Serie

Raus in die Stadtnatur - Yoga vor großer Kulisse

Viermal in der Woche versammeln sich Menschen am Falkplatz in Prenzlauer Berg zum Sport. Was ist da los?

„Om“ – volle Konzentration auf die Atmung. Morgenpostautorin Jessica Heyer (r.) hat gemeinsam mit Lisa einen Pop-up-Yogakurs am Falkplatz im Prenzlauer Berg besucht

„Om“ – volle Konzentration auf die Atmung. Morgenpostautorin Jessica Heyer (r.) hat gemeinsam mit Lisa einen Pop-up-Yogakurs am Falkplatz im Prenzlauer Berg besucht

Foto: David Heerde

Einen Yoga-Kurs habe ich bisher nur im Fitnessstudio gemacht – und das auch nur einmal. Sich in stickigen Räumen zu den Anweisungen einer Trainerin und bei zu lauter Musik zu verrenken, war nichts für mich. Doch über das soziale Netzwerk Facebook bin ich auf das sogenannte Pop-up-Yoga gestoßen. Von dem Trend der „Pop-up-Stores“ hatte ich zwar schon gehört – es sind Geschäfte, die nur vorübergehend in leer stehenden Räumen geöffnet werden. Pop-up-Yoga hingegen ist mir neu. Ich lese: Es handelt es sich um Yoga im Freien, das quasi irgendwo in der Stadt aufpoppt. Es klingt nach einer guten Alternative zum Fitnessstudio. Ich beschließe, Yoga eine zweite Chance zu geben.

An einem Montagabend möchte ich beim Pop-up-Yoga-Kurs im Prenzlauer Berg mitmachen. Ich bin etwas spät dran, denn ich muss erst noch meine Wäsche aufhängen. Der Abwasch stapelt sich auch bereits seit mehreren Tagen im Waschbecken, aber dafür habe ich jetzt keine Zeit mehr. Gestresst schwinge ich mich also auf mein Fahrrad und trete ordentlich in die Pedale. Am Zielort angekommen, muss ich mich Dank der Fahrradfahrt zumindest nicht mehr aufwärmen.

Die Geräusche des Parks vermischen sich mit der Musik

Wir beginnen die Yoga-Session im Schneidersitz. Mit geschlossenen Augen sollen die anderen Teilnehmer und ich uns zunächst auf unsere Atmung konzentrieren. Im Hintergrund läuft leise Musik. Der Kurs findet am Falkplatz neben dem Mauerpark statt. Bei der Hitze hat Yoga-Lehrerin Julia die Session an den Rand unter den Schatten der Bäume verlegt. Auch sie sitzt im Schneidersitz mit Headset auf ihrer Yoga-Matte und erklärt uns die Übungen. Diese werden mit der Zeit schon etwas schwieriger. Das rechte Bein im Sitzen anwinkeln, das andere darüber aufstellen und den Oberkörper nach links drehen? Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder heimlich zu den anderen Kursteilnehmern hinüberschiele. Was machen sie anders? Was mache ich falsch?

Unter den Teilnehmern ist nur ein einziger Mann. Johannes Hausen stört das jedoch nicht, wie er mir später sagt. „Ich kenne das schon.“ Normalerweise macht er drei- bis viermal die Woche Ashtanga-Yoga. „Am Ashtanga-Yoga nehmen mehr Männer teil, weil es so kraftaufwendig und körperlich etwas anstrengender ist“, sagt der 35-Jährige.

Lehrerin Julia praktiziert in ihren Kursen Vinyasa-Yoga, das so ähnlich ist wie Ashtanga-Yoga. Vinyasa-Yoga zeichnet sich durch einen fließenden Übergang, bewusste Atmung und Meditation aus. „Es ist eine westliche Variante des Ashtanga-Yoga. Sie sind im Prinzip ähnlich, es ist ein Fluss mit sich wiederholenden Sequenzen von Posen. Beim Ashtanga gibt es jedoch eine festgelegte Reihenfolge der Übungen, während es beim Vinyasa mehr Variationen gibt“, erklärt Julia. „Vinyasa-Yoga ist ein bisschen wie ein Tanz.“

Auch bei dieser Form des Yogas habe ich zunächst das Gefühl, mich unnatürlich zu verrenken. Aber das Positive daran diesmal: Ich betrachte die Natur mal aus einem ganz anderen Blickwinkel. Und mir fallen Dinge auf wie ein kleines Vogelhaus am Baum, die ich sonst vermutlich gar nicht registriert hätte.

„Rechtes Bein über das linke Bein, linken Arm über den rechten Arm und Knie leicht beugen“, Julia nimmt professionell diese Position ein. Als ich
es auch versuche, kommt es mir gar nicht so leicht vor, wie es bei ihr aussieht. Ich verliere fast das Gleichgewicht, schaffe es dann aber doch, die Position zu halten.

Je mehr Übungen wir machen und je häufiger wir sie wiederholen, desto leichter fallen sie mir. Beim zweiten Mal kann ich schon direkt auf Anhieb die Position halten. Ich merke, wie ich langsam anfange, mich zu entspannen. Ich blicke nicht mehr so oft nach rechts und links, um zu sehen, was die anderen Teilnehmer machen, sondern konzentriere mich auf mich selbst. Dennoch nehme ich auch die Dinge wahr, die um mich herum geschehen. Beispielsweise, wie sich die Musik mit den Hintergrundgeräuschen des Parks vermischt. Babygeschrei, Hundegebell und dazwischen klingt Bruno Mars’ Stimme aus Julias Lautsprechern.

Ein paar Meter weiter liegen die Leute faul auf der Wiese, grillen oder picknicken. Manche schauen interessiert bei unserer Yoga-Session zu, andere ignorieren uns einfach. „Manchmal kommen auch einfach Leute dazu oder kleine Kinder, das ist richtig süß“, erzählt Julia mir. Heute mischt sich lediglich ein Hund zwischen die Teilnehmer, lässt sich streicheln und verschwindet kurz darauf wieder.

Julia ist vor zwei Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen. Aber mit Gymnastikübungen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, hatte sie da noch nicht im Sinn. Eigentlich
wollte sie damals nur mit einer Freundin nach Feierabend beim Yoga im Park ein bisschen entspannen. Doch sie merkte schnell, dass immer mehr Leute Interesse daran hatten. Freunde, aber auch Fremde im Park kamen auf sie zu und fragten, ob sie mitmachen dürften. Sie stellte auf einer Onlineplattform zum Organisieren von Veranstaltungen, ihre Termine online und lud Leute ein, mitzumachen. Später erstellte sie auch eine Facebook-Seite mit dazugehörigen Veranstaltungen. Das war im Juni vor zwei Jahren. Eigentlich wollte sie im Winter mit den Kursen aufhören, aber Yoga sei „ein bisschen wie eine Droge“, wie sie sagt. „Du fängst an und kannst nicht mehr aufhören.“

„Ich freue mich, wenn die Leute Zeit für Yoga finden“

Heute hält sie viermal in der Woche die Yogakurse am Falkplatz und zusätzlich auf der Museumsinsel ab. „Bei gutem Wetter kommen bis zu 50 Leute“, sagt sie. An diesem Tag sind sogar etwa 30 Teilnehmer mehr da. „Ich fühle mich geehrt, dass Leute zu meiner Klasse kommen. Zeit ist das kostbarste, was Menschen haben und es freut mich sehr, wenn sie sich diese Zeit nehmen und herkommen.“

Ihre Leidenschaft für das Yoga entdeckte sie bereits in ihrer Heimat Russland. „Ich habe schon immer aktive Sportarten gemacht und wollte etwas als Ausgleich machen.“ Julia fing mit Yoga an, später machte sie noch eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin. Nebenbei arbeitet sie noch im Yoga-Studio Maigold in der Kopenhagener Straße im Prenzlauer Berg. Seitdem sie im April dieses Jahres wieder mit den Outdoor-Kursen angefangen hat, ist das jedoch weniger geworden.

Sie war mit ihren Kursen sogar schon auf Festivals oder bei einer Großveranstaltung auf dem Tempelhofer Feld im letzten Sommer mit Live-Piano-Musik. 200 Leute kamen, um an ihrem Kurs teilzunehmen.

Es gibt viele Leute, die regelmäßig zu den Sessions im Park kommen, aber viele sind wie ich heute zum ersten Mal da. So auch Vanessa Prattes und Franziska Müller. Vanessa kam heute her, um sich „von der Arbeit zu entspannen und Zeit mit meiner Freundin zu verbringen“. Die 24-Jährige wurde ebenfalls über Facebook auf die Veranstaltung aufmerksam. „Ich habe vorher noch nie Yoga gemacht und fand es spannend. Ich fühle mich jetzt entspannter als sonst und vom Kopf her freier“, sagt Franziska.

Maria Teresa Chietera kommt regelmäßig zu Julias Kursen. Ursprünglich stammt sie aus Italien, zog aber vor zwei Jahren nach Deutschland. Besonders toll an Julias Kursen findet sie, dass sie draußen stattfindet. „Ich kann die Geräuschkulisse wahrnehmen, es ist sehr entspannend, ich spüre meinen Atem und ich mag es, wenn die Sonne in mein Gesicht scheint.“

Auch ich fühle mich am Ende nach dem Yoga ein bisschen entspannter, fast wie nach einem Besuch im Spa. Der Stress vom Tag ist vergessen. Und den Abwasch? Den kann ich auch morgen noch erledigen. Ich beschließe, auf jeden Fall wiederzukommen – und meine Mitgliedschaft im Fitnessstudio zu kündigen.

Yoga in der Natur

Teilnahme: Das Pop-up-Yoga findet im Sommer vier Mal die Woche statt, jeden Montag und Mittwoch um 18.30 Uhr auf dem Falkplatz in der Nähe des Mauerparks (Prenzlauer Berg), sonnabends um 13 Uhr auf dem Falkplatz und jeden Donnerstag um 18.30 Uhr im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel (Mitte). Die Kurse dauern jeweils eine Stunde.

Kosten: Die Teilnehmer können selber entscheiden, wie viel sie für die Yogastunde bezahlen möchten. Für Mitglieder des Urban Sports Club (Mitgliedschaftsmodell M oder L) ist die Teilnahme kostenlos.

Mitbringen: Eine eigene Yogamatte oder Handtuch sollte man sich selbst mitbringen.

Alle Teile der Stadtnatur-Serie finden Sie hier

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