Raus in die Stadtnatur

So können Sie in Berlin selbst auf dem Acker ernten gehen

Gärtnern, Gemüse, Genuss des Selbermachens – zu Besuch in den Mietgärten in Rudow der neuen Morgenpost-Serie "Stadtnatur".

Yvonne Vroomen gießt die Pflanzen in ihrem kleinen Gewächshaus. Dort wachsen Tomaten, Gurken und Auberginen.

Yvonne Vroomen gießt die Pflanzen in ihrem kleinen Gewächshaus. Dort wachsen Tomaten, Gurken und Auberginen.

Foto: Reto Klar

Berlin. Auf dem Acker ist es still. Hin und wieder ist aus der Ferne das leise Gewieher von Pferden zu hören, die auf der angrenzenden Koppel die Sommersonne genießen. Aber mehr auch nicht. Ruhe gehört zum Landleben, sagt Yvonne Vroomen.

Regelmäßig fährt sie auf ihr Stück Land in Rudow, um dem Lärm der Stadt für ein paar Stunden zu entkommen. Den großflächigen Acker teilt sie sich mit anderen Mietern, die es aus der gleichen Motivation an den Stadtrand zieht: „Ich versuche, einmal die Woche zu kommen. Dann bin ich immer unterschiedlich lang auf dem Feld. Manchmal verbringe ich hier auch den ganzen Tag“, sagt die studierte Architektin, nimmt ihre grüne Gießkanne in die Hand und sagt in halb vergnügtem, halb besorgtem Unterton: „Das kommt immer darauf an, wie fleißig ich in den Wochen davor gewesen bin.“

Mehr als 400 Parzellen vermietet das Unternehmen „meine Ernte“ an Berliner, die ihr eigenes Gemüse anbauen wollen. Ein Acker steht in Rudow, der andere in Wartenberg. In enger Kooperation mit ortsansässigen Landwirten wird den Gärtnern ein Stück Land zur Verfügung gestellt, das bei Saisonbeginn im Mai schon vorbereitet ist. Die Hobbygärtner müssen sich nur um die Pflege der Parzelle kümmern. Die Erde ist im Frühjahr gedüngt, die Samen sind gesät. Wenige Wochen später kann die erste Ernte eingeholt werden.

Viele suchen ein bewussteres Verhältnis zur Natur

Von Mai bis Oktober können sich Landmieter den Gang zum Supermarkt sparen, das Gemüseangebot ihres Ackers ist reichhaltiger. Der eigene Anbau von Gemüse in bester Bio-Qualität ist für viele Nutzer aber nur positiver Nebeneffekt. Bei den meisten Hobbygärtnern steht die Erholung vom Großstadtlärm und ein bewussteres Verhältnis zur Natur im Vordergrund.

Der eigene Anbau entspricht einem Zeitgeist: „Es gibt immer mehr Menschen, die Zugang zu bezahlbaren und guten Lebensmitteln haben wollen. In erster Linie geht es ihnen aber darum zu wissen, woher das Essen kommt“, sagt Natalie Kirchbaumer, Gründerin von „meine Ernte“. Die Nachfrage nach eigenem Gemüseanbau sei in den vergangenen Jahren immer größer geworden, erklärt die Betriebswirtin. 2009 ging das Unternehmen in sechs Städten an den Start.

Heute kann man sich in 25 deutschen Städten für ein Bauernleben auf Zeit bewerben. Natürlich sei es zeitaufwendig und anstrengend, als berufstätiger Großstädter das eigene Gemüse anzubauen, „aber hier geht es um den Genuss, alles selber zu machen. Viele wollen außerdem ihr Wissen über Landwirtschaft erweitern“, sagt Kirchbaumer.

Yvonne Vroomen hat ihre weißen Gummistiefel angezogen. Mit der Gießkanne bewaffnet, stapft sie durch das über 20 Meter lange und etwa zwei Meter breite Feld, um die Früchte ihrer Arbeit zu präsentieren: „Hier fängt es an mit den Salaten, dahinten wächst, glaube ich Mangold, da der Kopfsalat“. Mit jedem Schritt vergrößert sich das vielfältige Gemüseangebot auf ihrem Acker, das jeden Biomarktbetreiber vor Neid erblassen ließe: Rote Bete, Karotten, Zwiebeln, Zuckererbsen, Kartoffeln, Brokkoli, Kohlrabi, Gurken, Bohnen, Sellerie und Radieschen, so groß wie Mandarinen, dahinter Kürbisse, die besonders bei Gemüsedieben sehr beliebt sind.

Luxusproblem bei Ernte

Die größte Herausforderung ist eigentlich ein Luxusproblem. Yvonne Vroomens Ernte fällt fast immer viel zu üppig aus. Oft weiß sie nicht, wohin mit dem ganzen Gemüse: „Manches Gemüse hört gar nicht auf zu wachsen. Zum Beispiel diese Schnittsalate. Die haben wir schon dreimal geerntet, und es kommen immer wieder neue nach“, sagt sie und greift dann nach einer Zucchini, die so groß wie der Unterarm eines Gewichthebers ist: „Ich habe zu Hause noch zwei von denen.“

Yvonne Vroomen weiß jetzt schon, dass sie auch nächste Saison wieder dabei sein möchte. Bis November kann sie ihre Ernte einfahren, dann schließt der Garten und öffnet seine Pforten erst wieder zur feierlichen Eröffnungszeremonie Ende April. Mit ihrem Wunsch ist sie nicht allein. Über die Hälfte der Nutzer entscheiden sich für eine weitere Saison im Beet. Gärtner, die Rechen und Gießkanne nach einem Jahr an den Nagel hängen, wechseln oft berufsbedingt den Wohnort und können deswegen nicht weitermachen.

Keine feste Zielgruppe

Auf keinen Fall soll jedoch der Eindruck erweckt werden, das Angebot von „meine Ernte“ richte sich nur an junge, flexible Berufstätige. Eine genaue Zielgruppe gebe es nicht, sagt Natalie Kirchbaumer: „Bei uns macht wirklich jeder mit. Wir haben Akademiker, wir haben die Familie, wir haben Senioren dabei, wir haben Studenten-WGs, die sich einen Garten mieten, wirklich querbeet. Es ist aber auch schön, dass wir so viele Menschen ansprechen."

Nur marketingtechnisch sei das eine kleine Herausforderung. Trotzdem versuche man bei „meine Ernte“ auf die verschiedenen Wünsche und Vorstellungen der Mieter einzugehen. Intensive Betreuung sei ein wesentlicher Bestandteil des Gartenprojekts, so Kirchbaumer.

Während der gesamten Saison werden die Gärtner von den Mitarbeitern des Teams „meine Ernte“ begleitet. Die „Gärtnerbriefe“, die einmal im Monat per Mail verschickt werden, verraten zum Beispiel, wann es sich lohnt, bestimmte Gemüsesorten zu ernten. Über WhatsApp-Gruppen tauschen sich die Gärtner untereinander aus.

Und dann findet in Rudow noch regelmäßig eine Gärtnersprechstunde statt, bei der ein ortsansässiger Landwirt Fragen beantwortet. „Sobald unsere Kunden ein Stück Land buchen, werden sie von uns eng an die Hand genommen“, sagt Natalie Kirchbaumer. Kein Gärtner wird allein gelassen.

Auch Yvonne Vroomen nutzt regelmäßig die WhatsApp-Gruppe. Über Landwirtschaft werde dann aber nicht unbedingt gefachsimpelt. Viel öfter geht es um die Suche nach einer Urlaubsvertretung. In der Regel findet sich schnell ein hilfsbereiter Parzellennachbar, der für ein Wochenende auch mal das Gießen und Unkrautzupfen übernimmt. „Jeder hilft jedem, das ist schön“, sagt Yvonne Vroomen.

Nur einmal sei die WhatsApp-Gruppe heiß gelaufen. Als nach einem schwülen Frühlingstag ein Unwetter aufzog und zentimeterdicke Hagelkörner die Ernte in Gefahr zu bringen drohte. Am Ende war es dann zwar halb so wild, aber auch Yvonne Vroomen schaut jetzt mit anderem Blick auf den Wetterbericht.

Es gibt ein klassisches Problem

Und dann gibt es da noch das klassische Problem, sagt Yvonne Vroomen und zeigt auf den Komposthaufen am Rande des Felds: „Das Unkraut! Jetzt geht es zwar gerade, weil ich hinterher bin. Wenn man aber nicht regelmäßig zupft, kann das einen dann schon überwältigen.“

Mit dem Gärtnerdasein entwickelt sich schnell ein zwiegespaltenes Verhältnis zu schönem Wetter. Wochenlanger Sonnenschein, wie im Frühling, wird seitdem mit Argwohn betrachtet. Wenn man dann zwei, drei Wochen nicht den Acker pflege, sei das Unkraut praktisch nicht mehr aufzuhalten. Vor allem am Anfang ist gründliche Pflege besonders wichtig. Dann, wenn die Gemüsepflanzen noch klein sind und sich leichter vom Unkraut verdrängen lassen.

Gewächshäuschen für Gurken, Tomaten und Auberginen

Die Parzellen des Mietackers verlaufen parallel zueinander, so dass bei jedem Pächter das jeweilige Gemüse auf gleicher Höhe wächst. Nur die ersten Meter können individuell gestaltet und bepflanzt werden.

Yvonne Vroomens Feld ist schon aus der Ferne sofort zu erkennen, weil sie als einzige ein kleines Gewächshaus aufgebaut hat, in dem Tomaten, Gurken und Auberginen sprießen: „Mein Vater hat das kleine Gewächshaus von zu Hause mitgebracht“, sagt die junge Frau, die aus einer kleinen Stadt in den Niederlanden stammt. Auch zu Hause war man selten im Supermarkt, um Gemüse zu kaufen: „Ich bin es gewohnt, dass es im Sommer immer Gemüse aus dem Garten gibt. Seitdem ich in Berlin lebe und arbeite, hat mir das gefehlt.“

Wenn sie in Rudow das Gemüse erntet, dann fühlt sich das auch ein kleines bisschen wie zu Hause an. Ihr Blick schweift Richtung Horizont. In der Ferne wirken die dunkelgrauen Wohnblöcke, eingerahmt vom Naturidyll, eigenwillig deplatziert: „Es ist aber auch einfach schön, für ein paar Stunden die Stadt hinter sich zu lassen und einfach im Garten zu arbeiten. Das macht mir Spaß.

Aber natürlich mache ich das nicht nur wegen der Natur. Es ist toll, wenn man die Dinge später kochen kann, die man selbst geerntet hat. Beides ist schön.“

Der Weg zum eigenen Mietgarten:

Mitmachen

Vom 29. September an können sich Interessierte für die kommende Saison online unter www.meine-ernte.de anmelden. Die neue Saison startet dann im April des nächsten Jahres und endet im November 2019.

Voraussetzungen

Es müssen keine besonderen Voraussetzungen erfüllt werden. Frisches Wasser und Gartengerät wird zur Verfügung gestellt. Gärtnerbriefe informieren über Erntezeiten und geben allgemeine Tipps .

Kosten

Der kleine Gemüsegarten in Berlin kostet 229 Euro. Der Preis bezieht sich auf eine Saison. Der Garten eignet gut sich für zwei Personen. Der Familiengarten kostet 439 Euro. Dafür ist er dann auch doppelt so groß.

Anderer Anbieter

Alternativ bietet etwa das Team vom Projekt „Bauerngarten“ ein vergleichbares Angebot – in Berlin zum Beispiel im Botanischen Volkspark Pankow. Weitere Informationen im Internet unter www.bauerngarten.net.

Sie haben Fragen zum Thema Gärtnern? Schreiben Sie uns unter stadtnatur@morgenpost.de und wir lassen Ihre Fragen von Experten beantworten.

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