38.000 junge Menschen zwischen 14 und 27 Jahren leben in Deutschland in verdeckter oder tatsächlicher Obdachlosigkeit, so steht es im Bundeswohnungslosenbericht 2022. Sie flüchten vor Streit und Gewalt aus ihren Familien oder werden von den Eltern vor die Tür gesetzt.

„Oft kommen sie erst einmal bei Bekannten oder Freunden unter, die sie über die sozialen Netzwerke kennen, doch das wird denen schnell zu viel. Danach droht die Straße, das soziale Abstellgleis ist programmiert“, sagt Markus Seidel, Vorstand der Stiftung Off Road Kids. Seiner Beobachtung nach hätten Konflikte in den Familien durch die Corona-Krise noch zugenommen. „Und es sind keinesfalls nur Kinder aus armen Familien, die auf der Straße landen. Vernachlässigung, emotionale Kälte und Misshandlung gibt es in allen Schichten“, sagt der Stiftungssprecher.

Junge Menschen sollen vor Obdachlosigkeit bewahrt werden

Die vor 30 Jahren gegründete Stiftung Off Road Kids hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Menschen, vor der Obdachlosigkeit und dem Leben im sozialen Elend zu bewahren. Die Stiftung betreibt dafür neben dem Online-Beratungsangebot „sofahopper.de“ Streetwork- und Beratungsstellen in Berlin, Dortmund, Frankfurt, Hamburg und Köln.

Off Road Kids
Markus Seidel und Ines Fornaçon von der Stiftung Off Road Kids mit Unterstützer Klaus-Dieter Heinken (r.) vom Lions Club Berlin-Inercontinental vor der Streetwork-Station. © FUNKE Foto Services | FFS

In Berlin ist die Station der Off Road Kids direkt in der Bahnhofshalle des S-Bahnhofs Bellevue. „Wir sind aber keine Notübernachtung, sondern ein Beratungsangebot. Wir wollen junge Obdachlose nicht auf der Straße versorgen, sondern dafür sorgen, dass sie gar nicht erst dort landen“, betont Ines Fornaçon, die die Station seit 23 Jahren leitet. Sie und vier weitere Sozialarbeiterinnen setzen sich in den hellen und modern eingerichteten Räumen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen, die nicht mehr weiter wissen und in ihren eigenen Familien keine Unterstützung finden.

„In dem ersten Gespräch geht es um die Frage, wo sie eine Bleibe für die Nacht finden. Dazu kommen aber weitere Probleme, wie fehlende Ausweispapiere, kein Geld und keine Idee, wie es weiter gehen soll“, sagt Sozialpädagogin Ines Fornaçon. Sie und ihre Kollegen versuchen dann, eine Notschlafstelle oder einen Platz in einer Einrichtung zu finden.

Viele verstehen das Behördendeutsch nicht

In weiteren Beratungsgesprächen geht es dann um das Stellen von Anträgen, um gesetzlich zustehende Leistungen zu erhalten. „Damit sind viele überfordert. Wir füllen die Formulare gemeinsam aus und begleiten auf Wunsch auch zu den Behörden. Dort müssen wir dann oft das Amtsdeutsch in verständliches Deutsch übersetzen“, erzählt Sozialarbeiterin Sarah Bäumker, die seit drei Jahren in der Streetwork-Station als Beraterin arbeitet. Mit der Beratung werden auch berufliche Lebensperspektiven aufgezeigt, um eine dauerhafte Abhängigkeit von Transferleistungen zu vermeiden.

Off Road Kids
Junge Obdachlose werden bei den Off Road Kids ausführlich und beraten und auch zu Ämtern und Behörden begleitet. © FUNKE Foto Services | FFS

„Wir begleiten oft über eine lange Zeit, bis sie eine Wohnung gefunden, eine Ausbildung begonnen oder den Schulabschluss nachgeholt haben,“ berichtet sie. Durch diese langfristige Beziehung entstünde Vertrauen zu den Beratern. Die eigenen Eltern seien für die meisten ein rotes Tuch. „Da gibt es oft gar keinen Kontakt,“ sagt sie. Auf das Beratungsangebot werden viele Straßenkinder durch Mundpropaganda oder übers Handy durch die Webseite sofahopper.de aufmerksam. „Bei uns landen dann die schwierigen Fälle, die durch die online-Vermittlung nicht gelöst werden können“, sagt Ines Fornaçon.

Von den Eltern aus der Wohnung geworfen

Sie erzählt von Fällen, bei denen Eltern ihr Kind während der Ausbildungszeit aus der Wohnung geworfen haben, von erbitterten Sorgerechts- und Scheidungsstreits ohne Rücksicht auf die Kinder und von einem jungen Mädchen, dass sich mit einem alten Mann eingelassen hat, nur um eine Unterkunft zu haben. „Die saß dann weinend vor mir und sagte, sie wolle das nicht mehr“, berichtet die Sozialpädagogin. In 40 Prozent der Fälle haben die Jugendlichen eine diagnostizierte psychische Belastung. „Dann kümmern wir uns um eine therapeutische Betreuung und begleiten auch zum Arzt“.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 3761 Beratungstermine in der Berliner Streetwork-Station durchgeführt, 1906 Online-Chat- und Telefontermine und 1855 persönliche Beratungstermine. Für 355 junge Menschen wurde neuer Wohnraum gefunden, angesichts des gravierenden Wohnungsmangels ein beachtlicher Erfolg.

Die Station bietet den jungen Wohnungslosen auch die Möglichkeit, ihre Post dorthin schicken zu lassen, um für Ämter, Krankenkassen und Behörden wie das Jobcenter postalisch erreichbar zu sein. „Das ist die Voraussetzung, um überhaupt Leistungen und eine Krankenversicherung erhalten zu können“, sagt Ines Fornaçon.

Für die Beratung werden Spenden gebraucht

Für die Streetwork-Stationen, das Online-Portal und vor allem die Berater und Sozialarbeiter braucht die Stiftung Off Road Kids ein Budget von fünf Millionen Euro. „Knapp die Hälfte davon wird inzwischen vom Staat finanziert, die andere Hälfte müssen wir durch Spenden hereinholen“, sagt Stiftungssprecher Markus Seidel. Zu den großen Unterstützern gehört in Berlin der Lions-Club Intercontinental. Am 23. November plant der 1995 gegründete Lions Club eine große Benefiz-Gala im im Gasometer auf dem EUREF-Campus in Schöneberg.

„Wir haben von 1999 bis 2022 die Christiane Herzog Stiftung gegen Mukoviszidose unterstützt und über 2.6 Millionen Euro gesammelt. Mukoviszidose ist inzwischen wesentlich besser behandelbar. Nun wollen wir mit unserer Spenden-Gala dabei helfen, Kinder und junge Erwachsene vor einem Leben auf der Straße zu bewahren. Die Mitarbeiter der Off Road Kids benötigen unsere Unterstützung für die sehr gute und erfolgreiche Arbeit“, sagt Klaus-Dieter Heinken vom Lions Club Berlin-Intercontinental.

Sky Dinner Euref Campus
Sky Lounge auf dem Gasometer auf dem Euref-Campus. © EUREF | Thomas Rafalzyk

Spenden-Gala auf dem Euref Campus

Der Lions Club Berlin Intercontinental lädt ein zur Spenden-Gala am 23. November 2024 im Euref-Forum zugunsten der Straßenkinder-Station der Off Road Kids in Berlin. Gestartet wird um 18 Uhr mit einem Sektempfang in der Sky-Lounge auf dem Gasometer, danach erwartet die Gäste ein Dinner von Thomas Kammeier und weiteren Sterneköchen, ein Konzert mit Musikern der Berliner Philharmonie und einer Versteigerung von „Dingen, die man nicht kaufen kann“ und Werken bedeutender Künstler. Durch den Abend führen Morgenpost-Kolumnist Jörg Thadeusz und Andreas Lukoschik. Die Karten kosten 200 Euro, erhältlich online auf www.ork-gala.de oder direkt beim Lions Club Berlin-Intercontinental per E-Mail an a.huber@asa-gruppe.com