Raus in die Stadtnatur

Zu Gast beim Winzer: So wird in Berlin Wein angebaut

Neukölln ist bekannt als Party- oder Problemkiez. Dass dort Wein angebaut wird, wissen die Wenigsten. Wie schmeckt der Tropfen?

Der Winzer Felix Schäfer an einem seiner Weinstöcke in Britz

Der Winzer Felix Schäfer an einem seiner Weinstöcke in Britz

Berlin. Wo ist denn hier der Berg? Keine Anhöhe in Sicht, als ich in den Koppelweg in Britz fahre, vorbei an der Gartenkolonie „Guter Wille“. Dabei soll doch hier Berlins größte Weinanbaufläche sein. Wie soll das gehen ohne Berg? „Das geht“, sagt Felix Schäfer, als ich kurz darauf dann doch zwischen Rebstöcken stehe. Felix Schäfer ist Winzer, hat eine Ausbildung und ein Studium zum Weinanbau absolviert und weiß: „Wein muss nicht an einem Hang wachsen, er wächst auch in der Ebene.“ Darum eben auch im flachen Britz.

Wein in Berlin? Da schütteln viele ungläubig den Kopf oder schauen verwundert am Koppelweg über den Zaun. Berlin ist Bier, der Wein kommt woandersher. Das stimmt zwar weitgehend, aber eben nicht ganz und war auch nicht immer so. Berlin hat eine mehr als 800 Jahre lange Weinbaugeschichte. Die erste urkundliche Erwähnung zu Weinbau in der Region stammt aus dem Jahr 1173, bis ins Spätmittelalter hatte sich Berlin dann als Zentrum des Weinbaus in Brandenburg entwickelt. In der Stadt soll es damals fast 100 Weinbaugebiete und ebenso viele Weinbauern gegeben haben.

Straßennamen erinnern an die große Zeit des Weinanbaus

Noch heute erinnern Straßennamen wie Weinmeisterstraße oder Weinbergsweg an diese Zeit, und auch im Wappen von Pankow sind Weinblätter verewigt. „Doch in der Renaissance wurde dann der Städtebau immer wichtiger“, erklärt Schäfer. In der Folge sei der Weinbau immer weiter verdrängt worden. Und die wachsende Bevölkerung war natürlich auch hungrig. Den Wettbewerb zwischen Kartoffelacker und Weinstock verlor der Weinstock. Als dann noch 1739 und 1740 ein Kältewinter auf den anderen folgte, machte das den letzten verbliebenen Reben den Garaus.

Neu belebt wurde der Weinbau in Berlin erst vor 50 Jahren. Damals schenkte Kreuzbergs Partnerstadt Wiesbaden dem Bezirk fünf Riesling-Rebstöcke vom Neroberg, dem Hausberg der hessischen Landeshauptstadt. Die wachsen seitdem am Nordhang des Kreuzbergs im Viktoriapark und werden zum Weißwein Kreuz-Neroberger verarbeitet. Andere Bezirke sind dem Beispiel gefolgt: In den 70er-Jahren wurde auf dem Teufelsberg vorübergehend das „Teufelströpfchen“ angebaut. Das wächst zwar heute nicht mehr, dafür aber zum Beispiel der Riesling in Prenzlauer Berg oder die Rheingauperle am Stadion Wilmersdorf. Bei der allerdings ist die Ernte in den vergangenen Jahren zum Teil so gering ausgefallen, dass sich die Kelterei nicht gelohnt hat, statt Wein gab es dann nur Gelee.

Jedes Jahr kommen 1000 Flaschen Wein aus Britz

Aus Britz kommt Wein seit 2002. Den Anfang machte ein Hobbywinzer, der die Anbaufläche zwischen Gartenkolonie und Reihenhäusern noch bis Anfang dieses Jahres bewirtschaftet hat. Mit 1500 Pflanzen auf 5000 Quadratmetern ist die „Britzer Weinkultur“ heute die größte Weinanbaufläche in Berlin. Die Agrarbörse Ost in Berlin hat sie vom Bezirksamt Neukölln gepachtet. Die Trauben landen in etwa 1000 Flaschen Wein pro Jahr, Weiß- und Rotweinanteil sind etwa gleich. Manche werden als Souvenir aus dem Bezirk verschenkt, so ist es auch in anderen Weinbezirken üblich. Der Britzer Wein wird aber auch regulär verkauft und findet immer Abnehmer, auch wenn er durchaus geschmacklich gewöhnungsbedürftig ist. Strohgelb die Farbe, im Geruch frisch, entfaltet er auf der Zunge einen etwas säuerlichen Geschmack. Zumindest aber trocken, stelle ich erfreut fest. Und tatsächlich leert sich das Glas auch während der Weinbaulektion mit Felix Schäfer. Ja, man kann sich an den Geschmack gewöhnen.

Der 29-jährige Felix Schäfer, der erst vor knapp vier Monaten in Britz als Winzer anfing, will am Geschmack aber noch arbeiten. Immerhin ist mit ihm ja jetzt auch ein Profi am Werk, da stellt er an sich schon hohe Ansprüche. Geschmacklich kann er das erst im kommenden Jahr beweisen, wenn sein erster Berliner Wein probiert werden kann, aber sein Weingarten sieht jedenfalls schon mal picobello aus. Die Rebstöcke stehen ordentlich in Reih und Glied, „in klassischer Spaliererziehung“, wie es Schäfer in Weindeutsch nennt. Geiztriebe, also Triebe ohne Trauben, die nur Wasser ziehen, aber keine Trauben tragen, zupft er sofort ab, wenn er sie entdeckt, und aus dem Boden ragen neben Rebstöcken höchstens ein paar Blümchen heraus. „Die Ernte wird gut“, versichert er, aber früher als sonst werde sie sein. Dafür sorgt die anhaltende Sonne, die die Trauben früh reifen lässt.

"Rebstöcke sind wie Menschen"

Ein bisschen Regen wäre schon gut, aber so wichtig sei das für den Wein nicht, zumal die Rebstöcke ja schon 15 Jahre alt sind und damit tief in der Erde wurzeln. In jedem Fall sei wenig Regen besser als viel Regen. Und dann wird er philosophisch: „Die Rebstöcke sind wie Menschen, ein bisschen Stress schadet ihnen nicht, dann entwickeln sie mehr Kraft.“ Darauf erst mal einen Schluck Wein, bevor es weiter zum Biounterricht geht: Wichtig sei, dass die Pflanzen genug Platz haben, damit die Blätter möglichst viel Sonne abbekommen. „Das ist insbesondere in nördlicheren Regionen wichtig für die Fotosynthese“, erklärt er. Was war das noch gleich? Bei der Fotosynthese werde durch Lichtenergie Kohlenstoffdioxid aufgenommen und in Zucker umgewandelt, der wiederum sei wichtig für die Gärung der Trauben, erklärt der Winzer geduldig.

Die meiste Zeit im Jahr entwickeln sich die Trauben von allein. Große Termine seien der Rebschnitt zum Ende des Winters und natürlich die Ernte im Herbst. Zu beiden Anlässen werden auch Interessierte als Helfer eingeladen. Auch bei der Kellerwirtschaft dürfen Weinliebhaber immer mal zuschauen, schließlich soll die Fläche am Koppelweg ja auch ein Ort für Umweltbildung sein. Dazu passt auch, dass demnächst hier ein grünes Klassenzimmer entstehen soll für die Grundschule, die nebenan gebaut wird. Und für mich gehören zur Bildung auch die Weinsorten, von denen ich vorher noch nie gehört habe: Ortega, Rotling und Acolon. Es sind robuste und vor allem pilzresistente Sorten, sogenannte Piwis, erklärt Schäfer, aber noch recht junge Züchtungen. „Darum sind sie noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

Der Wein aus Britz: Ich bin ein Berliner

Der Wein aus Britz ist der einzige in Berlin, der zu 100 Prozent Berliner ist. Während die Trauben aus den anderen Bezirken zum Keltern in eines der 13 großen Weinbaugebiete in Deutschland geschickt werden, findet beim Britzer Wein der ganze Prozess von der Lese bis zum Abfüllen vor Ort statt. „Berliner Wein darf er sich noch nicht nennen“, sagt Günter Röder, der Geschäftsführer der Agrarbörse Ost. „Wir stehen erst am Anfang“, so Röder, und der begann am 1. Januar 2016. Zu diesem Zeitpunkt trat die „Änderungsverordnung zur Weinrechtsdurchführungsverordnung“ in Kraft. Ab da durfte Wein in Berlin ganz offiziell angebaut werden, vorher war das nur für den Privatgebrauch erlaubt und Weinanbau höchstens geduldet. Berliner Wein gab es also nur geschenkt oder gegen eine „Spende“. Möglich machte die Änderung eine neue EU-Verordnung, nach der Weinanbau nun auch außerhalb der Qualitätsweingebiete erlaubt wurde.

Am Qualitätswein arbeitet Schäfer noch. Bio ist er schon jetzt. Die Zufuhr von Kupfer und Schwefel, die vor allem Mehltau von den Trauben fernhalten soll, ist gering, liegt weit unter der gesetzlich erlaubten Menge, und auch sonstige Hilfsmittel sind nicht drin, versichert der Winzer. Ein Naturwein also. Und der ist schwer im Kommen. In Kreuzkölln jedenfalls öffnet eine Naturweinbar nach der anderen. Für Schäfer ist die Herstellung von Naturwein aber vor allem Handwerk, denn während beim konventionellen Weinbau das Risiko gering ist, kann der Wein ohne Zufuhr von Hilfsmitteln auch mal ungenießbar werden, „wenn man nicht weiß, wie es geht“, räumt Schäfer ein. Aber er ist ja vom Fach, daher wird wohl nichts schiefgehen, wenn er im Herbst aus den Trauben seinen ersten Berliner Wein herstellt.

Im September steht die Wahl der Weinkönigin an

Interessiert hat sich Schäfer schon immer für Wein, aber ursprünglich wollte er Dokumentarfilmer werden, hat auch erst Kulturwissenschaften studiert. Wein hat für ihn allerdings auch viel mit Kultur zu tun, vielleicht war darum der Sprung vom Film zum Wein gar nicht so groß. Seine Ausbildung hat er vor sieben Jahren in der Pfalz begonnen, nun ist er nach vielen Stationen auf verschiedenen Weingütern in Deutschland in Berlin gelandet. Für einen Winzer ein ungewöhnlicher Ort, aber auf dem Britzer Weingut ist er auch nicht immer, die Agrarbörse hat ihn für zwei Tage in der Woche angestellt. Daneben stellt er auch noch an der Mosel Wein her und pendelt nun zwischen Großstadt und Provinz.

Bis September wird er an der Mosel sein, dann folgt die Lese in Berlin. Ein Highlight in Britz, zumal dann auch die jährliche Wahl der Weinkönigin stattfindet. „Bewerben kann sich dafür jeder, der einen Bezug zu Wein und zu Britz hat, zum Beispiel dort aufgewachsen ist oder dort arbeitet“, erklärt Günter Roder von der Agrarbörse. Er hofft, dass sich in diesem Jahr viele bewerben, denn so richtig groß war der Andrang bisher nicht. Vielleicht deshalb gab es auch schon mal einen Weinkönig. Größer wird der Andrang sicher sein, wenn dann der erste Berliner Wein von Felix Schäfer fertig ist. Erfahrungsgemäß findet der Wein aus Britz immer reichlich Abnehmer. Mal sehen, ob dann noch eine Flasche für mich übrig bleibt.

Alle Teile der Stadtnatur-Serie

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.