Avitall Gerstetter

Jüdische Kantorin in Berlin: "Wir werden nicht weichen"

Avitall Gerstetter will in Schöneweide ein jüdisches Kulturzentrum gründen, ausgerechnet dort, wo Fremdenhass wieder zugenommen hat.

Avitall Gerstetter, Berlins erste jüdische Kantorin, auf dem Areal der Reinbeckhallen, hier an der Installation von Olafur Eliasson.

Avitall Gerstetter, Berlins erste jüdische Kantorin, auf dem Areal der Reinbeckhallen, hier an der Installation von Olafur Eliasson.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Treptow-Köpenick. Avitall Gerstetter war mit 33 Jahren Berlins erste jüdische Kantorin, eine Brückenbauerin zwischen den Religionen ist sie ohnehin. Zahlreiche Projekte hat sie entwickelt, mit denen sie sich gegen den Antisemitismus einsetzt. Wir trafen die 46-Jährige in einem Café in Schöneweide, um über ihre neuesten Pläne zu sprechen.

Antisemitische Straftaten haben in Berlin zugenommen. Sie wollen in Oberschöneweide ein jüdisches Kulturzentrum etablieren, ausgerechnet dort, wo es viele rechte Übergriffe und Pöbeleien gibt. Das ist mutig.

Avitall Gerstetter: All unsere Projekte sind gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus gerichtet. Judentum ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine Kultur-und Wertegemeinschaft. Das orthodoxe Judentum ist deutlich stärker sichtbar, das liberale Judentum weniger. Ich finde es wichtig, auch einmal in die Randbezirke zu gehen, nicht unbedingt dort, wo man es erwartet. Sie müssen sich vorstellen, vor dem Krieg waren sehr viele liberale Juden in Berlin, die Synagoge, wo ich amtiere, war liberal. Mit über 3000 Plätzen war es eine der größten Synagogen nicht nur Berlins, sondern Europas. Wir wollen zwei Ateliers an den Reinbeckhallen auf dem Areal zusammenlegen, dort, wo der Großkünstler Olafur Elisasson sein neues Studio hat. Dort werden wir Musik machen, Konzerte geben und Ausstellungen mit jüdischen Künstlern, aber auch nicht-jüdische Künstler und jüdische gemeinsam im Blick auf ein Thema zeigen. Jüdische Kultur auf höchstem Niveau.

Dort auf dem Areal inmitten von kultureller Nutzung soll auch Ihr Shabbat-Dinner künftig stattfinden.

Es geht mir um Völkerverständigung, unterschiedliche Kulturen kommen zusammenkommen. Die Idee ist es, jüdische und nichtjüdische Menschen zusammenzubringen, um etwas über die jüdischen Feiertage zu erfahren oder die Bedeutung von Shabbat. Ich wünsche mir einen gesellschaftlichen Wandel, dass wir miteinander leben und aktiv werden, dass wir uns öffnen. Mit den Synagogen ist es bekanntlich nicht immer einfach, dort hineinzugehen. Ich empfinde mich als Brückenbauerin zwischen den Religionen. Es ist ein ideelles Projekt, die braucht Unterstützung

Sie leben schon viele Jahre in Schöneweide. Haben Sie selbst Übergriffe mit Ihrer Familie erlebt. Wie erleben Sie Berlin?

Die Wohnung gefällt mir sehr, aber Sie haben Recht. Manchmal liege ich nachts im Bett, habe Angst und frage mich, ob die Tür auch entsprechend gesichert ist. Immer wieder sagen wir uns: Wir müssen hier weg! Aber wir werden nicht weichen. Am Anfang war es schlimm, da haben wir Drohbriefe bekommen – und Schweinefleisch verpackt im Briekasten.

Sie halten das aus?

Wenn man exponierte Projekte entwickelt, wird es woanders genauso sein. Auch in der City West.

Das Kulturzentrum wird nicht von der Jüdischen Gemeinde finanziert. Wie wollen Sie das Projekt unterhalten?

Stück für Stück. In den Ausstellungen werden wir die Bilder verkaufen. Der Künstler Stefan Balkenhol hat drei Holzskulpturen gespendet, die wir verkaufen konnten, als Anschubfinanzierung. Auch der Fotograf Andreas Mühe unterstützt uns. Wir können noch Spenden gebrauchen.

Sie sagen, Sie wünschen sich mehr Engagement vom Land Berlin und der Bundesrepublik.

Ja. Natürlich finde ich es wunderbar, wenn jedes Jahr die Chanukka-Leuchter am Brandenburger Tor erleuchtet werden. Doch es wäre wichtig, wenn nicht nur die eine Richtung unterstützt würde, sondern verschiedene Richtungen, also das liberale, das orthodoxe und das konservative Judentum gespiegelt würde. Die bunte Vielfalt, die wird untergraben. Ich habe den Eindruck, nur das orthodoxe Judentum wird durch die Politik und die Regierung wahrgenommen und gestützt. Dramatisch empfinde ich auch, dass über 70 Jahre nach der Shoa das Wissen über das Judentum so gering ist. Im Kulturzentrum wollen wir Schüler und auch Lehrer einladen, um religionspädagogisch zu arbeiten.

Was sollte Berlin Ihrer Meinung nach tun?

Einmal Reden halten, die nicht vom Blatt abgelesen sind. Und externe Projekte fördern, die nicht nur mit den Jüdischen Gemeinden zusammenhängen. Wenn wir progressive Projekte wie das Shabbat-Dinner, meinen Comic und den geplanten Chanukka-Leuchter am Kudamm voranbringen, dann erwarten wir, dass die Politik das goutiert, ja und stärker hinschaut. Wir wollen dazu beitragen, dass authentisches jüdisches Leben stattfindet in der Mitte der Gesellschaft - und wahrgenommen wird - nicht nur an Gedenktagen.

Sie planen seit einiger Zeit am Kudamm einen großen Leuchter in Form eines stilisierten Davidssternes. Wie weit sind Sie mit der Spendensammlung?

Das Spendenaufkommen ist generell gering für solche Aktionen. Von den 280.000 Euro sind lediglich 35.000 zusammengekommen. Es gibt Überlegungen beim Jüdischen Weltkongress uns zu unterstützen. Gerade gestern gab es wieder eine Spende, aber eben meistens aus jüdischen Kreisen. Wenn man ein gesamtgesellschaftliches Versagen zu verantworten hat, wie derzeit die dramatische Zunahme des Antisemitismus, dann muss man sich um jüdisches Leben mehr kümmern. Wir alle sind für dieses Versagen verantwortlich.

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