Berliner helfen

Arbeit als Chance für den Ausstieg aus der Sucht

Raus aus der Sucht: Das Drogentherapie-Zentrum Berlin e.V. in Friedrichshain bietet nach dem Entzug berufliche Perspektiven

Christian Ziegenhagen kümmert sich im Café Garbe um die Gäste.

Christian Ziegenhagen kümmert sich im Café Garbe um die Gäste.

Foto: David Heerde

Berlin. Um die Mittagszeit ist das Café Garbe an der Frankfurter Allee gut besucht. Alle Tische sind besetzt, auf der Karte stehen kleine Mittagsgerichte wie Quiche und Salate, aber auch geschmortes Kaninchen. Die Gerichte kosten zwischen 4,50 und 8 Euro, Essen und Getränke werden schnell und freundlich serviert.

Auf den ersten Blick ein ganz normales Mittagslokal, in Wahrheit aber viel mehr: „Wir bieten Arbeit und damit eine Chance für den Ausstieg aus der Sucht“, sagt Ulrich Letzsch, Leiter des Restaurants und des Reiningsbetriebs vom Drogentherapie-Zentrum Berlin. Im Gebäudekomplex des Zentrums an der Frankfurter Allee gibt es eine zentrale Anmeldestelle für Drogensüchtige, die Hilfe wollen und im Hinterhaus ein Entzugskrankenhaus mit 14 Plätzen.

Bei Arbeitslosigkeit droht der Rückfall in die Sucht

„Aber wenn die Suchtkranken das überstanden haben, brauchen sie eine Aufgabe, einen Grund durchzuhalten. Ohne Arbeit liegt die Rückfallquote bei hundert Prozent“, sagt Letzsch. Seit 2013 leitet er die Sozialen Betriebe des Drogentherapie-Zentrums, die den ehemals Süchtigen den ersten Schritt zurück in ein geregeltes Arbeitsleben ermöglichen. Im Café „Die Garbe“ können sie ein Prak

tikum machen und in einer zweijährigen Umschulung den Beruf des Kochs erlernen oder im Service arbeiten wie Christian Ziegenhagen.

Der 38-jährige ist ausgebildeter Hotelfachmann und hat BWL studiert. „Service ist für mich Berufung“, sagt er mit einem Lächeln, „nur die Arbeitszeiten haben mir immer zu schaffen gemacht“. Die langen Schichtdienste gab es auch auf dem Schiff, auf dem er vor sieben Jahren anheuerte. „Die Kollegen waren da alle gut drauf, nahmen Ecstasy und andere Partydrogen, um wach zu bleiben. Ich machte mit. Und irgendwann wurden dann Alkohol und Cannabis zu einem echten Problem für mich“, sagt er. Er erzählt von Psychosen und einer bipolaren Störung und davon, dass er von der Polizei verhaftet wurde. „Ich wusste nicht mehr, was ich getan hatte“, sagt er. Schließlich landete er in der Psychiatrie.

Stress und Trauer ohne Drogen aushalten

„Ich war am Ende, wollte so nicht weiterleben“, sagt der 38-jährige. Er machte eine Therapie in Brandenburg und ist bis heute clean – seit zwei Jahren und vier Monaten. „Ich habe gelernt, dass das Leben auch ohne Alkohol möglich ist und dass man Stress auch mal aushalten muss“, sagt Christian Ziegenhagen. Im Café „Die Garbe“ hat er vor einem Jahr mit einem 30-Stunden-Vertrag angefangen, seit Februar hat er eine Vollzeitstelle. „Endlich raus aus Hartz IV, jetzt muss ich eine eigene Wohnung finden“, sagt er.

Hat er Angst, rückfällig zu werden? „Ich lebe im heute. Je größer die Distanz zur Sucht ist und je länger man nüchtern bleibt, desto weniger Grund gibt es, wieder anzufangen. Außer man will es“, sagt er. Auch wenn es schwer falle, Schicksalsschläge wie den Tod eines geliebten Menschen zu ertragen. „Inzwischen weiß ich, mit wem ich darüber reden kann, besuche Selbsthilfegruppen und nehme Hilfsangebote an“, sagt er. Bis er eine eigenen Wohnung gefunden hat, lebt er in der therapeutischen Wohnbetreuung des Drogentherapie-Zentrums.

Spende von Berliner helfen e.V. für einen neuen Herd

„Für einen Rückfall gibt es viele Gründe. Wir versuchen zu vermitteln, das Leben auch ohne Alkohol und Drogen Spaß machen kann. Dazu gehört die Arbeit hier. Die Süchtigen sollen wieder Mitglieder der Gesellschaft werden“, sagt Restaurantleiter Ulrich Letzsch. Das funktioniert in der „Garbe“, in das die Mitarbeiter des Bezirksamtes Friedrichshain und der umliegenden Büros gern zum Mittagessen kommen. Christian Ziegenhagen und seine Kollegen haben gut zu tun, im Sommer gibt zusätzlich 60 Plätze auf der Terrasse. 200 bis 250 Mittagessen werden täglich in der Küche frisch zubereitet, allerdings auf einem Herd, der ziemlich in die Jahre gekommen. Dank einer Spende von Berliner helfen e.V. kann ein neuer angeschafft werden.

Café „Die Garbe“ohne Alkoholausschank, Frankfurter Allee 40, 10247 Berlin, geöffnet Mo. bis Fr. 10 bis 16 Uhr, www.diegarbe.de