Als sie eines Morgens die Flamme ihres Feuerzeuges nicht mehr sehen konnte, war das passiert, was sie lange nicht wahrhaben wollte: Bedia Kunz war voll erblindet. Das ist jetzt 23 Jahre her. Geboren wurde sie schon mit einer starken Sehbehinderung, die Ursache für den vollständigen Verlust des Augenlichts war ein Glaukom, das schleichend den Sehnerv zerstörte. „Das war dann noch mal etwas ganz anderes, als noch einen Rest zu sehen“, sagt die heute 53-Jährige. Mit ihrem Schicksal hadern oder aufgeben, waren keine Optionen. Sie hat sich durchgekämpft und kämpft mittlerweile für alle Betroffenen: für ein selbstbestimmtes Leben und Teilhabe in allen Bereichen.

Unterstützung und Austausch findet sie beim Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV). Es ist die älteste Selbsthilfeorganisation blinder und sehbehinderter Menschen. Im jungen Deutschen Reich von 1874, als Industrialisierung, Wissenschaft und Kultur die Stadtgesellschaft veränderten und viele Menschen ihren neuen Platz suchten, war die Zeit der Vereinsgründungen. Aus den aufklärerisch orientierten Bildungszirkeln entwickelten sich Gruppen gleichgesinnter, die ein soziales Anliegen verfolgten.

Gemeinsam etwas tun, um die Lage zu verbessern

Und so wird über vier Herren berichtet, einer sehend, drei blind, dass sie im Frühsommer 1874 zusammensaßen und sich die Frage stellten: Was, wenn blinde Menschen ihre Geschicke selbst in die Hände nähmen, um über Fürsorge und Almosen hinaus gemeinsam und organisiert ihr Lage zu verbessern? Das führte schließlich dazu, dass am 5. Juli 1874 der Allgemeine Blinden-Verein (ABV) gegründet wurde. Erst 1996 wurde der Name um die Sehbehinderten (ABSV) vervollständigt, die aber von Anfang an genauso im Fokus des Vereins standen.

Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin
So verschieden können die Spitzen eines Blindenstocks aussehen, sie bestehen auch aus unterschiedlichen Materialien. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Genau auf den Tag, am 5. Juli 2024, soll das 150-jährige Bestehen mit einem Jubiläumsfest gefeiert werden. Vor einem Jahr hat Bedia Kunz, die im Vorstand des Vereins ist, angefangen, das Programm zu organisieren. Das Fest findet im Vereinshaus und im Garten an der Auerbachstraße 7 in Grunewald auf einer großen Bühne, einer Kinderbühne und im Saal statt (siehe Infokasten). „Wie gut, dass der Tag auf einen Freitag fällt, das passt ganz wunderbar“, sagt die Vorständin. Eingeladen sind Politiker, Freunde, Unterstützer und Anwohner. Mit bis zu 600 Gästen wird an diesem Tag gerechnet.

Bedia Kunz freut sich auf das Fest, sie hat aber auch schon ein bisschen Lampenfieber, ob alles klappt. Sie ist Perfektionistin, lieber drei Minuten früher da, als fünf zu spät. Das zieht sich nicht nur durch ihr Leben, mit diesem Anspruch bleibt sie auch an Missständen dran. Sie sitzt im Vereinshaus in der Hilfsmittelberatungs- und Verkaufsstelle und erinnert sich, wie sie vor 40 Jahren mit einer Mobilitätstrainerin einen Blindenstock ausgesucht hat.

Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin
Zu den Hilfsmitteln gehören auch Würfel, auf denen man die Zahl ertasten kann.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Etwa 700 Hilfsmittel gibt es in dem kleinen Laden, erzählt Mitarbeiterin Katharina Diekhof. Sprechende Uhren, Waagen und Fieberthermometer, tastbare Spiele, Bälle mit Klingeln, Abspielgeräte für Hörbücher. Allein die Blindenstöcke sind eine Welt für sich. „Jeder stellt sich seinen Stock nach seinen persönlichen Bedürfnissen zusammen“, erklärt die Beraterin. Es mache einen Unterschied, ob man ihn braucht, um mit dem Begleithund in den Wald zu gehen oder in die Oper. Im Theater darf er gern klein, faltbar, elegant und mit einer festen Spitze sein, im Wald muss die Spitze eher nachgeben und weich sein, „damit sie nicht an jedem Mäuseloch hängen bleibt“.

Entscheidend ist auch, ob der Stock 400 Gramm wiegt, oder nur 80 Gramm. „Das Handgelenk wird ja die ganze Zeit beansprucht“, sagt Bedia Kunz. Daher habe sie ihren vor zwei Jahren auch noch einmal überprüfen lassen und nachkorrigiert. Jetzt fühle sie sich wieder geschützter. „Wenn die E-Scooter auf den Gehwegen nicht wären, könnte ich gut Speed draufkriegen“, sagt die 53-Jährige, die bis 2014 bei den Berliner Wasserbetrieben gearbeitet hat, zuletzt im Servicecenter und dann wegen einer fortschreitenden Hornhauterkrankung berentet wurde. Sie habe erst am Morgen wieder „Bekanntschaft“ mit einem E-Scooter gemacht, der wild abgestellt worden war.

Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin
Es gibt für jede Situation den passenden Blindenstock, von leicht bis schwer, mit harter Spitze für Gebäude und weicher, nachgebender Spitze für den Wald.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

„Das muss aufhören“, sagt sie. Sie fordert feste Parkplätze. Wenn es nicht genug Abstellfläche gibt, müsse die Zahl der Roller eben verringert werden. Seit 2015 ist sie Mitglied im ABSV, seit zwei Jahren im Vorstand aktiv. Auf eine Reihe von Erfolgen des Vereins kann sie bereits verweisen: So gibt es heute Leitstreifen an U- und S-Bahnen, akustische Signale an Ampeln, besser abgesicherte Baustellen, also nicht mehr mit Flatterband, wo der Stock durchpendelt, sondern feste Bauzäune. Blindenhunde werden mittlerweile in Supermärkten akzeptiert und viele Museen, wie die Berlinische Galerie, das Haus der Wannseekonferenz und das Deutsche Historische Museum sind barrierefrei.

Doch viel muss noch getan werden für die 6000 Blinden und 21.000 Sehbehinderten in Berlin, gerade in öffentlichen Gebäuden. „Das Rote Rathaus ist nicht wirklich barrierefrei“, sagt Bedia Kunz. Glastüren ohne Warnhinweise, keine Markierungen von Treppenabsätzen, verwirrende Spiegelungen. Es sei wichtig, dass man sich gut orientieren kann, dafür müsste es Leitsysteme geben. „Doch da hinkt es noch an allen Ecken und Enden“, sagt die Vorständin. Der Verein stehe immer beratend zur Seite und die Museen zeigten, dass es möglich sei.

Schlimmste Kreuzung für Blinde und Sehbehinderte, Steglitzer Damm, Bismarckstraße in Steglitz
Stadtrat Urban Aykal (Grüne, li.) und Mitglieder des ABSV auf der schlimmsten Kreuzung für Blinde und Sehbehinderte am Steglitzer Damm und Bismarckstraße in Steglitz.© Katrin Lange | Katrin Lange

Ein Thema ist auch immer die Planung des Verkehrsraumes. Erst kürzlich gab es eine Protestaktion an der gefährlichsten Kreuzung für Blinde und Sehbehinderte am Steglitzer Damm, Ecke Bismarckstraße. Keine rechten Winkel, keine Signale an der Ampel und kein taktiles Leitsystem. „Es gibt so viel, was nicht läuft“, beschreibt sie die Situation auf Straßen und Gehwegen.

Schon heute bedeutet die Technik mehr Unabhängigkeit, lesen Apps auf dem Handy vor und beschreiben das Bild oder die Umgebung. „Ich bin gespannt, was die Künstliche Intelligenz noch alles bringen wird“, sagt Bedia Kunz. Ihre Hoffnungen sind groß, auf noch mehr Selbstständigkeit.

Informationen zum Jubiläumsfest

Am Freitag, 5. Juli, feiert der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin gegr. 1874 e.V. (ABSV) sein 150-jähriges Bestehen. Das Fest findet von 11 bis 20 Uhr im Vereinshaus an der Auerbachstraße 7 in Grunewald statt. Blinde, sehbehinderte und sehende Künstler und Künstlerinnen treten auf der Großen Bühne ab 11 Uhr und auf der Kinderbühne an der Auerbachstraße 5 ab 12 Uhr auf.

Es gibt Führungen durch den Duft- und Tastgarten, eine Hundelounge im Freien, Outdoorspiele, sowie ab 11 Uhr Beratung im Hilfsmittelladen. Der Eintritt ist frei, Getränke und Imbiss zu einem moderaten Preis. Der ABSV finanziert sich über Spenden und wird auch vom Verein „Berliner helfen“ der Berliner Morgenpost unterstützt.