Voller Konzentration sitzt der Junge über seinem karierten Matheheft – „Wie war das jetzt noch mal mit dem Koordinatensystem?“, fragt er den Lehrer neben sich. Anders als man es angesichts der ruhigen Arbeits-Atmosphäre vielleicht vermuten würde, sitzt er aber nicht in einer Unterrichtsstunde in der Schule, sondern in einem gemütlich eingerichteten Raum in Charlottenburg. Auf der farbenfrohen Tapete sind wild verteilt Krokodile, Katzen und bunte Zahlen abgebildet, darüber hängen Fotos von lachenden Kindern und im Raum sitzen rund 15 Schülerinnen und Schüler unterschiedlichen Alters zusammen an Vierer-Tischen.

„Angefangen hat alles mit einer kleinen Hausaufgabenhilfe und dann sind wir immer professioneller geworden“, sagt Ibrahim Ali Khan. Er hat das Multikulturelle Jugend Integrationszentrum (MJI) in der Kaiser-Friedrich-Straße und den gleichnamigen Verein 2011 gegründet, um Kindern außerhalb von der Schule Unterstützung anbieten zu können.

Multikulturelles Jugend Integrationszentrum: Was den Kinder daran besser gefällt als in der Schule

„Wir schließen eine Lücke im Bildungssystem. In der Schule haben Lehrer nicht immer die Möglichkeit, individuell auf die Bedürfnisse und Schwächen aller einzugehen“, sagt Ali Khan. Von Montag bis Donnerstag findet deswegen von 16 bis 18 Uhr eine Hausaufgabenbetreuung statt, die täglich von 15 bis 20 Kindern besucht wird. Die meisten von ihnen seien, so Ali Khan, selbst in Deutschland geboren und haben einen Migrationshintergrund in der zweiten oder dritten Generation. Viele hätten syrische Wurzeln, andere aber auch libanesische, türkische oder bulgarische. Im MJI bekommen sie deswegen nicht nur Hilfe in Mathe, Englisch oder anderen Fächern, sondern einige lernen nebenbei auch Deutsch.

„Ich besuche erst seit zwei Monaten die Hausaufgabenbetreuung und mein Deutsch hat sich seitdem sehr verbessert“, sagt zum Beispiel der 13-jährige Abdelrahman. Er sei vor zwei Jahren aus Ägypten nach Deutschland gekommen. Besonders gut gefalle ihm hier die individuelle Hilfe der Lehrkräfte, erzählt er. „Außerdem wird man hier nicht ausgelacht, wie in der Schule manchmal“, ergänzt der gleichaltrige Divine schüchtern. Die Lehrkräfte im MJI sind Honorarkräfte und auch Ehrenamtliche, die die Kinder unterstützen.

Hausaufgabenhilfe in Charlottenburg zeigt handfeste Ergebnisse

Eine von ihnen ist zum Beispiel die Studentin Maissa, die vor allem die Atmosphäre im MJI „richtig schön familiär“ findet. Das bemerkt man schon nach wenigen Minuten: Obwohl die Kinder konzentriert arbeiten, wird zwischendurch immer wieder gelacht, alle wirken sehr gelöst und der Umgang von Kindern und Lehrkräften ist vertraut. Doch das Projekt ist nicht nur ein nettes Zusammenkommen, sondern zeigt auch handfeste Ergebnisse: Viele der Kinder hätten laut Ali Khan deutlich bessere Noten, seitdem sie regelmäßig das MJI besuchen. „Manche kommen dann auch irgendwann nicht mehr, weil sie die Unterstützung gar nicht mehr brauchen“, sagt der Leiter der Einrichtung.

Die Schulen, das Bezirksamt und anderen Einrichtungen kooperieren deswegen mit dem Jugendzentrum und machen Eltern auf das Projekt aufmerksam. Diejenigen, die ihr Kind für die Betreuung anmelden, zahlen – abhängig von ihrer finanziellen Situation – einen kleinen Beitrag, sagt Ali Khan. „Manche aber auch gar keinen“ fährt er fort. Deswegen seien sie auf Spenden angewiesen. Berliner helfen e.V. hat das Projekt im Rahmen der Weihnachtsaktion „Schöne Bescherung“ unterstützt.

Neben dem Verbessern der schulischen Leistungen geht es im MJI aber auch um Erziehung und soziale Kompetenzen. „Wir bringen den Kindern den richtigen zwischenmenschlichen Umgang bei, also wie sie sich verständigen sollen“, sagt Ali Khan. Deswegen sind nach dem konzentrierten Lernen jeden Tag Spiele und Sport angesagt. Mal gibt es Boxtraining, mal Tischtennis und mal einen PC-Kurs. Heute widmen die Kinder sich aber einem ganz neuen Videoprojekt, in dem sie Kurzfilme für die Sozialen Medien produzieren. „Das ist wie eine Mission für uns“, sagt Videoprojektleiter Abbude. Die Kinder sollen sich dabei spielerisch austoben und lernen, dass man mit sinnvollen Bildungsinhalten andere Kinder im Netz erreichen und etwas bewirken kann. Wie sich schnell zeigt, finden die Kinder daran große Freude: Bei dem Buchstabier-ABC, das sie heute aufnehmen und bei dem sie versuchen, deutsche Wörter richtig zu buchstabieren, laufen die Kinder aufgeregt herum, tanzen vor der Kamera und können es kaum erwarten, selbst das Mikrofon in die Hand zu nehmen und mit dem Buchstabieren loszulegen.

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