Stadtnatur-Serie

So kann man sich aus Berliner Parks ernähren

Essbare Pflanzen wachsen überall in Berlin. Sie zu erkennen, kann man bei Manuel Larbig lernen. Doch es lauern auch Gefahren.

Stadtnatur - Mit dem Kräutersammler durch Berlin

Warum Kräuter kaufen, wenn man sie auch selber sammeln kann. Ein Sammler zeigt, was man so auf Berlins Wiesen und am Wegesrand findet.

Stadtnatur - Mit dem Kräutersammler durch Berlin

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Berlin. Auf der Puschkinallee hinter mir rauschen die Autos vorbei. Vor mir liegen ein paar Menschen leicht bekleidet in der Mittagssonne. Skeptisch stehe ich im Treptower Park in Alt-Treptow. Kräuter sammeln? Hier? Die Wiese ist gelb, wirkt trocken und alles in allem wenig nahrhaft. Ich will nicht so recht glauben, dass wir hier etwas Wohlschmeckendes, geschweige denn Essbares finden.

Plötzlich steuert Manuel Larbig zielstrebig einen Baumhain an. „Da haben wir schon etwas“, ruft er und kommt mit einer etwa 20 Zentimeter großen Pflanze zurück. „Fuchsschwanz ... kann man zubereiten wie Spinat.“ Und ja, meint er, Wildkräuter gebe es überall in Berlin, sogar am Alexanderplatz in Mitte. „Die Natur findet immer ihren Weg.“ Nur mit großen Mengen dürfe man dort vielleicht nicht rechnen.

Begeistert vom "Survival-Papst"

Manuel Larbig kommt aus Darmstadt, zog nach dem Biologiestudium nach Berlin und lebt mittlerweile in Eberswalde, nordöstlich von Berlin. Schon früh war er von den Büchern des „Survival-Papstes“ Rüdiger Nehberg begeistert, heute ist er selbst Survivaltrainer und Wildkräuterexperte. Mit seiner Firma „Waldsamkeit“ bietet der 31-Jährige Überlebenskurse an.

Neben Feuermachen oder dem richtigen Verhalten in Gefahrensituationen vermittelt er auch Kenntnisse, pflanzliche Notnahrung zu finden, ihren Nährstoffgehalt zu kennen und insbesondere giftige von genießbaren Pflanzen zu unterscheiden. Mit seinem zweiten Projekt „Wildkräuterevents Berlin“ widmet er sich eher der kulinarischen Seite.

Schnell finden wir auf unserem Streifzug durch den Treptower Park weitere essbare Pflanzen. Während ich noch zurückschrecke, greift Manuel Larbig entschlossen in einen Brennnesselbusch. „Du musst sie mit den Nägeln von Daumen und Mittelfinger abknipsen, dann brennt es nicht so.“ Wahlweise helfen auch Handschuhe. Und wer über eine gewisse Schmerz­resistenz verfügt, kann Brennnesseln auch roh essen. Neben den nährstoffhaltigen Blättern sind die Samen in Notsituationen ein guter Proteinlieferant. Testen wollte ich das zugegebenermaßen aber nicht.

Wer um die Brennnessel einen Bogen macht, tut ihr unrecht

Wer um die Brennnessel einen Bogen macht, tut ihr unrecht. Unter den Wildkräutern sei sie ganz klar einer seiner Favoriten, sagt der Experte. „Wir machen daraus meistens eine Quiche.“ Den Anwendungsmöglichkeiten seien aber keine Grenzen gesetzt. Verwenden sollte man bei größeren Pflanzen nur das obere Drittel, da sie nach unten verholzen, empfiehlt Manuel Larbig.

Nach und nach wächst unser Strauß immer weiter. Wir finden Taubnesseln – der Brennnessel optisch ähnlich, aber, wie der Name schon sagt, ohne ihre unangenehme Wirkung. Wir stoßen auf Spitzwegerich, Nachtkerzen, Sauerampfer, eine dem Rucola verwandte und geschmacklich ähnliche Pflanze namens „Schmalblättrige Doppelsame“ und selbstverständlich auf eine ganze Menge Löwenzahn. Einzig der erhoffte Bärlauch bleibt aus. Seine Saison war schon im Mai vorbei.

Währenddessen erklärt mir der Fachmann, worauf es beim Sammeln zu achten gilt. „Man sollte auf jeden Fall stark befahrene Straßen meiden.“ Denn laut einer Studie der Technischen Universität Berlin nehmen Pflanzen dort vermehrt Schwermetalle auf und überschreiten in Teilen sogar EU-Grenzwerte. Aber im grünen Berlin gibt es ja genug andere Möglichkeiten. „Ich persönlich suche immer etwas außerhalb, oft in Blankenfelde“, so Manuel Larbig.

Nicht am Wegesrand sammeln wegen der Hunde

„Ich würde außerdem nicht direkt am Wegesrand sammeln, nicht zuletzt wegen der Hunde“, so Larbig weiter. Ansonsten gelte dasselbe, was auch bei Gemüse aus dem Supermarkt gilt: gut waschen, bestenfalls zweimal, und notfalls in etwas Essigwasser einlegen. In Ermangelung einer Wasserquelle muss ich heute allerdings meine hygienischen Bedenken über Bord werfen und beiße, wenn auch zunächst etwas zögerlich, in ein Sauerampferblatt.

Der Geschmack erinnert mich sofort an Zitrone, nur deutlich milder. Die gelbe Blüte der Nachtkerze schmeckt hingegen süßlich und etwas nach Honig. Und beim leicht bitteren Geschmack der Löwenzahnblätter fällt mir sofort wieder der „Pusteblumensalat“ aus dem Kindergarten ein.

Nach einer Weile bleibt Manuel Larbig erneut stehen und pflückt eine weitere Pflanze. Diesmal keine genießbare, sondern giftiges Schöllkraut. Er zerdrückt den Stängel. Gelb-milchiger Saft quillt heraus. „Es gibt da eine Faustregel: Von Pflanzen mit milchigem Saft solltest du eher die Finger lassen.“ Ausnahme bildet selbstverständlich der Löwenzahn. Und der Umkehrschluss, dass alle Pflanzen ohne Saft ungiftig sind, gilt leider nicht. „In Deutschland wachsen an die 10.000 verschiedenen Pflanzen. Ein pauschales Unterscheidungsmerkmal zwischen genießbaren und giftigen gibt es nicht“, muss mich der Experte enttäuschen.

Viele Wildkräuter haben giftige Doppelgänger

Und die Gefahr, versehentlich nach etwas Falschem zu greifen, ist groß. Denn viele Wildkräuter haben giftige Doppelgänger. Beispiele gibt es genug. So können leicht Maiglöckchen im Bärlauchpesto landen – im Zweifel mit tödlichen Folgen. Der Unterschied steckt häufig im Detail. In diesem Fall ist es unter anderem der charakteristische Knoblauchgeruch, der den Maiglöckchenblättern fehlt. Und wer im Glauben, Petersilie zu verwenden, versehentlich an den Gefleckten Schierling gerät, wird ohne ärztliche Hilfe nach wenigen Stunden qualvoll bei vollem Bewusstsein ersticken.

„Man kommt einfach nicht drum herum, sich mit den Pflanzen zu beschäftigen“, sagt Larbig. Grundsätzlich gelte: Nur pflücken, was man kennt und zu 100 Prozent identifiziert hat. Nötiges Wissen erlange man durch die Teilnahme an Wildkräuterkursen oder mit entsprechenden Büchern. Nicht jedes Wildkraut darf aber auch gepflückt werden. Einige sind vom Aussterben bedroht und stehen daher unter Naturschutz. Das gelte etwa für alle Orchideenarten, so Manuel Larbig.

Vereinzelt würden einige von ihnen insbesondere in älteren Büchern trotzdem empfohlen. „Außerdem darf man nicht in Naturschutzgebieten pflücken – im Prinzip nicht mal Löwenzahn.“ Wer dabei ertappt wird, riskiert ein Bußgeld. Was ansonsten die Menge betrifft, sollte man auf seinen gesunden Menschenverstand hören. „Es gibt da noch eine Faustregel, dass man nur so viel mitnehmen darf, wie zwischen Daumen und Mittelfinger passt – die Handstraußregelung.“

Der Wildkräuterjäger hat trotz der Gefahren Spaß

Am Ende unseres Rundgangs kommen wir auf einen Punkt zu sprechen, der einige vielleicht vom Kräutersammeln abhalten könnte. Die Warnungen der Eltern, keine Beeren in Bodennähe zu pflücken, kennen wohl viele noch aus ihrer Kindheit. Denn über den Kot von Füchsen können die Eier des Fuchsbandwurms an die Pflanzen und bei Verzehr auch in den menschlichen Körper gelangen.

Die Infektion macht sich erst nach etwa zehn Jahren bemerkbar. Die Folgen können verheerend sein, wenn sich der Parasit in der Leber und schließlich im Gehirn ausbreitet. „Die Wahrscheinlichkeit, sich beim Kräuterpflücken zu infizieren, ist aber sehr, sehr gering“, beruhigt Manuel Larbig. Dass das Risiko zumindest in Berlin und Brandenburg gegen null geht, bestätigen auch Zahlen des Robert-Koch-Instituts.

Wildkräuter werden immer populärer. In der Spitzengastronomie sind sie inzwischen fester Bestandteil. Gemischt und fertig abgepackt haben sie auch einige Berliner Supermärkte und Lebensmittelhändler in ihr Sortiment aufgenommen – oft zu relativ hohen Preisen. Nicht nur deshalb sammeln immer mehr Berliner selbst. „Es ist bio, regional und kostenlos“, bringt es Larbig auf den Punkt. Außerdem mache es eine Menge Spaß.

Der Jäger erklärt: wozu die Wildkräuter gut sind

Brennnessel Das oft unliebsame Wildgewächs enthält viel Eisen, Calcium und Vitamin C. Brennnesseltee wird sogar eine belebende Wirkung nachgesagt. Ansonsten eignet sich die Pflanze mit dem zartwürzigen Geschmack als Suppeneinlage, Füllung für Nudeln wie Tortellini, zubereitet wie Spinat oder in einer Quiche. Brennnesseln wachsen praktisch überall und die Verwechslungsgefahr ist gering. Was nicht brennt, ist keine Brennnessel.

Löwenzahn Nur Kaninchenfutter? Von wegen! Löwenzahn ist in der Küche vielseitig einsetzbar. Verwenden kann man fast die gesamte Pflanze. Die leicht bitter und nussig schmeckenden Blätter passen gut zu Salaten, in Soßen oder Suppen. Gedünstet werden sie zu einer Art Spinat. Die süßlichen Blüten können entweder als Dekoration verwendet oder zu Gelee und Sirup verarbeitet werden. Die Wurzeln können wie Radieschen auf Brot gegessen werden. Den weißen Pflanzensaft sollte man abwaschen.

Spitzwegerich Die heilende Wirkung des Spitzwegerichs ist seit Jahrhunderten bekannt. Als Tee oder Sirup wirkt er gleichsam husten- und schleimlösend wie entzündungshemmend. Die Blätter sind eher salzig und bitter. Die Blütenstände schmecken aber wie Champignons und passen in etwas Butter gebraten hervorragend etwa zu Nudeln oder Reis.

Nachtkerze Essbar ist prinzipiell die ganze Pflanze. Aber vor allem die Wurzel gilt es Delikatesse. Ob gekocht oder in Scheiben geschnitten und gebraten erinnert sie geschmacklich stark an die Schwarzwurzel und ist außerdem wegen des hohen Nährstoffgehalts ziemlich gesund. Da sich die Wurzel beim Erhitzen rötlich färbt, wurde die Nachtkerze früher auch „Schinkenwurzel“ genannt. Die angenehm duftenden Blüten schmecken leicht süßlich und können etwa zum Garnieren von Salaten oder Süßspeisen verwendet werden.

Sauerampfer Das Wiesenkraut gibt jedem Salat eine säuerliche Note. Auch als Suppe nur mit Pfeffer und Salz, als Tee oder als Beigabe zum herkömmlichen Spinat schmeckt Sauerampfer sehr gut. Wer einen schwachen Magen hat, sollte aber lieber jüngere Blätter pflücken. Die sind im Geschmack zwar weniger intensiv. Allerdings ist auch der Oxalsäure-Anteil geringer.

Mehr Informationen finden Sie unter wildkäuterevents-berlin.de oder unter umweltkalender-berlin.de.

Sie haben weitere Fragen zum Thema Wildkräuter sammeln in der Stadt? Dann schicken Sie uns Ihre Fragen an stadtnatur@morgenpost.de und wir lassen sie von unserem Experten beantworten.

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