Stadtnatur-Serie

Wie man auch als Anfänger Forellen angeln kann

David Schmandra zeigt, wie die gefangenen Forellen fachgerecht ausgenommen werden

David Schmandra zeigt, wie die gefangenen Forellen fachgerecht ausgenommen werden

Foto: Abikka Bauer/BM

Die Brüder Mandrek betreiben die "Forellenanlage Klein Wall". Auch Großstädter ohne Angelerfahrung können hier einen Fang machen.

Berlin. Auf der Autobahn 10 geht es hinaus aus der Stadt. Richtung Müggelsee, Richtung Brandenburg, Richtung Natur. Obwohl ich noch nicht lange in Berlin wohne und obwohl ich selbst aus einer Großstadt komme, wird mir der Berliner Trubel manchmal schon fast zu viel: das Geheule der Feuerwehrautos, das Geschrei meiner Nachbarn in Neukölln, der Gestank des Hundekots auf den Gehwegen. Ich sehne mich nach Grün, nach Kieferduft, nach frischer Luft. Also rein ins Auto und raus aus der Stadt. Hinter Erkner geht es weiter auf der Landstraße 231. Hier ticken die Uhren noch anders. Oder besser gesagt: Sie sind stehen geblieben. Links und rechts der Straße stehen verlassene und zusammengefallene Gutshäuser. Menschen sieht man kaum noch auf den schlaglochgespickten Straßen.

Immer tiefer führt mich die Landstraße in den sattgrünen Wald hinein. Aber Moment mal: Wald? Ich wollte doch angeln gehen. Sogar ich als Stadtmensch weiß: Dafür braucht es Wasser. Bin ich noch auf dem richtigen Weg, frage ich mich. Aber hier draußen kann ich meine Navigations-App nicht mehr aufrufen – Funkloch, kein Empfang. Doch dann entdecke ich es, das Schild „Forellenanlage Klein Wall“. Dort nach Grünheide (Mark) will ich hin. Und ich fühle gleich einen kleinen Teilerfolg: Auch ohne Internet habe ich es bis hierher geschafft. Jäger und Sammler: eins. Moderner Mensch: null.

In der Forellenanlage braucht man keinen Angelschein

Thomas Mandrek, der gemeinsam mit seinem Bruder Mark die Fischfanganlage im Wald betreibt, empfängt mich auf dem Parkplatz. Er hat kleine rote Augen und von Kohle schwarz gefärbte Hände so groß wie Bratpfannen. Die Luft ist verhangen mit beißendem weißem Rauch, der in den Augen brennt. Und der nach geräuchertem Fisch duftet. Fünf Öfen stehen auf dem Hinterhof, prall gefüllt mit Aal, Forelle, Lachs, Karpfen und Co. Alles, was hier aus den Teichen rausgefischt wird, kommt auch auf den Teller.

Geangelt werden die Fische aus vier großen künstlich angelegten Teichen, die gespickt sind mit Karpfen, Regenbogenforellen, Hechten, Welsen, Stören oder Aalen. Die Teiche werden mit Flusswasser der Löcknitz gespeist, die an dem Gelände vorbei fließt. 5 Euro kostet die Startgebühr, je Kilo Karpfen zahlt man 5,50 Euro. Die teuersten Fische sind Störe, Goldforellen und Saiblinge für je 9,70 Euro das Kilogramm. Klar, der Schwierigkeitsgrad beim Angeln ist hier natürlich nicht so hoch wie beim Sportfischen an freien Gewässern. Aber dafür brauche ich hier auch keinen Angelschein. Trotzdem sagt Thomas: „Wer zu uns kommt, sollte eigentlich schon mal geangelt haben.“ Denn auf dem Forellengut wird Tierschutz groß geschrieben. „Wer nicht weiß, was er mit einem Fisch machen soll, wenn er ihn geangelt hat, der hat hier nichts verloren“, sagt er.

Klingt barsch, aber wenn Fische aus dem Wasser raus sind, muss man ihnen schnell und beherzt mit etwas Festem auf den Kopf schlagen und sie töten – sonst ersticken sie kläglich an Land. Okay, denke ich mir. Ich habe zwar noch nie geangelt, geschweige denn einen Fisch erschlagen. Aber vielleicht fange ich ja auch gar nichts und werde nicht zum Fischmörder.

Zuerst geht es dann auch einer Made an den Kragen. Sie dient als Köder. Und weil die Regenbogenforellen, auf die ich es abgesehen habe, Raubfische sind, interessieren sie sich besonders für Lebendköder. Ich zögere kurz, und piekse dann doch die Made, die sich zwischen meinen Fingern windet, auf den Angelhaken. Zähe, milchig-gelbe Flüssigkeit quillt aus ihr heraus. Mein Puls geht kurz hoch, und ich bin um eine Erkenntnis reicher: Ich kann Mitleid mit einer Made haben.

Damit sich ihr Tod wenigstens gelohnt hat, werfe ich jetzt schnell die Angel aus. Denn die aufgespießte Made zappelt tatsächlich noch – so wie es die Forellen mögen. Ich versuche auf einen Fischschwarm, der nah an der Teichoberfläche schwimmt, zu zielen. Das war noch ein Tipp von Thomas – denn dort beißen logischerweise am ehesten die Forellen.

Trotzdem muss ich mich nun erst mal gedulden. Ich fixiere die Angelschnur mit meinem Zeigefinger am Griff, öffne den Bügel an der Angel, werfe die Angelschnur im weiten Bogen aus, schließe den Bügel wieder und kurbel die Schnur langsam wieder ein. Ich mache das zehn, 20, 30 Mal hintereinander. Nichts passiert. Am Anfang werfe ich meine Angel nicht mal in die Nähe des Forellenschwarms – den zu treffen ist gar nicht so leicht. Ich dachte eigentlich, dass Angeln entspannen soll. Bei mir wächst mit jedem Wurf hingegen die Ungeduld. Ich möchte unbedingt einen Fisch fangen, mein Jagdtrieb ist geweckt. Am Teich hinter mir zieht ein Junge, der nicht älter als zehn Jahre ist, schon seinen dritten Fisch aus dem Wasser. Das sollte ich doch auch hinbekommen, mache ich mir selbst Mut.

Angel also wieder ausgeworfen – und zack. Tatsächlich. Eine Forelle hat angebissen. Sie zerrt und zieht und kämpft auf der einen Seite der Schnur. Ich tue es ihr auf der anderen Seite gleich. Der Kampf dauert ungefähr zwei Minuten. Und ich verliere ihn. Die Forelle konnte sich irgendwie losreißen, sie ist mir vom Haken gegangen.

Das Spiel beginnt von vorne, in unendlichen Bewegungen: Angel auswerfen und wieder einkurbeln. Allmählich legt sich meine Ungeduld, und ich kann mich entspannen. Tief atme ich die frische Luft ein, genieße den leichten Wind, betrachte die Wasseroberfläche und lausche in die Stille hinein.

Pflatsch, pflatsch, pflatsch. Die Teichoberfläche kräuselt und meine Angel biegt sich. Wieder hat ein Fisch angebissen. Diesmal weiß ich, welche Fehler ich nicht machen darf: Die Forelle muss müde gekämpft werden, hat mir Thomas gesagt. Ich soll sie nicht gleich rausziehen, sondern sie noch etwas schwimmen lassen, bis sie k. o. geht.

Diesmal dauert der Kampf also etwas länger. Mit der Zeit wird die Gegenwehr am anderen Ende der Angeschnur weniger, das spüre ich. Nach etwa fünf Minuten kann ich meine Angel nur noch mit einer Hand festhalten, in der anderen halte ich den Kescher, einen langen Stiel mit Netz vorne dran, mit dem ich die Forelle rausfische.

Ich fühle mich wie ein Steinzeitmensch

Nun liegt der Fisch zappelnd vor mir auf der Wiese neben dem Teich und hat das Maul leicht geöffnet. Es ist soweit. Ich nehme das Hartplastikrohr, das mir Thomas zu Beginn mit der Angel und dem Kescher geliehen hat, und hole aus. Ich muss zögern. Noch nie habe ich ein Lebewesen, das größer als eine Spinne ist, getötet, schießt es mir durch den Kopf. Unter mir zappelt meine Beute. Und ich schlage feste zu, einmal, zweimal. Das Zappeln hört augenblicklich auf. Ich nehme den toten Fisch in meine Hände und betrachte ihn. Ich fühle mich wie ein Steinzeitmensch, der sein Essen selbst erlegt. Thomas und die anderen Angler beglückwünschen mich zu meinem Fang.

David Schmandra, der auch auf der Forellenfarm arbeitet, nimmt für mich den Fisch aus. Mit einem Taschenmesser schneidet er der Forelle den Bauch auf und entnimmt die Innereien. „Man muss eigentlich nur aufpassen, dass man nicht zu tief schneidet und die Galle trifft. Sonst wird’s bitter“, erklärt er und packt mir meinen Fang in eine Plastiktüte.

Zu Hause bereite ich die Forelle mit frischen Kräutern, Knoblauch und Zitrone im Ofen zu. Sie ist zart, herrlich frisch und hat nur einen ganz leichten Fischgeschmack. Noch nie habe ich mir mein Essen selbst gefangen – und noch nie hat es mir so gut geschmeckt.

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