Raus in die Stadtnatur

Das sind Berlins beste Hunde-Auslaufgebiete

Wie kommen Zwei- und Vierbeiner gut miteinander aus? Unterwegs mit einem Coach. Die Morgenpost-Serie, letzter Teil.

Hundecoach Martin Klötzer bringt den Labrador Jerry ins Hundeauslaufgebiet mit  
Christian Kielmann

Hundecoach Martin Klötzer bringt den Labrador Jerry ins Hundeauslaufgebiet mit Christian Kielmann

Foto: Christian Kielmann

Berlin. „Der tut nix, der will nur spielen“, sagt die ältere Dame und hat sichtlich Probleme, ihren kleinen Pudel vor mir zurückzuhalten. Der kläfft mich wie wild an. „Das ist ein ganz lieber, ja ein ganz lieber“, sagt sie immer wieder, während der Hund an der Leine zerrt. Welche Ironie, denke ich mir. Ich stehe in Zehlendorf und warte auf Hunde-Coach Martin Klötzer. Der will mir zeigen, wie es mit Mensch und Hund, mit denen es im urbanen Raum immer wieder Reibereien gibt, in der Stadt besser laufen kann und inwiefern Hundeauslaufgebiete dazu beitragen. Eines weiß ich jetzt schon: Die Dame und ihr Pudel hätten auch einen Hundecoach nötig.

Als Klötzer eintrifft, erzähle ich ihm von meinem Erlebnis. „Es war vielleicht ein Wohnungshund“, sagt der Coach. Wohnungshund? „Richtig. Es kommt immer auf die Frage an, wie das Tier aufwächst. Wieviel Auslauf bekommt der Hund, wie sozialisiert ist er im Umgang mit anderen Hunden und Menschen, welche Übungen macht man mit ihm?“, sagt er. Befehle wie „Sitz“, „bei Fuß“ oder „Nein“, also einfache Kommandos, seien hilfreich für das „Hundeköpfchen“, lerne ich. „Tiere wie der Pudel der Dame, die hochgenommen werden, wenn große Hunde oder kommen, haben nie gelernt, mit ihresgleichen oder auch fremden Menschen umzugehen.“

Noch habe ich keine Ahnung, wie man mit Hunden umgeht

Wir sind auf dem Weg ins größte Hundeauslaufgebiet Berlins, den Grunewald. Klötzer kennt sich hier aus. Seit mehr als vier Jahren ist er Hunde-Trainer bei Lucky-Dog, einer renommierten Berliner Hundeschule. Er weiß, was für den besten Freund des Menschen gut ist, damit es zur friedlichen Koexistenz mit dem Herrchen kommt – und anderen Menschen. „Auslaufgebiete bieten eine optimale Möglichkeit. Es ist eine Konfrontation im neutrale Raum.“

Heute hat Klötzer den Labradorrüden Jerry dabei. Noch liegt der gelangweilt auf der Rücksitzbank in Klötzers Auto. Gut für mich, denn ich soll das Tier nachher führen und habe keine Ahnung, wie man mit Hunden umgeht.

Beim Aussteigen der erste Fehler: Ich ziehe sanft an Jerrys Leine. „Komm“, sage ich unsicher. Martin Klötzer ruft: „Stop! Wenn der Hund aus dem Auto kommen möchte, gibt er uns Blickkontakt und fragt somit. Wenn ich mit zwölf Hunden hier bin und jeder einzelne ungehemmt aus dem Auto springt, würden sie alle auf die Straße rennen.“Jedes Tier wird deswegen mit seinem Namen aufgefordert, lerne ich. Wer geht denn bitteschön mit zwölf Hunden gleichzeitig Gassi? „Ich!“, sagt Klötzer fröhlich. „Das ist bei uns Durchschnitt. Es können bis zu 19 werden.“

Irritiert folge ich Hund und Halter in den Wald. Hier können sich die Tiere austoben. 790 Hektar umfasst das Areal. Genug Platz, damit auch ich mit Jerry üben kann. Dann wird Klötzer konkreter: „Neue Hunde nehme ich zu Anfang immer an die Leine. Hund und Herrchen sollen sich erst kennenlernen. Eine Sicherheitsmaßnahme, um andere Leute, andere Hunde oder Tiere im Wald nicht zu stören.“

„Blickkontakt aufbauen und ‘bei Fuß’!“

Dann werde ich ungeduldig und möchte testen, wie gut Jerry auf meine Befehle reagiert. Denn auch Jogger, Reiter und andere Hundehalter finden den Weg hierher. Doch erstmal muss ich Jerry einfangen. Der tollt nämlich schon im Unterholz. „Hierher!“ Klötzer schüttelt den Kopf und erklärt mir, wie man ruft: „Blickkontakt aufbauen und ‘bei Fuß’!“ Tatsache – schon steht das Tier vor meinen Füßen.

„Befehle und Geste sind wichtig, da Hunde im Alter auch taub werden können“, sagt der Experte. Ich versuche, mit meinem Finger Jerrys Blick einzufangen und werde prompt korrigiert. „Nicht forcieren. Wir warten, bis der Hund zu uns schaut.“ Dann befehle ich ihm, sich zu setzen. Jetzt klappt’s.

Auch das Stöckchenholen kombiniere ich mit solchen Übungen. Ich bin begeistert, wie Jerry gehorcht, will den Labrador am liebsten belohnen. Als Kind habe ich nämlich in der Zeitschrift „Micky Maus“ gelesen, dass Belohnung das Wichtigste sei. „Eben nicht!“, widerspricht Martin Klötzer und lacht. „Denn das hebt das Kommando wieder auf. Der Befehl ist für das Tier eine ernsthafte Sache. Dann lieber ein Lobwort, wie ‚fein‘.“

Auch im Wald gelten Regeln

Ich bin stolz, dass ich jetzt wenigstens die Grundbefehle draufhabe. Denn ich lerne schnell: Auch im Wald gelten Regeln. Von weitem sehen wir einen Mann mit einer Horde Hunden im Schlepptau. Klötzer schaut skeptisch und sagt: „Es gibt immer mögliche Begegnungen, von denen wir nicht wissen, wie sie laufen.“ Dann das Kommando: „Jerry, zur Seite!“ Unser Gegenüber wartet kurz und kommt dann mit seiner Gruppe vorbei. Plötzlich schlagen die Hunde an, bellen, fletschen die Zähne und lassen sich kaum bändigen. Auch Jerry reagiert aggressiv und fängt wie wild an zu knurren. Ich werde nervös, erinnere mich aber dann: Auf den Blick warten, Finger heben und Sitz-Befehl geben. Prompt ist das Knurren vorbei, Jerrys Hintern berührt den Boden, guckt mich treusorgend an und hat die anderen Kläffer schon vergessen.

Auf dem Weg zurück zum Parkplatz fällt uns ein zugeschnürtes Beutelchen Hundekot auf, dass mitten auf dem Gehweg liegt. „Leider gibt es hier keine Abfallbehälter. Die Leute hängen die dann meistens an den Baum“, erklärt mir der Hundeprofi. Warum der Beutel aber so dekorativ auf dem Weg liegt, ist auch ihm nicht ersichtlich. Und ich denke mir so: Manchmal ist es der Mensch, der einen Coach gegen schlechtes Benehmen braucht.

Martin Klötzer hat selbst keinen Hund. Tiere standen ihm aber immer sehr nah. Jahrelang war er Tierpfleger im Tierpark, hatte mit Vierbeinern wie Elefanten oder Tigern zu tun. Sie haben allerdings nicht so gut auf Befehle gehört wie Jerry. „Und jetzt beaufsichtigst du die Hunde von anderen?“, frage ich frech. Klötzer schaut mich ungläubig an. „Wir beaufsichtigen nicht, wir haben ein konkretes Programm aus Übungen. Wer sein Kind in die Schule schickt, schiebt sein Kind ja auch nicht ab. Viele vertrauen uns da als Profis.“ Und die Halter fordern viel, sind oft enttäuscht, wenn ein Befehl bei ihnen mal nicht so klappen will wie beim Profi. Deswegen gibt es bei Lucky-Dog Gruppenprojekte, in denen die Kunden ihre Fertigkeiten testen und üben können.

Aber wohin gehe, um mit dem Hund zu üben? Gesetzliche Regelungen, beispielsweise zur Anzahl und Größe von Hundeflächen in Wohngebieten, gibt es nicht. Hundewiesen werden zumeist von privaten Vereinen getragen. Zwar gibt es in fast allen Bezirken insgesamt 35 kleine und große Auslaufflächen, für Kritiker ist das dennoch zu wenig bei über 100.000 registrierter Hunden in Berlin. Sie alle brauchen Platz. Und der wird immer weniger. Das führt unweigerlich zu Stress zwischen Mensch und Vierbeiner. Fast 600 Hundeattacken auf Menschen gab es im Jahr 2017. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. Diesen Stress bekomme auch ich jetzt zu spüren.

Wir fahren zum Hundeplatz „Inselhunde“ in Schöneberg. Beim Eintreffen wird klar: Viel Verkehr, ein enger Zugang, kaum Parkplätze. Vor dem Eingangstor gibt es die erste Konfrontation mit einem andern Hund. Aggressives Gebell, Knurren, Zähnefletschen, Passanten machen einen Bogen. Der Stress ist so groß, dass meine Sitz-Befehle bei Jerry nichts mehr ausrichten. Zumal der andere Halter seinen knurrenden Streuner gefährlich nah an Jerry herankommen lässt. „So ein Benehmen macht mich sauer“, sagt Klötzer und schüttelt den Kopf. Auf derlei Unverständnis trifft er all zu oft. „Man sollte erst ausweichen. Anschließend kann man fragen: Können die zusammen spielen, ist das okay? Wir kennen die anderen Hunde nicht und wissen nicht, ob das gewünscht ist.“

Dogge Otto geht seit einem Jahr in die Hundeschule

Als wir dann endlich auf dem Gelände sind, bin ich überrascht. Es ist klein und etwas verwildert. Büsche versperren den Blick, es wirkt unübersichtlich. Immer wieder gibt es bei Hundehaltern die Kritik, derartige Wiesen wie in Schöneberg seien zu klein. Dabei sollen derartige „Hundegärten“ in Wohnortnähe ja eigentlich die Grünanlagen entlasten. Immerhin gibt es hier Sportmöglichkeiten und einen Parcours, also perfekt zum Üben.

Die Entspannung scheint für Jerry so groß zu sein, dass er, drinnen angekommen, erstmal losrennt. Ich rufe seinen Namen, „komm“, „bei Fuß“. Nix. Dann weist mich der Hundeprofi wieder zurecht: „Gleich hinterher und sich durchsetzen. Er nutzt das jetzt aus und testet, wie weit er gehen kann. Oft auch, weil er hofft, beim Zurückkommen eine Belohnung zu erhalten.“

Auf einer Bank sitzt Stefanie Beithan (30) und schaut meinem etwas unbeholfenen Treiben zu. Sie ist mit ihrem Hund Otto hier, einer französische Dogge. Wir kommen ins Plaudern. Otto geht selbst seit einem Jahr in die Hundeschule. Auch sie kennt die Auslaufmöglichkeiten der Stadt, kennt den Grunewald. „Seit Jahren ist im Gespräch, dort Fläche abzuzwacken. Wo sollen wir noch hin, wenn der Raum immer kleiner wird?“ Sie kann Hundehalter zwar verstehen, die im Park nicht immer über einen Hund stolpern wollen. Aber: „Dann möchten wir Besitzer auch unsere Auslaufgebiete. Denn ich erhole mich ja mit meinem Hund. Mir wird die Erholung nicht zugestanden, wenn ich dort die ganze Zeit auf Jogger und Fahrradfahrer aufpassen muss.“ Die Folge: Der Begleiter des Menschen würde aus der Gesellschaft verdrängt. „Deswegen war mein Anspruch, das Verhalten meines Tieres zu verstehen, damit ein Miteinander funktioniert.“

Weil sie das so selbstsicher behauptet und wir einen echten Coach dabeihaben, stifte ich Martin Klötzer an, doch einmal zu beobachten, ob Otto wirklich auf Frauchen hört. Und tatsächlich. Sitz, bei Fuß, Platz – perfekt einstudiert.

Und dann schlägt es dreizehn. Auch Jerry folgt Stefanies Kommandos. Macht Sitz, geht bei Fuß und gibt sogar Pfote. Gleich beim ersten Versuch. Wie eine perfekte Zirkusnummer. Ich werde neidisch. Dann sehe ich, dass Stefanie heimlich Leckerli in der Hand hat und denke mir: Okay, vielleicht hole ich mir doch lieber eine Schildkröte.

Auslauf für Hunde in Berlin

Grunewald

Berlins größtes Hundefreilaufgebiet umfasst 790 Hektar Wald und Wiese. In der Nähe von Grunewald- und Hundekehlesee gibt es die Möglichkeit zum Planschen. Kleines Manko: Es keine Hundekot-Tütenspender oder Mülleimer.

Arkenberge

Große Wiese und Rundweg, für den man etwa anderthalb bis zwei Stunden braucht. Mit Hundeklettergerüst, Hürden und Tunnel. 40 Hektar umfasst das Areal in Blankenfelde (Pankow) Anfahrt: Schönerlinder Straße, Möllersfelder Weg.

Forst Jungfernheide

Mit 72,5 Hektar das zweitgrößte Gebiet der Stadt. Das großzügige Freilaufgebiet ist fast frei von Leinenzwang und bietet genug Platz. Achtung: Wo der Wald an das Vogelschutzgebiet grenzt, sollten Hunde an der Leine bleiben. Auch hier: Keine Hundekottütenspender oder Mülleimer. Anfahrt über Kamener Weg (Tegel).

Forsthausallee

Der Grünstreifen in Baumschulenweg (Treptow) liegt nicht weit vom S-Bahnhof Baumschulenweg und direkt am Wasser. Auch hier kann ohne Leine getobt werden. Besitzer sollten allerdings am Kanal aufpassen – gefährliche Strömung

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