spekulationen geäußert, dass die AfD für Benn stimmen würde, um ihn zu brüskieren. Weil die Wahl geheim stattfand, lässt sich diese These zunächst nicht belegen. Die Grünen-Fraktion hat eine Unterbrechung der Sitzung beantragt. Im weiteren Verlauf des Abends sollen vier weitere Stadträte gewählt werden.

Benn selbst führt seinen Erfolg darauf zurück, dass einzelne Verordnete aus verschiedenen Lagern ihm zur Mehrheit verholfen haben – und weist die Überlegung, dass die AfD für ihn gestimmt haben könnte als „reine Unterstellung“ zurück. Es sei schlicht nicht plausibel, dass die am weitesten rechts stehende Kraft für die am weitesten links stehende stimmt. „Ich bin kein Hasardeur“, sagte Benn. Er habe darauf gebaut, dass Pankows Bezirkspolitiker nicht nach Parteibuch für ihn stimmen würden, sondern aus Gründen der Qualifikation.

AfD-Fraktionschef: "Wir haben für Benn gestimmt"

Benns Erklärung, dass eine Unterstützung der AfD politisch absurd sei, widersprach Fraktionschef Daniel Krüger, der bisherige Ordnungsstadtrat. „Wir haben für Benn gestimmt – im Sinne der persönlichen Qualifikation“, sagte Krüger auf Morgenpost-Nachfrage ganz offen. Man halte ihn für einen geeigneten Kandidaten, unabhängig vom Parteibuch. Die AfD verfügt in der Bezirksverordnetenversammlung über fünf Stimmen – und hat also laut Aussage des Fraktionschefs dem Linken-Mann Benn zum Wahlsieg verholfen. „Wir sagen das, in der Hoffnung, dass die Wahl nicht annulliert wird“, sagte Krüger. Wie die anderen Fraktionen auf diese Offenbarung reagieren, ist noch unklar.

Sören Benn hält die Aussage Krügers für „absurd“. "Ich lasse mich nicht zum Spielball der AfD machen", sagte er auf Morgenpost-Nachfrage. „Die AfD ist auf den Move der Grünen aufgesprungen“, beschreibt er die Behauptung Krügers als Falschaussage, um ihm zu schaden. „Meine Haltung zur AfD ist völlig klar“, beharrt er auf eine strikte Ablehnung aller politischen Positionen der rechtspopulistischen Partei. Eine Auswirkung auf die Legitimität seiner Wahl sieht Benn nicht - weil niemand sagen könne, was in den Wahlkabinen wirklich geschah.

Benn unterstellt Grünen "durchsichtige Kampagne"

Trotz Freude über die Wiederwahl konnte Benn seinen Ärger über die Grünen nicht verbergen, „die mit einer durchsichtigen Kampagne meine Wahl mit einem Makel belegen wollten.“ Nun müsse man „den Scherbenhaufen zusammenkehren“. Und trotz allem eine Zusammenarbeit gestalten. Denn Cordelia Koch von den Grünen wurde zu Benns Stellvertreterin als Bürgermeisterin gewählt – und erhielt 28 Ja-Stimmen. Eine weniger als Benn.

Koch will Situation Positives abgewinnen

„Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“, kommentierte Koch die Situation. Pankow stehe vor „gewaltigen Herausforderungen“ - denn man müsse jetzt das „Wahlchaos aufarbeiten“, Pankows Wirtschaft aus der Corona-Krise führen und „ein jugendfreundlicher Bezirk werden, ohne Hubschraubereinsätze und Überwachung in Parks“. Vor allen Dingen brauche Pankow einen besseren ÖPNV – „mit neuen Trams und Expressbussen“.

Dass ihr das Bürgermeisteramt im einwohnerstärksten Bezirk trotz des Wahlsiegs verwehrt blieb, will Koch offenbar akzeptieren. „Das Leben ist kein Ponyhof“, sagt sie. „Ich bin beharrlich und will der Situation etwas Positives abgewinnen.“