Raus in die Stadtnatur

Berliner Experte: "So vieles in Gärten und Parks ist giftig"

Foto: Reto Klar

Giftig oder nicht? Im Ökowerk in Charlottenburg lernt man, giftiges vom ungiftigen zu unterscheiden.

Berlin. „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Der Satz stammt von Paracelsus, Schweizer Arzt und Alchemist des 16. Jahrhunderts. Aber auch wer mit Thomas Hötger über die Wirkung von Pflanzen spricht, könnte Paracelsus heraushören. Der Gärtner wacht im Charlottenburger Ökowerk mit Ruth Kümmerle über das delikateste Beet des Naturschutzzentrums, zwischen Teichlandschaft und Lehmbackofen gelegen. Auf der einen Seite quaken abends Frösche, auf der anderen klingen vom Kindererlebnisbereich und dem Teufelssee fröhliche Stimmen herüber. Zur Streuobstwiese mit Bienenstand sind es nur Schritte. Ein lauschiger Ort. Eigentlich.

Und doch sprießt und rankt in dem Beet das, was Kräuterweibern im Mittelalter Prestige als Heilerin ebenso wie den Scheiterhaufen hätte bringen können. Neben den Schildern, die zu jeder Pflanze botanische Familie, Gattung und Art nennen, warnt ein schwarzer Totenkopf auf weißem Grund: Etwa 50 verschiedene Gewächse, deren Wurzeln, Stängel, Blätter, Blüten oder Samen beim Menschen Reaktionen bis hin zur Lebensgefahr hervorrufen, werden im Giftpflanzenbeet des Ökowerkes gehegt und gepflegt.

Achtung, Verwechslungsgefahr

Wie wichtig die Warnschilder sind, erschließt sich beim Betrachten des Beetes ganz unmittelbar. Denn die geballte Ladung Toxine, die hier gedeiht, kommt nicht nur scheinbar harmlos, sondern auch äußerst alltäglich daher. „So vieles in Gärten und Parks ist giftig“, sagt Thomas Hötger. „Je mehr man sich damit befasst, desto weniger kann man die Frage, was giftig ist und was nicht, beantworten.“ Wer also in dieser Ansammlung gefährlicher Pflanzen Hingucker mit Alarmwirkung erwartet, wie den Fliegenpilz, wird enttäuscht. „Es gibt keine Erkennungsmerkmale dafür, dass eine Pflanze giftig ist“, sagt Ruth Kümmerle.

Beispiel Schierling: „Den kennt jeder, durch den Schierlingsbecher des Philosophen Sokrates“, weiß Kümmerle. Mit den kleinen weißen Blüten, die in sogenannten Dolden zusammenstehen, ist er außerdem von Spaziergängen durch die Felder, vom Straßenrand oder von Brachflächen her vertraut. Kümmerle: „Tatsächlich ist der Schierling eine der giftigsten Pflanzen in unseren Breiten.“ Umso pikanter, wie sehr er manch anderem Wildkraut wie Wilder Möhre, Wiesenkerbel oder Schafgarbe ähnelt.

Auf mögliche Verwechslungen zwischen gefährlichen und nicht gefährlichen Pflanzen geht die 69-jährige ehrenamtliche Helferin im Ökowerk bei ihren regelmäßigen Führungen am Giftpflanzenbeet ein. Das Wissen, das sie dafür braucht, hat sich die Erwachsenenbildnerin im Ruhestand in den Wintern angeeignet, seit sie vor drei Jahren die Mitbetreuung der Anlage übernahm. Ihre Wohnung hat nur einen Balkon, und so kommt sie zwei- bis dreimal in der Woche aus Prenzlauer Berg ins Naturschutzzentrum im Grunewald. „Das Praktische“, sagt sie und schaut Hötger an, „habe ich ja von dir gelernt“. Fachliteratur musste aber auch der Profi studieren. „Nur mit einer Gärtnerlehre weiß man noch nicht so sehr viel über Giftpflanzen“, sagt der 50-Jährige.

Was also die Verwechslungsgefahr angeht, ist der Schierling keine Ausnahme. „Der Gefleckte Aronstab, der jetzt so hübsche rote Beeren trägt“, sagt Kümmerle und zeigt auf das ungewöhnliche Naturgebilde im Schatten. „Im Frühjahr sehen die Blätter dem Bärlauch ähnlich, beide wachsen im Wald.“ Noch größer sind die Übereinstimmungen mit Maiglöckchen oder Herbstzeitlosen – ebenfalls giftige Pflanzen. „Grundsätzlich“, warnt Thomas Hötger, „sollte man nur pflücken, was man wirklich kennt. Auch die Riechprobe hilft nicht immer. Wenn ich Bärlauch gerieben habe, um ihn am Knoblauchgeruch zu erkennen, dann hängt der nämlich an den Fingern, und auch ein Maiglöckchenblatt riecht scheinbar nach Knoblauch.“

Bei den Besuchern ihrer Führungen ruft Ruth Kümmerle ungewollt immer wieder Erstaunen, sogar Erschrecken hervor. Schließlich sind nicht alle giftigen Arten unserer Flora so bekannt wie Fingerhut oder Tollkirsche. „Ein Besucher war mal sehr überrascht, als er die Weinraute im Giftpflanzenbeet entdeckte“, erzählt Kümmerle. „Er trank sie seit Jahren als Tee.“ Tatsächlich findet sich die gelb blühende Weinraute auch andernorts im Ökowerk: in der Heilpflanzenabteilung. Und doch können ihre Blätter im Sonnenlicht eine Photodermatitis hervorrufen. Ähnlich wie beim Riesenbärenklau entstehen bei Berührung Bläschen, die Haut rötet sich. Giftige Wirkung entfalten auch Alkaloide in Wurzeln und Blättern.

Dass Giftpflanzen zugleich als Heilpflanzen gelten, ist keine Seltenheit, berichtet Ruth Kümmerle: „Fingerhut etwa wurde früher gegen Herzschwäche eingesetzt.“ Entscheidend sei die Dosis. Allerdings beeinflussen Standort- und Wachstumsbedingungen den Gehalt an Wirkstoffen in der Pflanze. Ruth Kümmerle: „Heute werden diese synthetisch produziert, da kann die Dosis kontrolliert werden.“ Beim Giftnotruf der Charité gibt es jährlich etwa 3500 Anfragen, weil Menschen fürchten, Pflanzengiften ausgesetzt gewesen zu sein. Ein Viertel der Fragesteller sind Berliner oder Brandenburger. Dabei gehe es „nicht nur um Fälle, in denen die Pflanzen zu therapeutischen Zwecken verzehrt werden. Im Allgemeinen handelt es sich um versehentlichen Verzehr“, sagt Giftnotruf-Leiterin Daniela Acquarone.

Die meisten hier verbreiteten Gewächse lösen dabei nach Erfahrung der Charité-Spezialisten „bei kleinen Verzehrmengen nur leichte Symptome wie Bauchschmerzen oder Durchfall aus“. Doch auch die anderen Fälle gibt es, so wenn Herbstzeitlose oder Eisenhut schwere Symptome hervorrufen. Manche Heilpflanze ist ebenfalls heikel. „Hier, der Wurmfarn“, sagt Thomas Hötger, „der für Wurmkuren verwendet wurde.“ Das mögliche Risiko einer Behandlung sei nicht zu vernachlässigen: „Falsch angewandt, tötet er mit dem Wurm auch den Wirt.“

„Vom Vorbeilaufen an Giftpflanzen stirbt niemand“

Dass dies nicht jedem Besucher einen Schauer über den Rücken treibt – auch das musste Ruth Kümmerle lernen. Wie es denn um aktive Hilfe beim Suizid bestellt sei, wurde sie einmal gefragt. Doch die erfahrene Pädagogin ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Dann schildere ich die Wirkung von Vergiftungen, dass das alles andere als ein leichter oder schöner Tod ist“, sagt sie ruhig. Die meisten Besucher nehmen vom Giftpflanzenbeet ohnehin andere Erkenntnisse mit. Ob Akelei oder Christrose, Buchsbaum oder Goldregen: Überall in Gärten und Grünanlagen lauert – potenziell – die Gefahr. „Vom Vorbeilaufen“, sagt Hötger beruhigend, „stirbt aber niemand.“ Selbst beim Arbeiten zieht Ruth Kümmerle nur Handschuhe an, wenn sie den Eisenhut von wuchernder Ackerwinde befreit. Reizvoll für Kinder sind Früchte von Kirschlorbeer oder Liguster, Eberesche oder Eibe, weiß Giftnotruf-Chefin Acquarone. Wird nur eine kleine Menge genascht, gebe es aber meist keine Vergiftungssymptome.

Was als giftig gelte, hänge oft genug davon ab, wo man nachschlage, so Hötgers Erfahrung. Manches finde sich in Werken über Wildgemüse genauso wie in Giftpflanzenbüchern. Rhabarber etwa enthält Oxalsäure, roh sollten nur sehr kleine Mengen gegessen werden. Sogar über der Berliner und Brandenburger liebstes Gemüse hat Hötger Erschreckendes gelesen: „Irgendwo stand geschrieben, dass Spargel Ausschlag verursacht, wenn man stundenlang schält.“ Wie Paracelsus sagte: Die Dosis macht, dass etwas kein Gift ist.

Info & Erste Hilfe

Ökowerk: Das Giftpflanzenbeet im Naturschutzzentrum Ökowerk kann, ebenso wie alle anderen Bereiche der Anlage inklusive Heilpflanzenabteilung, besichtigt werden: Im Sommer Mi. bis Fr., 10– 18 Uhr, Sbd. u. So., 12–18 Uhr. Die nächste Führung von Ruth Kümmerle zu Giftpflanzen (für Erwachsene) findet am 5. August von 14 bis 15.30 Uhr statt. Teufelsseechaussee 22, Charlottenburg, Beitrag 4 Euro.

Botanischer Garten: Im Botanischen Garten in Dahlem finden sich im Arzneipflanzengarten Pflanzen mit heilenden und solche mit giftigen Bestandteilen. Diese sind als Giftpflanzen gekennzeichnet. Darunter sind auch solche, die im Ökowerk nicht vorkommen, wie etwa das in Deutschland in der Roten Liste als stark gefährdet geführte Gottesgnadenkraut oder die zu den Nelkengewächsen gehörende Kornrade, regional auch „Pisspöttken“ genannt. Königin-Luise-Straße 6–8, Dahlem, im Sommer tgl. von 9 bis 20 Uhr geöffnet (Kassenschluss 19 Uhr).

Fachinformationen: Leitfaden des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zu giftigen Pflanzen, Wirkung und möglichen Erste-Hilfe-Maßnahmen: Aufgeführt sind darin Zimmer- und Balkonpflanzen ebenso wie Gewächse in Grünanlagen und freier Natur. Der Leitfaden online.

Giftnotruf: Für die Region Berlin und Brandenburg ist das Giftinformationszentrum an der Charité zuständig. 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr können sich Menschen, die befürchten, mit giftigen Stoffen in Berührung gekommen zu sein, dort Rat holen. Das betrifft nicht nur pflanzliche Gefahrenstoffe: (030) 192 40. Auf der Internetseite gibt es zudem eine kurze Zusammenstellung erster Maßnahmen, die bei Vergiftungen ergriffen werden können: giftnotruf.charite.de

Alle Teile der Stadtnatur-Serie