Im Keller von Olaf Schenk riecht es muffig. Dabei lädt die kleine Holztheke eigentlich zu gemütlichen Abenden mit Freunden ein. Doch der Keller von Schenks Elternhaus im Blumenviertel ist nahezu unbenutzbar. Denn immer wieder dringt hier Grundwasser ein. Es durchnässt den Boden und die Wände. Schenk muss es mit Pumpen aufwendig abpumpen. Sonst würde es stehen bleiben. Doch obwohl Schenk das Wasser aus seinem Keller pumpt, hat es schon Schäden angerichtet.

Er deutet auf einen Riss in der Wand. „Der kann durchaus vom Wasser kommen“, sagt er. Auch Schimmel bereitet ihm Sorge. Im schlimmsten Fall könnte die Substanz beschädigt und das Haus unbewohnbar werden.

Und wie Schenk geht es noch vielen weiteren Bewohnern des Blumenviertels, einer Siedlung mit Einfamilienhäusern nordöstlich der Gropiusstadt in Neukölln. Rund 4000 Häuser mit insgesamt etwa 12.000 Bewohnern sollen hier vom Grundwasserproblem betroffen sein, sagt Schenk, der stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Siedlungsverträgliches Grundwasser Berlin“ ist.

Senat will nicht länger für Anlage bezahlen

Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz aber will die Brunnenanlage, die das Viertel bisher halbwegs trocken hält, demnächst abschalten.

Es könnte so gemütlich sein, aber das Wasser macht Olaf Schenk einen Strich durch die Rechnung: Sein Keller ist kaum mehr nutzbar.
Es könnte so gemütlich sein, aber das Wasser macht Olaf Schenk einen Strich durch die Rechnung: Sein Keller ist kaum mehr nutzbar.© Berliner Morgenpost | Sergej Glanze

Spätestens 2021 soll Schluss sein. Schenk macht das Abschalten des nahegelegenen Wasserwerks Johannisthal nach der Wende für den steigenden Grundwasserspiegel im Blumenviertel verantwortlich. Wenige Jahre später wurden nämlich auch die 27 Brunnen unterm Viertel gebaut – betrieben im Auftrag des Senats. Der hatte die Brunnenanlage allerdings nicht gebaut, um die Keller trocken zu halten, sondern zur „Unterstützung der Altlastensanierung im Altlastengebiet Johannisthal“, so die Senatsverwaltung.

Die Brunnen sorgten aber praktischerweise zugleich für trockene Keller in Neukölln. Doch die Altlasten seien nun größtenteils beseitigt, ein Weiterbetrieb der Brunnen von Seiten des Landes deshalb allein rechtlich auch nicht mehr möglich, so die Senatsverwaltung.

Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost erklärt der Pressesprecher der Umweltsenatsverwaltung, Jan Thomsen, außerdem: „Ein privater Hausbesitzer muss privat Vorsorge treffen, dass sein Haus vor Grundwasser geschützt ist. Dies sieht die Bauordnung vor.“

Zudem erklärt Thomsen, dass deutlich weniger Anwohner von nassen Kellern betroffen seien, als Schenks Verein angibt. Im August und September 2017 hatte die Senatsverwaltung laut Thomsen zuletzt 3100 Einwohner des Blumenviertels nach den Zuständen ihrer Keller befragt. Ergebnis: Es kamen 807 Fragebögen an die Senatsverwaltung zurück. Davon haben für den Zeitraum nach 1997 – seitdem die Brunnenanlage in Betrieb ist – 258 einen Kellerschaden durch Feuchtigkeit und Wasser angegeben, während 392 keinen Schaden gemeldet haben. Bei der Frage zu Schäden vor 1997 haben 134 einen Schaden angegeben, 356 keinen Schaden gemeldet – und 274 haben angegeben, es nicht zu wissen.

Sind Baumängel Schuld an nassen Kellern?

Thomsen verweist außerdem darauf, dass viele Häuser nicht fachgerecht gebaut worden sein: „Es wurden im Neuköllner Blumenviertel vielfach keine Baugrundgutachten beauftragt und keine Auskunft zum höchsten gemessenen Grundwasserstand – beziehungsweise dem zu erwartenden Höchsten Grundwasserstand – eingeholt. Dies gehört aber zu den Pflichten der Bauherren, Architekten und Planern – unabhängig davon, ob dies in den dem Bauamt beizubringenden Bauunterlagen gefordert wird oder nicht.“

Worte, die Olaf Schenk nicht verstehen kann. „Als meine Eltern hier das Haus gebaut haben Ende der 60er Jahre, war der Passus darüber, den höchsten Grundwasserstand auf dem Baugelände untersuchen zu müssen, ausdrücklich aus der Baugenehmigungsverordnung gestrichen“, erklärt er. Den Vorwurf, dass nicht fachgerecht gebaut wurde, will er deshalb nicht gelten lassen und sagt: „Man wollte damals Bauland günstig verkaufen.“

Senat fordert Gründung von Verein

Die Senatsverwaltung fordert nun die Blumenviertelbewohner auf, einen Verein zu gründen, der die Brunnen weiter betreiben soll. Diesem Vorschlag stehen einige Anwohner allerdings skeptisch gegenüber. Zum einen scheuen sie die Kosten, die auf sie zukommen würden. Schließlich müsste erst eine neue Brunnenanlage gebaut werden, die alte ist nach mehr als 20 Jahren nicht mehr funktionstüchtig. Kostenpunkt: Schätzungsweise 2,3 Million Euro. Zudem würden die jährlichen Nutzungskosten bei etwa 250.000 Euro liegen. Und diejenigen, die dem Verein beitreten würden – ein Beitritt wäre allerdings freiwillig –, müssten sich auf 20 Jahre Mitgliedschaft verpflichten.

Pumpen wie diese sollen die Keller im Blumenviertel trocken halten. Sie werden privat betrieben.
Pumpen wie diese sollen die Keller im Blumenviertel trocken halten. Sie werden privat betrieben.© Berliner Morgenpost | Sergej Glanze

Was aber noch erschwerend hinzukommt: „Der Vereinsvorstand würde sich privat haftbar machen, wenn etwas passiert“, sagt Schenk und schüttelt den Kopf.

500 Mitglieder müsste der Anwohner-Verein mindestens haben, erklärt Thomsen: „Sonst ist die finanzielle Belastung vermutlich zu hoch.“

Rund 500 Euro müsste jedes Vereinsmitglied im Jahr für die Brunnen zahlen, nach Berechnungen der Senatsverwaltung. „Andernfalls wird die Brunnenanlage im Glockenblumenweg fristgerecht außer Betrieb genommen. Als Alternative bliebe dann nur die eigenverantwortliche Nachbesserung nicht fachgerecht abgedichteter Keller“, so die Senatsverwaltung. Eine Kellersanierung würde nach Schätzungen von Schenk aber etwa 130.000 Euro kosten. „Ich weiß nicht, wer sich das hier leisten kann.“

Berliner Morgenpost