Groß-Berlin 1920

Kupferhäuser und rauchlose Siedlung in Steglitz-Zehlendorf

Mit der Eingemeindung 1920 in Berlin wurden auch im Südwesten viele neue Wohnungen gebraucht. Sie sollten praktisch und günstig sein.

Das Kupferhaus in der Schorlemmerallee 16 in Dahlem wurde 2008 denkmalgerecht saniert. Vorher hatte es einen weißen Anstrich.

Das Kupferhaus in der Schorlemmerallee 16 in Dahlem wurde 2008 denkmalgerecht saniert. Vorher hatte es einen weißen Anstrich.

Foto: Dietrich Reimer Verlag GmbH

Berlin. Der Satz kommt einem bekannt vor: „Die wichtigste Aufgabe des heutigen Bauens, die Wohnung für die Leute mit kleinsten Einkommen, ist bis heute ungelöst.“ Er ist fast 100 Jahre alt. Der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion hat es 1929 in seinem Buch „Befreites Wohnen“ festgestellt.

Während die Versorgung der Bevölkerung mit attraktivem und vor allem bezahlbarem Wohnraum heute wieder auf der Agenda steht, versuchten die Stadtplaner in Steglitz und Zehlendorf das Problem schon damals zu lösen: mit Bauhaus-Siedlungen, Fertigteilhäusern aus Kupfer und der ersten „Rauchlosen Großsiedlung“. Die verschiedenen Ideen, die in einem vom Bezirk veranstalteten Symposium vorgestellt wurden, sind jetzt in dem Buch „Neues Wohnen. Innovative Wohnformen der 1920er Jahre“ erschienen.

Ausgangspunkt für die neue Entwicklung des Bevölkerungszuzugs war die Eingemeindung von Steglitz und Zehlendorf im Jahr 1920 nach Groß-Berlin. Wohnungen wurden dringend gebraucht. Die Auswirkungen der Fusion hat das Kulturamt von Steglitz-Zehlendorf zu einem regional-historischen Schwerpunktthema ernannt, das noch bis Ende dieses Jahres erforscht werden soll. Während sich ein erstes Symposium mit dem „Neuen Bauen im Berliner Südwesten“ befasst hatte, beschäftigten sich Experten nun in der zweiten Veranstaltung mit dem „Neuen Wohnen“.

Erste Großsiedlung ohne qualmende Schornsteine

Das wohl bekannteste Beispiel für neue Wohnformen ist die sogenannte „Rauchlose Siedlung“. Es sei die erste Großsiedlung ohne qualmende Schornsteine gewesen, erläutert Michael Bienert in seinem Beitrag über die innovative Technik im Wohnungsbau. Die 1100 Wohnungen rund um den Munsterdamm wurden Anfang der 1930er-Jahre von der „Heimat“ erbaut – einer Tochtergesellschaft des Gewerkschaftsbundes der Angestellten.

Sie waren mit Elektroherden ausgestattet und die Heizungs- und Warmwasserversorgung erfolgte über ein Fernheizkraftwerk. Aber die Wohnungen boten nicht nur einen für die damalige Zeit einen unüblich hohen Wohnkomfort. Zukunftsweisend sei auch die Zeilenbauweise und die Standardisierung der Wohnungsgrundrisse gewesen, erläutert die Herausgeberin Brigitte Hausmann im Vorwort.

Der Schweizer Architekt Otto Rudolf Salvisberg (1882–1940) hat nicht nur zahlreiche bekannte Villen und Landhäuser in Berlin bauen lassen, sondern auch die Waldsiedlung Zehlendorf Onkel Toms Hütte mit Bruno Taut und Hugo Häring geplant. Zwischen 1926 und 1931 entstanden 1100 Geschosswohnungen und 800 Einfamilienhäuser.

Salvisberg entwarf unter anderen die Reihenhäuser am Waldhüterpfad, die sich durch eine klare, kompakte Bauweise auszeichnen. „Die Architektur von Salvisberg steht innerhalb des Neuen Bauens für eine gemäßigte Moderne im Vergleich zur funktionalistisch-minimalistischen Avantgarde“, so die Herausgeberin.

Eine Neuheit war das Kupferhaus

Eine weitere Neuheit auf dem Wohnungsbaumarkt vor 100 Jahren war das Kupferhaus. Die Fertigteilhäuser, die die Firma Hirsch Kupfer und Messingwerke AG in Eberswalde-Finow herstellten, waren schon aufgrund ihrer Materialität etwas Besonderes. Die verschiedenen Typen des Fertighauses mit Namen wie „Sonnenschein“ und „Maienmorgen“ konnten per Katalog bestellt werden. Die Teile wurden mit einer einzigen Autoladung gebracht und in 24 Stunden zusammengesteckt und aufgestellt, so der Autor Thomas Schmidt in seinem Beitrag.

An der Schorlemmerallee 16 in Dahlem steht eins von acht Kupferhäusern, die in Berlin errichtet wurden. Das Haus vom Typ „Kupferstolz“ wurde 1932 erbaut und im Jahr 2008 denkmalgerecht saniert. Zuvor hatte es einen weißen Anstrich. Mit 167 Quadratmetern und sieben Zimmern war es das größte und teuerste, das ab 1931 verkauft wurde. Die Metallhäuser galten als besonders gut isoliert und kostengünstiger als Häuser in herkömmlicher Bauweise. Obwohl die Auftragsbücher der Firma gut gefüllt waren, wurde die Herstellung 1933 aufgrund der Bankenkrise eingestellt.

Das ökonomische Bauen im Sinne einer besseren Raumausnutzung war das Merkmal der Zehlendorfer Drehbühnen-Häuser des Architekten Richard Neutra (1892–1970). Darin lebte es sich wie auf einer modernen Theaterbühne. Ein einziger Raum konnte mit den beweglichen Wänden in eine Bibliothek, ein Esszimmer oder ein Musikzimmer verwandelt werden. Häuser mit Drehbühnen sind heute noch in der Onkel-Tom-Straße zu finden.

„Neues Wohnen. Innovative Wohnformen der 1920er Jahre. Groß-Berlin und die Folgen für Steglitz-Zehlendorf“. Gebr. Mann, 24.90 Euro