Stadtnatur-Serie

Die Hühnermutter von Dahlem

Foto: Maurizio Gambarini / BM

Hühner in der Stadt zu halten, ist ein neuer Trend in Berlin. In der Domäne Dahlem lernt man auch, was gute Hähne können müssen.

Berlin. Am Ende ist es alles ganz einfach. Ich greife dem Huhn vorsichtig von vorn unter den Bauch und hebe es hoch. Es ist erstaunlich leicht, keine zwei Kilo, aber das meiste an einem Huhn sind eben Federn. Die Henne flattert ein bisschen, aber wenn sie an Menschen gewöhnt sind, sagt Astrid Masson, „dann lassen Hennen sich sogar ganz gern hochheben. Man kann sie dann sogar am Hals kraulen“, sie macht es vor, „und wenn ihr das gefällt, spreizt sie genüsslich die Halsfedern.“ – „Gack“, sagt das Huhn leise, „gurr.“

In die Hand schmiegt sich ein kopfkissenwarmer Tierbauch. Es erinnert ein bisschen an eine Katze, auch Hühner haben eine etwas höhere Körpertemperatur als Menschen. Nur die Form der Hühnerrippen ist seltsam vertraut ... vom Grillhähnchen natürlich, woran man jetzt besser nicht denkt, denn zwischen den Rippchen spürt man das Tier atmen und ein Hühnerherz aufgeregt pulsieren.

Für einen Moment kann ich mir zwei Dinge vorstellen, die ich eben noch für einen Scherz hielt: Erstens: kein Huhn mehr zu essen. Zweitens: ein Huhn als Haustier zu halten. Oder besser gleich zwei oder drei. In Berlin.

Auf der Domäne Dahlem gibt es Landwirtschaft wie früher mitten in der Stadt

Mit dieser Idee sei ich nicht allein, sagt Astrid Masson. Die Diplom-Landwirtin arbeitet seit 20 Jahren in der Domäne Dahlem, wo neben alten Rinder- und Schweinerassen auch Geflügel gezüchtet wird. Die Domäne ist Berlins Vorzeige-Bauernhof – ein weites Stück Land mitten in der Stadt mit Feldern, Ställen, Streuobstwiesen und Gemüseanbau.

Hier wird Landwirtschaft so betrieben wie einst. Die schwarz-weiß gemusterte Henne auf meine Arm ist ein „Deutscher Sperber“, eine Rasse, die in der heutigen Landwirtschaft nur noch selten vorkommt, weil sie weniger Eier und Fleisch liefert als moderne Hybrid-Hühner.

Das Interesse der Berliner an der Hühnerhaltung steigt

Im Hofladen kann man die Eier von rund 100 Legehennen kaufen, die, wie „mein“ Huhn, tagsüber artgerecht in einem großen Auslauf herumpicken und flattern. Nachts „wohnen“ sie in einem zum Stall umgebauten Bauwagen oder im Stall. Wer mag, kann die Hühner in der Domäne besuchen, selbst füttern – es gibt einen Futterautomaten mit Weizen. Weil immer mehr Besucher nachfragen, wie man selbst Hühner hält, bietet Astrid Masson nun im August erstmals einen Workshop zur Hühnerhaltung an. „Im Prinzip ist das auch in der Stadt möglich.“

Auch wenn das Huhn zu den meistverbreiteten Nutztieren weltweit zählt – in der Stadt sind Hühner, oder vielmehr die Hähne, wenig beliebt. In Leipzig verurteilte ein Gericht 2014 einen Hahn zur Einhaltung von Nacht- und Mittagsruhe. In Brandenburg ging es 2016 in einem Prozess darum, wie „ortsüblich“ das Gackern und Krähen ist, Urteil: Die Mittagsruhe ist einzuhalten.

Fast keine Hühner in Berlin

Auch in Berlin müssen Hähne von 19 bis 8 Uhr im Stall bleiben. Dabei gibt es in Berlin kaum welche. Zwar werden in Brandenburg rund 8,6 Millionen Hühner gehalten – in Berlin wurden 2016 gerade mal 350 Legehennen gezählt. Jenseits von Kinderbauernhöfen sucht man Hühner meist vergeblich; berühmt sind allenfalls die Rudower Hähne, die sich seit inzwischen 30 Jahren jeden Mai in einer Neuköllner Kleingartenkolonie zum Wettkrähen treffen. Präsentiert werden sie von Hobbyzüchtern, denen es eher um Schönheit geht als um Eier.

Andererseits gibt es wohl kaum ein Tier, das so symbolisch für die Sehnsucht der Städter nach dem Land steht. Seit die Römer einst das Bankivahuhn zum Eier- und Fleischlieferanten des mitteleuropäischen Menschen machten, säumen Hühner gewissermaßen unser Bild von der einfachen Welt.

Einerseits gelten sie als ein bisschen dumm, andererseits haben wir durch sie gelernt, was Begriffe wie „Hackordnung“ bedeuten – und wie lustig Hühnerwitze sein können. Doch spätestens, seit in Hollywood Stars Hühner an der Leine spazieren führen und Leute wie Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann Hühner als lustvollen Stilbruch im eigenen Garten und auf Facebook halten, ist klar: Das Huhn wird wichtiger.

Vor dem Hühnerkauf mit dem Nachbarn abstimmen

Astrid Masson sagt: Das Interesse der Berliner an der Hühnerhaltung steige mit dem zunehmenden Bewusstsein dafür, wie und wo unser Essen eigentlich produziert wird. „Immer mehr Menschen wollen mehr darüber wissen und viele auch gern selbst etwas anbauen.“ Wer nicht vegan leben wolle, für den sei die Hühnerhaltung eben naheliegend. Ist nach Urban Gardening und Mietgärten das Hauptstadt-Huhn der nächste Trend?

„Bevor man Hühner anschafft, sollte man sich auf jeden Fall mit den Nachbarn abstimmen“, rät Astrid Masson. Sei das geklärt, sei das Leben mit dem Huhn nicht schwer zu erlernen. Ein Tag Workshop reicht Astrid Masson aus, um die wichtigsten Fragen zu klären. Was man bedenken muss: Hühner brauchen tägliche Betreuung. Sie brauchen Futter, einen sauberen Stall, wer keine Küken will, sollte die Eier entnehmen. Und abends den Stall schließen, damit der Fuchs die Hühner nicht holt.

Theoretisch könnte man Hühner auf dem Balkon halten

Hühner, lerne ich zwischen den gackernden „Sperbern“ der Domäne, sind ein bisschen wie wir: Sie haben gern etwas Sinnvolles zu tun. Sie scharren Löcher, suchen Futter lieber selbst, als sich einfach am Trog vollzufressen. Suchen, scharren, hacken, picken ist angeboren. Ein Huhn pickt am Tag bis zu 15.000-mal. Theoretisch könne man Hühner sogar auf einem großen Balkon halten, sagt Astrid Masson.

Dann müsse man aber für Abwechslung sorgen und auch für ein Sandbad. Sandbaden ist Wellness fürs Gefieder und vertreibt Parasiten. Besser geeignet ist ein Garten. Nicht nur, weil dort Platz für Stall und eventuell eine Voliere ist – mindesten vier Quadratmeter pro Huhn ist Bioland-Standard. Vor allem aber brauchen Hühner Gesellschaft. „Sie sind Herdentiere“, sagt die Landwirtin, weswegen ein „Einzelhuhn“ keine gute Idee ist. „Natürlich sind sieben bis zwölf Hennen und ein Hahn.“

Expertin: „Ein guter Hahn schlichtet Streit unter Hennen“

Auch „meine“ Henne unterhält sich inzwischen wieder mit ihren Artgenossinnen. Beziehungsweise: Es gibt gerade Streit. Zwei Hennen kreischen sich unter dem Hühnerwagen an. Astrid Masson deutet auf den Hahn, der mit hocherhobenem Kopf herbeieilt. Ein Hahn sei für die Hühnerhaltung zwar nicht zwingend erforderlich, sagt sie. „Hühner legen auch ohne Hahn Eier.“

Doch ein guter Hahn schlichtet Streit unter Hennen, er verteidigt seine Herde, warnt vor Feinden von oben – Greifvögeln – und am Boden, wenn Fuchs oder Marder sich anschleichen. „Der Hahn hat dafür jeweils einen Warnruf, die Hennen fliehen dann nach oben auf einen Baum oder verstecken sich.“ Der tägliche „Hahnentritt“ zur Befruchtung der Eier sieht nur für Menschen nach roher Gewalt aus. „Für die Hennen bedeutet er Wohlbefinden.“

Erschreckende Bildungslücken bei Städtern

Wie fühlt ein Huhn sich wohl? Man kann kaum aufhören, die Landwirtin dazu auszufragen, auch wenn man ihr anmerkt, dass sie als Fachfrau wohl lieber über besondere Rinderrassen und wirklich bedrohte Rassen spricht, als die naiven Fragen der Städter zu beantworten. Was sie manchmal erschrecke, sagt sie, sei, wie wenig auch gut gebildete Menschen heute noch über die Natur wüssten.

Nicht nur Kinder seien erstaunt, wenn sie hören, dass eine Kuh mehr als zwei Liter Milch am Tag gibt. Oder dass Hühner nicht „blind“ sind, wie es im Sprichwort heißt, sondern sogar „schneller“ gucken können als Menschen. „Einen Fernsehfilm würden sie in Einzelbildern wahrnehmen,“ lerne ich. Und Neonlicht muss eine schnelle Frequenz haben, sonst macht es Hühner mit seinem Geflacker wahnsinnig.

In der Wohnung kann man keine Hühner halten

Wer bisher nur mit Katze, Hund oder Hamster gelebt hat, muss für die Hühnerhaltung umdenken. Sicher, wenn sie zahm sind, kann man mit Hühnern, nun ja, auch mal ein bisschen schmusen. Von Natur aus aber sind sie Vögel, sie sind Flucht- und Raubtiere, fangen auch mal eine Maus und leben auf Bäumen, sagt Astrid Masson. „Und haben entsprechende Gewohnheiten.“ Mit in die Wohnung sollte man sie nicht nehmen.

Ein Huhn kackt wie jeder Vogel eben da, wo es sitzt – ist ja auch kein hygienisches Problem egal, wenn man hoch auf dem Baum wohnt. Deswegen brauchen Hühner im Stall Stangen, auf denen sie nachts zusammenrücken können – das jedoch wiederum nicht zu eng, sonst übertragen sich Krankheiten und es gibt Stress. Zum Eierlegen und Brüten mögen Hühner wiederum dunkle, weiche Nester. Aber was, wenn die Küken dann da sind?

Hähne werden „aussortiert“

Wir stehen jetzt im Stall der Domäne, wo der Nachwuchs flattert und fiept. Vier vorwitzige Vögel schaffen es, kurzfristig zu entkommen, doch die Landwirtin dirigiert sie mit freundlichen Gesten zurück in den Stall. In diesem Gehege werden Hühnchen und Hähnchen noch gemeinsam gehalten – aber nicht alle werden den Sommer überleben.

Weil die Natur die Geschlechter gleichmäßig auf die Eier verteilt, muss auch der Archehof Hähne „aussortieren“. Allerdings nicht so, wie es auf den grausamen Bildern vom „Kükenschreddern“ im Internet zu sehen ist. Die Tiere werden in Käfigen nachts, wenn sie schlafen, zu einem Biohof gefahren, wo sie geschlachtet werden. Dann gibt es sie im Hofladen als Biohuhn zu kaufen.

„Bin ich bereit, meine Hühner zu schlachten?“

In Astrid Massons Workshop-Unterlagen steht eine schlichte Frage: „Bin ich bereit, meine Hühner zu schlachten oder möchte ich nach vier bis fünf Jahren ein Hühner-Seniorenheim aufmachen?“ Hühner hören nach drei bis fünf Jahren auf zu legen, doch sie können bis zu zehn Jahre alt werden. Diese Entscheidung – und auch, ob man im Zweifel, wenn das Huhn beispielsweise krank ist, selbst Hand ans Huhn legt oder den Fachmann bittet, sollte für Städter wie mich ganz am Anfang der Hühnerfrage stehen.

6000 Jahre vor Christus wurde das Huhn zum Begleiter und Eierlieferanten des Menschen, heute ist es so etwas wie das Synonym seiner Sehnsucht nach dem einfachen Leben – und gleichzeitig seine Karikatur. Hühnercomics, Hühnerfilme, auf Instagram führen Promis Hühner an der Leine spazieren, und selbst Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann kam auf das Huhn, vielleicht nur wegen seiner Kinder oder auch als lustvoller Stilbruch in seiner Edelidylle unten den Reichen und Wichtigen im vornehmen Potsdam. Seine Videobilder aus der Farm im eigenem Garten haben auf Facebook längst eine eigene Fangemeinde.

Für mich persönlich ist nach dem Besuch klar, dass ich irgendwann tatsächlich selbst Hühner haben möchte. Aber erst, wenn ich auch Zeit für sie haben. Aufs Fleisch müsste ich dann wohl verzichten – dafür schaue und höre ich den Tieren viel zu gern zu. Ich könnte mich totlachen, wenn Hennen ihre Küken tatsächlich so rufen: „Gluck, gluck!“, weswegen sie auch so genannt werden: Glucken. Töten könnte ich sie nicht. Ich weiß, das ist inkonsequent. Aber vielleicht ist ein Hühnerseniorenheim ja auch keine schlechte Idee.

Hühner halten für Einsteiger

Workshop: „Hühner halten für Einsteiger“: In dem Workshop am 23. August geht es um die Theorie zu Verhalten, Bedürfnissen, Fütterung und Gesundheit von Hühnern, Ansprüche an Stall und Auslauf, rechtliche Fragen zur Haltung, es gibt einen Rundgang durch die Geflügelställe sowie praktische Übungen im Stall und am Tier. 23. August, 9–14 Uhr, 70 Euro pro Person. Anmeldung: masson@domaene-dahlem.de oder Tel.: 030/ 666 300 12.

Domäne Dahlem: Das einstige Rittergut ist rund 800 Jahre alt. Heute ist das stadteigene Gut Freilandmuseum und Bio-Bauernhof mit Hofladen. Als „Archehof“ trägt es zum Erhalt gefährdeter Arten bei und ist wichtiger Bildungsort. Eine Dauerausstellung zeigt eine Zeitreise durch die Kulturgeschichte der Ernährung von 1850 bis heute. Dazu kommen große Marktfeste und Events. Adresse: Domäne Dahlem, Königin-Luise-Straße 49, 14195 Berlin, direkt am U-Bhf. Dahlem-Dorf. Der Zutritt zum Freigelände ist kostenlos: Mai bis September, tägl. 8–21 Uhr (Nov. bis März: 8–19 Uhr), www.domaene-dahlem.de

Das Haushuhn: Es gilt als häufigstes Haustier des Menschen, weltweit soll es mehr als 20 Milliarden Hühner geben. Es ist eine Zuchtform des Bankivahuhns, eines Wildhuhns aus Südostasien, und gehört zur Familie der „Fasanenartigen“.

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