Berliner helfen

Zu krank für das Leben auf der Straße

Berliner helfen e. V., der Verein der Berliner Morgenpost, spendet 20.000 Euro für die Krankenstation der Caritas für Obdachlose.

Caritas Krankenwohnung für Wohnungslose, in der Turmstr. 21.

Caritas Krankenwohnung für Wohnungslose, in der Turmstr. 21.

Foto: David Heerde

„Kommen Sie mal mit, ich nehm Sie gleich mit rauf“, begrüßt Schwester Bozena die Besucherin herzlich und erhebt sich von ihren sonnigen Pausenplatz vor dem Haus M auf dem weitläufigen Gelände in der Turmstraße in Moabit. In der ersten Etage des Gebäudes hat die Caritas eine Krankenstation für Obdachlose eingerichtet.

15 Betten stehen zur Verfügung und sind belegt - aber der Bedarf ist deutlich höher. „Wir bekommen viel mehr Anfragen, als wir Patienten aufnehmen können“, sagt Marlene Köster, die Leiterin der Krankenstation. „Überwiesen“ werden die Obdachlosen von den Bezirksämtern, Hilfsstellen oder Ambulanzen für Wohnungslose am Stralauer Platz oder am Bahnhof Zoo.

Obdachlose haben keinen Ort zum gesund werden

Die Patienten der Station haben die unterschiedlichsten Leiden – nicht heilende Wunden, akute oder chronische Infektionen, offene Brüche, Erfrierungen und Hautkrankheiten – aber sie haben eines gemeinsam: keinen Ort, an dem sie gesund werden können und niemanden, der sie pflegt. „Einige sind zuvor in Krankenhäusern behandelt worden, doch eine Grippe ist kein Grund für eine stationäre Aufnahme. Aber für die Straße sind sie zu krank“, sagt Marlene Köster. Zu der augenscheinlichen Diagnose kommen oft noch weitere gesundheitliche Probleme dazu: Bluthochdruck, Diabetes, oft auch Alkohol- und Drogenabhängigkeit.

Neben drei Einzelzimmern werden die Patienten in Zwei- und Dreibettzimmern untergebracht. „Viele schlafen erst mal zwei Tage, kommen bei uns zur Ruhe und sind dankbar, einen geschützten Raum zu haben“, berichtet Marlene Köster. Die 31-jährige ist gelernte Krankenschwester und ausgebildete Pflegedienstleiterin. Neben ihr kümmern sich Schwester Bozena und ein Pflegehelfer im Drei-Schichten-System um die Patienten. Sie sind bei der Caritas angestellt, Ärzte kommen ehrenamtlich zweimal die Woche zur Visite.

Dazu kommt noch Stundenweise eine Sozialarbeiterin, denn neben der medizinischen Versorgung und der Pflege müssen Versichertenstatus, eventuelle Renten- und Versorgungsansprüche der Patienten geklärt werden - und nach Möglichkeit eine Unterbringung im Anschluss gefunden werden. „Wir suchen dann Plätze in betreuten Wohnungseinrichtungen, aber manche wollen trotz aller Hilfsangebote zurück auf die Straße“, sagt Marlene Köster.

Viele wollen nicht in die Notunterkünfte

Peter Schramm nicht. Der 69-jährige sitzt im Rollstuhl, hat einen Abzeß, Augenprobleme und Angst, wieder entlassen zu werden. Schwester Bozena versorgt ihn mit Augentropfen und redet beruhigend auf ihn ein. Sie kommt aus Polen und Sprachkenntnisse sind hilfreich, da viele Obdachlose aus Osteuropa kommen. „Manchmal verständigen wir uns über Bildtafeln“, sagt Marlene Köster. Sie und ihre Kollegen schätzen die Arbeit auf der Obdachlosen-Krankenstation. „Bei uns geht es nicht um Gerätemedizin oder Abrechnungseinheiten. Wir können auf unsere Patienten eingehen, so arbeiten wie wir das in der Ausbildung gelernt haben“, sagt die 31-jährige. Probleme mit sozialunverträglichem Verhalten gebe es nicht, im Gegenteil: „Die Menschen sind so dankbar, sie wollen selbst mithelfen, zum Beispiel beim Kochen am Wochenende“.

„Viele Obdachlose wollen trotz tiefer Temperaturen nicht in Notunterkünfte und man kann keinen zwingen. Aber auf der Straße kann man nicht genesen“, sagt Peter Wagner von der Caritas. Der Senat finanziert die Krankenstation in diesem Jahr teilweise, für die restlichen Kosten müssen Spenden eingeworben werden. Berliner helfen e. V., der Verein der Berliner Morgenpost, unterstützt das Hilfsangebot mit einer Spende über 20.000 Euro.

Die Räumlichkeiten im ehemaligen Moabiter Krankenhaus stellt das Bezirksamt zur Verfügung. „Wir würden gern auf 30 Krankenbetten aufstocken, aber wir wissen nicht ob wir hier bleiben können und der Mietvertrag verlängert wird“, sagt Marlene Köster. Peter Wagner ist zuversichtlich: „Die Krankenstation ist von allen gewollt, auch Senatorin Breitenbach unterstützt das Projekt. Das Land Berlin wird die Finanzierung der Betten im nächsten Jahr komplett übernehmen“.

Anschlussversorgung ist ein Problem

180 Patienten sind in diesem Jahr behandelt worden, mit einer Dauer von einer bis zu mehreren Wochen. Das Durchschnittsalter der meist männlichen Patienten - der Frauenanteil liegt bei 13 Prozent - ist 50 Jahre, wobei der Anteil der älteren Pflegebedürftigen auch unter den Wohnungslosen steigt.

Ein Problem nach der Entlassung aus der Krankenstation oder dem Krankenhaus ist die anschließende ambulante Behandlung, wenn Verbände erneuert und Medikamente regelmäßig genommen werden müssen. „Eins ist klar, auf der Straße kann keiner genesen“, meint Peter Wagner von der Caritas.