Serie "Das ist Berlin"

Alt-Charlottenburg – Der Souverän der Hauptstadt

Rau und kiezig, liberal und friedlich – der Norden Charlottenburgs hat seinen eigenen Charme. Wer ihn als Hinterzimmer des Bezirks betrachtet, ist einfach ungerecht. Hier heißen Clubs noch Kneipen. Szene gibt es aber dennoch – oder vielleicht gerade deshalb.

Ob arriviert oder alternativ, prominent oder eher provinziell – der Charlottenburger ist souverän. Er hetzt nicht jedem Trend hinterher. Dabei ist gerade Alt-Charlottenburg, der Stadtteil nördlich der Magistrale Bismarckstraße/Kaiserdamm, in vielem etwas rauer, unbehauener und auch kieziger als die Gegend um Kudamm und Gedächtniskirche. Ihn deshalb als Hinterzimmer Charlottenburgs zu betrachten, wäre grob ungerecht. Es gibt hier keine Lounge-Kultur, weniger designte Chromstühle, und Klubs heißen noch Kneipen. Szene gibt es dennoch – oder vielleicht gerade deshalb.

Die beliebten Altbauquartiere, die prunkvollen Schloss- und Gartenanlagen, die Siedlungsbauten der 20er- und 50er-Jahre im Norden stehen nicht gegeneinander, sondern fügen sich zu einem urbanen Ganzen zusammen, das viele über Jahrzehnte an diesen Teil der City fesselt. Und immerhin locken Schloss, Deutsche Oper und Museen Besucher aus aller Welt an und leisten ihren Beitrag zum "Gesamtkunstwerk Berlin". Auch das schafft Selbstbewusstsein – und Identität.

Wer heute die Schloßstraße entlanggeht, kann noch den Anfängen des alten, des preußischen Charlottenburgs nachspüren. Auf der 70 Meter breiten und einen Kilometer langen Prachtallee wohnten vor 300 Jahren die königlichen Hofbeamten. Im Schatten der großen Kastanien kann man sie sich vorstellen, auf dem Kopfsteinpflaster mit etwas Fantasie das holprige Klackern der Kutschen hören. Ganz real indes ist das Klackern von Boule-Kugeln, das oft auf der breiten Promenade zu vernehmen ist.

Charlottenburg war einst die reichste Stadt Preußens

1698 wurde die Schloßstraße angelegt. 1705 verfügte Friedrich I., dass die wenigen Häuser südlich vom Schloss Stadtrechte erhalten und nach seiner früh verstorbenen Frau Sophie Charlotte benannt werden sollten. Eine tatsächliche städtische Entwicklung setzte aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts mit den ersten Industrieansiedlungen im Spreebogen ein. Die mittlerweile aufwendig restaurierten Gewerbehöfe an der Franklin- und Helmholtzstraße zeugen davon. In den zwei Jahrzehnten von 1870 bis 1890 entwickelte sich Charlottenburg rasant zu einer Großstadt und zur reichsten Stadt Preußens. Die heutige Spreestadt, das neue Stadtquartier zwischen Landwehrkanal und Spreebogen, knüpft daran in moderner Form an. Mit 250.000 Quadratmetern ist die Spreestadt dreimal so groß wie die Bauten am Potsdamer Platz.

Neues ergänzt gut Altes: "Dank seiner Geschichte – mit dem Schloss und der klugen Vorsorge der Stadtväter um 1900 – hat dieser Ortsteil im Verbund der Berliner Bezirke eine ganz eigene, unverwechselbare Ausprägung erhalten", sagt Birgit Jochens, Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf.

Die Stimmung ist liberal und friedlich

Gleich gegenüber vom Schloss beginnt der Klausenerplatz-Kiez. Auch er hat Geschichte geschrieben: Während in anderen Stadtteilen noch kostbare Altbausubstanz en gros abgerissen, ganze Stadtquartiere zerstört wurden, setzte man hier frühzeitig auf die Rettung und behutsame Erneuerung der Häuser. Das Quartier, in dem viele (Lebens-)Künstler, Maler, Musiker, Literaten und Schauspieler, aber auch Alleinerziehende, Migranten, Hartz-IV-Empfänger sowie eine durchaus stabile Mittelschicht leben, hat den Charme eines Alt-Berliner Viertels.

Trotz der Unterschiedlichkeit der Einkommen ist die Stimmung offen, liberal und friedlich. Große Bäume, breite Bürgersteige, auf denen Caféhaustische stehen, gepflegte Altbauten mit Stuckfassaden und kleine Einzelhandelsgeschäfte mit einem oft gediegenen Angebot prägen die Gegend. Heinrich Zille (1858–1929) fand im Milljöh des Klausenerplatzes seine Motive. Er lebte von 1893 bis zu seinem Tod im Haus Sophie-Charlotten-Straße 88, wo eine Gedenktafel an ihn erinnert. Viele sagen, hier sei Charlottenburg am typischsten. "Bei uns gibt es ein Gemeinschaftsgefühl. Alles ist überschaubar wie auf dem Dorf, hier kennt noch jeder jeden", sagt Klaus Betz vom Bündnis Klausenerplatz.

In diesem Ortsteil gibt es den türkischen Gemüseladen neben international tätigen Firmen – wie das kleine, unabhängige Modelabel Cut Loose an der Danckelmannstraße 16/17. Helga Hölderle entwirft dort mit ihrem Team ihre eigenen Kollektionen, die dann in Indonesien, Polen und Deutschland gefertigt und in Boutiquen auf der ganzen Welt verkauft werden.

Ähnlich wie am Klausenerplatz haben sich auch rund um den Mierendorffplatz Nachbarschaftsinitiativen gebildet. Soziales Engagement ist vielen Charlottenburgern wichtig, sie wollen das Geschehen in ihrem Wohnumfeld mit beeinflussen. "Das Bewusstsein, das ist unser Kiez, wächst. Immer mehr Leute engagieren sich. Verkehr und das Sicherheitsgefühl auf der Straße sind die großen Themen", sagt Astrid Scheld vom Verein "DorfwerkStadt", der sich im Mierendorff-Kiez engagiert. Auch wenn die Wohngegend dort keine Toplage darstellt, wissen die Anwohner die Vorteile zu schätzen: viel Wasser, der Schlosspark vor der Tür, mitten in der Innenstadt gelegen, mit hervorragender Anbindung an U- und S-Bahn sowie den Flughafen Tegel. Keine Frage, der Mierendorff-Kiez hat Potenzial und ist im Kommen.

Anders als Klausenerplatz, Mierendorff-Kiez und nördliche Wilmersdorfer Straße ist Charlottenburg-Nord – übrigens offiziell ein eigener Ortsteil – überwiegend reines Wohngebiet.

Siemensstadt wurde fortschrittlich gebaut

Der Charlottenburger Teil der 1929–31 unter der Gesamtplanung von Hans Scharoun errichteten Großsiedlung Siemensstadt gilt als beispielhaft für den fortschrittlichen Wohnungsbau der 20er-Jahre: Die meist fünfstöckigen Wohnzeilen sind von Freiräumen und Grünstreifen umgeben. Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz – und seit diesem Sommer auch auf der Welterbe-Liste der Unesco. Von 1956 bis 1961 entstand die Erweiterung der Siedlung Siemensstadt im Westen von Charlottenburg-Nord mit zusätzlich 4000 Wohnungen.

Zwei Institutionen sind weit über die Grenzen des Ortsteils hinaus bekannt: die 1952 eingeweihte Gedenkstätte Plötzensee und die Jungfernheide, grüne Lunge des Ortsteils Charlottenburg-Nord. Mit 146 Hektar ist die waldähnliche Anlage nach dem Großen Tiergarten der zweitgrößte Park in Berlin. Das Freibad am künstlich angelegten See gehört zu Berlins beliebtesten.

Wo ist Berlin so lebendig und facettenreich wie in diesen Ortsteilen? Kein Wunder, dass die Charlottenburger so souverän auf den Rest der Stadt blicken.

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