Serie "Das ist Berlin"

Wilmersdorf – zwischen Kiez und Weltstadt

| Lesedauer: 6 Minuten
Brigitte Schmiemann

Wilmersdorf ist der gemütliche Teil der westlichen City: gutbürgerlich, wohlhabend, konservativ. Doch die Gegend wandelt sich. Jetzt kehren junge Menschen, die hier aufgewachsen sind, aus den Szenevierteln zurück. Denn Wilmersdorf bietet neben Gemütlichkeit auch Weltstadt-Atmosphäre.

Fabian Schmitz-Grethlein ist zurückgekommen. Vor wenigen Wochen ist der junge Rechtsanwalt mit seiner Frau Hanna und der vier Monate alten Tochter Merle wieder nach Wilmersdorf gezogen. Von Prenzlauer Berg hat er nach sieben Jahren die Nase voll: „Man muss Baby-Yoga machen, und der Kinderwagen darf nur von einer bestimmten Marke sein. Sonst hat man schnell den Ruf als Rabeneltern weg. Da ist es in Wilmersdorf doch wesentlich entspannter und gemütlicher.“ Außerdem seien die Spielplätze nicht so überfüllt. Und von seiner Wohnung an der Pfalzburger Straße ist der 28 Jahre alte Rechtsanwalt in wenigen Minuten mit dem Fahrrad in der Kanzlei am Kurfürstendamm.

Wilmersdorf steht für den alten Westen. Gutbürgerlich, wohlhabend, konservativ. Doch das ändert sich: Eine kreative und zukunftsorientierte Atmosphäre entsteht. Etliche junge Leute, die zwischen Lietzenburger Straße und Rüdesheimer Platz aufgewachsen sind, ziehen aus den Szenevierteln Prenzlauer Berg und Friedrichshain wieder zurück – nicht selten mit Nachwuchs.

Witwen als Musical-Stars

Familien bietet Wilmersdorf mit seinen Grünanlagen wie zum Beispiel dem Volkspark sowie dem breiten Schulangebot eine intakte Umgebung. Gemütlicher Kiez und Weltstadtleben sind in der City West keine Gegensätze. Es gibt große und oft auch für Normalverdiener noch bezahlbare Wohnungen, der kulturelle Bogen reicht von der Schaubühne am Lehniner Platz bis zur Bar jeder Vernunft.

Auch international hat der Ortsteil von sich reden gemacht. Die berühmt-berüchtigten Wilmersdorfer Witwen haben es mit ihrem Musical-Song in der Berliner U-Bahn zu Weltruhm gebracht: „Ja, wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wär'n wir längst schon russisch, chaotisch – und grün. Was nach uns kommt, ist Schiete, denn wir sind die Elite“, heißt es im Refrain. Es ist eine der Glanznummern im legendären Grips-Theater-Musical „Linie 1“, das 1986 uraufgeführt wurde und immer noch um die Welt tourt. In Korea wird das adaptierte Stück Silvester seine 4000.Aufführung erleben.

Grips-Gründer Volker Ludwig, aus dessen Feder der Song stammt, kennt sich in Wilmersdorf bestens aus. Er ist im „sehr angenehmen Kiez“ in der Nähe der Güntzelstraße zu Hause: „Die Gegend wird zunehmend multikultureller und immer gemütlicher. Es gibt bei mir um die Ecke mindestens zehn Restaurants unterschiedlicher Nationalitäten.“ Gibt es denn die Wilmersdorfer Witwen noch? Ludwig sagt, sie hätten sich längst gewandelt, das komme der Atmosphäre zugute. „Sie sind freundlicher, nicht mehr so reich und toleranter.“

Die Grundzüge des heutigen Wilmersdorf wurden im späten 19.Jahrhundert geprägt. Den Stadtplanern war klar, dass Berlin sich als Hauptstadt des Kaiserreichs schnell ausdehnen würde. Der Kaufmann Johann Anton Wilhelm von Carstenn-Lichterfelde kaufte riesige Ländereien in Wilmersdorf und ließ ein Netz von Straßen und Plätzen rund um die damalige Kaiserallee (die heutige Bundesallee) anlegen, das Wilmersdorf bis heute seinen Charakter verleiht. Um 1885 – rund 20 Jahre nach der Erschließung – begann dann die rasante Bebauung mit fünfgeschossigen, oft sehr eleganten und großbürgerlichen Mietshäusern.

Zu diesem Charakter gehören auch Bäume, Blumenrabatten und Springbrunnen. Das wissen die Wilmersdorfer zu schätzen, dafür engagieren sie sich, heute mehr denn je – ehrenamtlich. Sie lieben ihr Grün, zur Not gehen sie sogar dafür auf die Straße oder demonstrieren im Rathaus, wie kürzlich für die Kleingartenkolonie an der Württembergischen Straße.

Trinkgeld für den Schuhmacher

Grün und schön ist auch der Rüdesheimer Platz. Den kennen viele Berliner, auch wenn sie etwas weiter weg wohnen: Der Weinbrunnen ist jedes Jahr von Mai bis September ein beliebter Treffpunkt. Dort schenken Winzer aus dem Rheingau-Taunus-Kreis ihre Weine und Sekte aus; Essen bringen die Gäste selbst mit. Das Rheingauviertel – ab 1910 im englischen Landhausstil erbaut – bildet die gediegen-gemütliche Kulisse rund um den Platz. In schicken Läden gibt es nicht nur gesunde Lebensmittel, sondern auch rahmengenähte Damenschuhe, besondere Tees und Öle sowie pädagogisch wertvolles Spielzeug.

Hier hat auch das Handwerk noch eine Zukunft. Marco Gloger(19), der im Meisterbetrieb seines Vaters Fritz(62) lernt, will dessen Schuhmacherei fortführen. Immobilienmakler, Banker, Ärzte, aber auch Hausfrauen und Rentner gehen bei Glogers ein und aus. „Hochwertige Schuhe, die maßgeschneidert sind, aber auch Lieblingsschuhe, die gut passen, lohnen immer, repariert oder aufgearbeitet zu werden“, sagt Marco Gloger. Trinkgeld bekommt er häufig als Dank für die gute Arbeit.

Älteste Eisdiele Berlins

Das passiert an der Blissestraße, wo Sonja Belowa ihr Eiscafé hat, nicht so oft. „Das Geschäft ist schwierig geworden“, sagt die 56-Jährige, die die Eisdiele „Monheim“ an der Blissestraße14 seit 36Jahren betreibt. Gegründet wurde die Eisdiele 1928, gilt als die älteste Berlins. Hier wird das Eis nach den Rezepturen der Vorgänger selbst hergestellt, angereichert mit neuen Geschmacks-Kreationen wie in dieser Saison „Omas Apfelstrudel“ oder Bitter-Schoko. Der kleine Laden liegt direkt am U-Bahnhof, besser könnte es nicht sein. Eigentlich. „Heutzutage ist Eis mit 80 Cent pro Kugel fast ein Luxusartikel. Doch wegen unserer Kosten können wir nicht billiger sein“, sagt Sonja Belowa. Hinzu komme, dass es in diesem Abschnitt der Blissestraße, wo sich auch das 1913 gegründete Kino „Eva“ wacker hält, wenig Laufkundschaft gebe.

Einfallsreichtum ist also bei den Geschäftsleuten gefragt. Auch an der Güntzel-, Uhland- und Ludwigkirchstraße setzen die Inhaber der kleinen Läden darauf, Besonderes zu bieten. So entsteht ein Mix, der sich vom Einerlei mancher großer Einkaufsstraßen abhebt: In der Güntzelstraße etwa liegt der Biofleischer neben der Buchhandlung, kann der Kunde guten Käse kaufen und im Geschäft nebenan einen Mantel. Auch „Große“ haben Einfälle: An der Berliner Straße lockt ein Reichelt-Supermarkt mit Öffnungszeiten rund um die Uhr. Es war der Erste in Berlin. Das passt gut zu Wilmersdorf, zu dieser Mischung aus Kiez und Weltstadt in bester Citylage.