Integration

Franzi kocht jetzt Rührei „to go“

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Franziska Jobst muss in der Corona-Krise bisher nicht um ihren Job bangen.

Franziska Jobst muss in der Corona-Krise bisher nicht um ihren Job bangen.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Das Unternehmen „Mosaik“ hat für die behinderten Mitarbeiter in der Gastronomie andere Aufgaben gefunden.

Berlin. Restaurants, Bars, Cafés und Hotels – im Lockdown ist alles geschlossen. Weil die Corona-Krise die gesamte Gastronomiebranche mit solcher Wucht getroffen hat, haben in Berlin schon Tausende Beschäftigte ihren Job verloren. Auch Franziska Jobst, genannt Franzi, hatte Angst.

„Zuerst wusste ich nicht, wie es weitergehen soll“, erzählt die junge Spandauerin. Normalerweise arbeitet die 24-Jährige im Hotel-Restaurant „Jagdschloss Grunewald“ und im Restaurant „Charlottchen“, aber seit die Corona-Pandemie herrscht, ist nichts mehr normal. Die beiden Betriebe sind vorübergehend geschlossen. Dank ihres Arbeitgebers, dem Berliner Integrationsunternehmen „Mosaik“, muss Franzi sich allerdings nicht um ihren Job sorgen.

Franziska Jobst leidet unter Herzrhythmusstörungen. Nach dem Gesetz ist sie zu 50 Prozent einer Schwerbehinderten gleichgestellt. Wegen ihres angeborenen Herzfehlers hatte sie früher häufig Schwindelanfälle, sie hat eine lange Krankengeschichte. Mittlerweile wurde ihr ein Herzschrittmacher eingesetzt. „Zum Glück!“, sagt sie. Denn damit kann sie in ihrem „Herzensberuf“ arbeiten, ausgerechnet im schwierigen und hektischen Gastgewerbe.

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Wegen eines Herzfehlers schwerbehindert

„Mit Stress habe ich schon zu kämpfen, aber je länger ich arbeite, desto ruhiger und selbstsicherer werde ich“, erzählt sie. Die 24-Jährige wohnt bei ihren Eltern. „Die hatten zwar Angst, dass der Job zu belastend für mich ist. Aber sie haben bald gesehen, wie glücklich mich die Arbeit macht, und wenn ich glücklich bin, sind sie es auch.“ Seit Januar ist Franzi ausgebildete Fachpraktikerin im Gastgewerbe – das ist eine zweijährige Ausbildung für Menschen mit Behinderung. Und sie ist fokussiert: Im Februar beginnt sie ein zusätzliches Ausbildungsjahr und will den Abschluss als Fachkraft im Gastgewerbe schaffen. Damit hätte sie auf dem freien Arbeitsmarkt bessere Chancen. Wenn die Gastronomie denn irgendwann wieder öffnet.

Bis dahin will sie sich fit halten. Im ersten Lockdown musste sie auf ärztlichen Rat als Risikopatientin wochenlang zu Hause bleiben. „Da ist mir die Decke auf den Kopf gefallen! Ich brauche Beschäftigung“, erzählt sie. Die hat sie nun an einem Ersatzarbeitsplatz – in der Kantine der Borsigwerke in Reinickendorf, die auch „Kasino“ heißt. Die Werkskantine wird von „Mosaik“ betrieben. Aufgrund der derzeitigen Bestimmungen gibt es hier nur noch Snacks und kleinere Speisen zum Mitnehmen.

Auszubildende wurden „coronamäßig umgetütet“

Statt wie vorher also im „Jagdschloss Grunewald“ den richtigen Rotwein zu empfehlen oder den Stammgästen Sekt zu bringen, kümmert sich Franzi jetzt um Trinkpäckchen mit Fruchtsaft oder bereitet in der Küche Speisen „to go“ zu. Genau wie sechs weitere Gastronomie-Azubis, die auch bei „Mosaik“ angestellt sind. Seit dem zweiten Lockdown im November wären die jungen Menschen mit Handicap alle ohne Beschäftigung. Dann kam die Notlösung. Beate Baumgärtner vom Sozialpädagogischen Dienst bei „Mosaik“ erklärt: „Etwas salopp gesagt, haben wir unsere Beschäftigten coronamäßig umgetütet.“ Sie trainieren nun sozusagen in der Kantine – und können auch Inhalte nachholen, die bisher zu kurz kamen. Franziska Jobst deckt normalerweise die Tische mit passenden Tellern, Gläsern, Bestecken und serviert Speisen – jetzt steht sie am Herd und lernt mehr Küchen- und Zubereitungspraxis. Beispiel: Rühreier kochen.

Angesichts der Corona-Maßnahmen gibt die Sozialpädagogin Baumgärtner zu bedenken. „Klar, wir sind ein gemeinnütziger Betrieb“, sagt sie. „Aber auch wir müssen uns an der freien Marktwirtschaft orientieren und können keine Job-Garantien für mehrere Jahre geben. Aber entlassen mussten wir bisher niemanden.“ Stattdessen wurden, wie im Fall von Franziska Jobst, Verträge um ein Jahr aufgestockt – trotz Corona. Die 24-Jährige ist dankbar, „dass Mosaik mir diese Tür geöffnet hat“, sagt sie. „Jetzt hoffe ich nur noch, dass die Gastronomie schnell wieder öffnet.“

Auszubildende gesucht

Das Integrationsunternehmen „Mosaik“ gehört mit rund 2000 Beschäftigten an 40 Standorten in Berlin und Brandenburg zu den großen Arbeitgebern in der Region. Es gibt verschiedene Abteilungen. Etwa 70 Mitarbeiter sind im Gastronomiebereich des Unternehmens tätig, zu dem mehrere Kantinen und Restaurants gehören. „Mosaik“ ist auch Ausbildungsbetrieb und stellt ab September 2021 neue Auszubildende für die Gastronomie ein. Menschen mit Behinderungen können sich unter anderem für eine Ausbildung zum Fachpraktiker Küche oder Fachpraktiker im Gastgewerbe bewerben.

Kontakt: Mosaik-Services Integrationsgesellschaft mbH, Frau Beate Baumgärtner, Kühnemannstraße 4-6, 13409 Berlin, E-Mail: b.baumgaertner@mosaik-berlin.de; Webseite: www.mosaik-berlin.de