Berliner Spaziergang

Unterwegs mit Manja Schreiner, der Bauexpertin

Unsere Reporter begegnen Menschen, die etwas bewegen. Heute ist es Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau.

Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau in Berlin, erzählt über ihren Werdegang.

Manja Schreiner, Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau in Berlin, erzählt über ihren Werdegang.

Foto: David Heerde

Berlin. „Wie schön, dass es nicht regnet“, sagt Manja Schreiner, als wir uns an diesem kühlen Tag am Mirbachplatz in Weißensee treffen. Regen ist angekündigt für diesen Nachmittag, wir aber wollen spazieren gehen. Durch Weißensee, diesen ehemals selbstständigen Bezirk, der seit Anfang 2001 mit Prenzlauer Berg und Pankow den Bezirk Pankow bildet. Inzwischen der größte Berliner Bezirk mit mehr als 400.000 Einwohnern. Auch Weißensee ändert sich rasant, neudeutsch nennt man das „Gentrifizierung“. Manja Schreiner und ihre Familie leben in der Nähe, im Komponistenviertel, wir wollen durch den Kiez laufen und bei ihr zu Hause dann einen Kaffee trinken.

Kirche soll zum Veranstaltungs- oder Kulturort umgebaut werden

Manja Schreiner googelt aber schnell noch mal den Namen auf dem Bauschild, das vor der Bethanienkirche am Mirbachplatz steht. Die Kirche, 1902 im Beisein von Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria eröffnet, wird nämlich schon seit vielen Jahren nicht mehr als Kirche genutzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde sie stark beschädigt, nun steht sie leer und sollte eigentlich schon längst ein Veranstaltungs- oder Kulturort sein. Ende 2007 war der Bethanienturm an einen Projektentwickler verkauft worden. „Doch es tut sich nichts“, sagt Manja Schreiner. Sie interessiert das. Nicht nur weil sie in Weißensee lebt, sondern weil sie die Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau ist – und weil sie als CDU-Politikerin in Weißensee ihre politische Heimat hat. Doch der Reihe nach.

Wir machen, bevor wir loslaufen, erst einmal Fotos. Mit der Bethanienkirche im Hintergrund. Um uns herum ist es laut, es gibt mächtig viel Autoverkehr. „Das hat sehr stark zugenommen“, sagt die 41-Jährige. Der Fotograf David Heerde liegt inzwischen auf dem Bürgersteig, damit auch der Kirchturm mit auf dem Foto ist, die Passanten schauen komisch. Manja Schreiner ist geduldig – und lächelt viel an diesem trüben Tag.

Der Bezirk Weißensee ändert sich rasant

„Wir haben schon überlegt, ob man die Pistoriusstraße weiter unten nicht zu einer Fußgängerzone machen könnte“, sagt Manja Schreiner, als wir die Straße entlang marschieren. Schon ein paar Meter weiter gibt es einen großen, hässlichen Parkplatz, dahinter hat eine Baugruppe eine moderne Wohnanlage mit vielen weißen Wänden, Glas und neuen Balkonen gebaut. Schick, aber sie passt so gar nicht zu den alten Gebäude-Ensemble mit Backsteinwänden. „Das könnte sich eigentlich besser in die Umgebung einfügen“, meint Manja Schreiner – und schaut ganz unglücklich. Wir umqueren den Platz und sprechen über ihr abwechslungsreiches berufliches Leben.

1978 geboren, ist Manja Schreiner bei Rostock aufgewachsen. „Ich bin ein echter Fischkopp“, sagt sie. Ihre Eltern waren sehr jung, 20 Jahre alt, „wie das so zu DDR-Zeiten üblich war, da bekam man die Kinder sehr früh“. Manja Schreiner wurde in einem kleinen Ort in der Nähe von Rostock groß. Der Vater war für ein Düngemittelunternehmen der DDR tätig, das gute Kontakte zu Ägypten oder dem Iran hatte. 1987 ging es deshalb für die Familie nach Kairo. „Wir mussten auch alle Westkontakte abbrechen, es gab Verwandtschaft in Mainz, von dort durften wir keine Päckchen mehr annehmen“, erzählt Manja Schreiner. Im Jahr 30 nach dem Mauerfall wird die Erinnerung an diese düsteren Zeiten, an das geteilte Land, wieder sehr lebendig.

Manja Schreiner erfuhr in Ägypten vom Mauerfall

Für Manja Schreiner war die Reise nach Ägypten, das Leben dort ein großes Abenteuer. „Ägypten war wie das Schlaraffenland“, erinnert sie sich. Sie, damals neun Jahre alt, genoss das sehr. Die bunten Farben, das viele Obst. „Da gab es auf einmal Kassetten von Nik Kershaw“, sagt Manja Schreiner und lacht. „Das war schon toll.“ Sie besuchte die DDR-Schule („Mit vier anderen Kindern in der Klasse“), auf die andere deutsche Schule durfte sie ja nicht. Vom Mauerfall erfuhr die Familie über die Fernsehbilder beim Sender Al Jazeera, verstand aber die arabische Sprache nicht und wurde erst später durch die Botschaft aufgeklärt, was dort in Berlin am 9. November 1989 vor sich gegangen war.

Anfang 1990 kehrte die Familie nach Rostock zurück, der Vater musste sich um seinen Job kümmern, von tausend Mitarbeitern blieben 200 übrig, die Mutter begann ein Studium der Sozialpädagogik. Manja Schreiner ging wieder in dem kleinen Ort zur Schule, machte das Abitur – und wusste nicht, was sie studieren soll. Medizin? Betriebswirtschaftslehre? Jura? Sie entschied sich für Jura – studierte in Rostock, blieb zu Hause wohnen und fühlte sich wohl. „Ich bin im heimischen Nest geblieben, das war ganz schön“, sagt sie und lacht.

Erst nach dem Doktortitel wurde Manja Schreiner zum Vorstellungsgespräch geladen

Im Studium sammelte sie auch viele Erfahrungen außerhalb von Rostock, machte Station in Speyer, in Bangkok, in Brüssel beim Europäischen Parlament. Einen Job zu finden, wurde dennoch schwer. „Erinnern Sie sich? Das war keine einfache Zeit für Juristen“, sagt Manja Schreiner. „70 Bewerbungen habe ich geschrieben, erst nachdem ich meinen Doktortitel erworben und dies nachgereicht hatte, habe ich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch bekommen.“ Vom Kreuzfahrt-Unternehmen Aida, Sitz Rostock. Obwohl der Vorstand ein für Manja Schreiner wenig verständliches britisches Englisch sprach, bekam sie den Job. „Ich muss mich ganz gut geschlagen haben“, sagt sie und lacht. Denn was ihre eigentliche Aufgabe sein würde, das wurde ihr erst im Unternehmen klar.

Sie musste als Juristin dafür sorgen, dass die internen Kontrollen funktionieren, denn Aida gehört zur Carnival Group, dem größten Kreuzfahrtunternehmen der Welt. Das muss bestimmte Gesetze erfüllen, dazu gehört es auch, jegliche Form des Management-Betrugs auszuschließen. „Es war eine spannende Aufgabe, aber ich war natürlich wahnsinnig beliebt“, sagt Manja Schreiner und lacht laut. „Ich habe als blutige Berufsanfängerin den ganzen Tag Verträge geprüft, das haben wir im Studium nicht ein einziges Mal gemacht“, erinnert sich Manja Schreiner. Sie hat sich durchgebissen.

Und machte auch die ersten Erfahrungen in einer vor allem von Männern geprägten Berufswelt. „Ich als junge Juristin hatte mit alten Seebären zu tun, die sich natürlich wenig von mir sagen lassen wollten, die Geschäfte am liebsten per Handschlag abschlossen“, erinnert sich die 41-Jährige. „Drei Jahre lang habe ich gefühlt rund um die Uhr gearbeitet“, erzählt sie, während wir die Max-Steinke-Straße entlang laufen. Es hat inzwischen zu regnen begonnen. Der Wind frischt auf, und wir laufen tapfer ohne Schirm weiter.

Eine Fernbeziehung zwischen Rostock und Brüssel

Ihr Mann, den sie in Speyer während des Studiums kennengelernt hatte, war zu diesem Zeitpunkt in Brüssel tätig, denn die beiden hatten vereinbart, dass sie in die Stadt ziehen würden, in der der erste von ihnen ein Job bekommen würde. Nun, beide fanden zeitgleich einen – in Rostock beziehungsweise in Brüssel. Und führten drei Jahre lang eine Fernbeziehung. „Mein Mann fand keinen Job in Rostock, dann aber einen neuen bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft“, erklärt Manja Schreiner. Das machte die Fernbeziehung schon einfacher, doch als der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) anrief, sich auf die drei Jahre alte Bewerbung als Juristin berief, sagte Manja Schreiner zu. „Aber schon schweren Herzens, bei Aida hat es mir unheimlich viel Spaß gemacht.“

Beim BDI, in der Rechtsabteilung, kommt Manja Schreiner dann auch mit der Politik in Kontakt, denn der BDI vertritt die Interessen der großen Industrieunternehmen, aber vor allem auch der mittelständischen Industrie. „Ich bin in einem apolitischen Elternhaus groß geworden, meine Eltern waren nach der Wende froh, dass sie nichts mehr mit Parteien zu tun hatten“, erzählt sie. Beim BDI muss sie sich nun mit Wahlprogrammen beschäftigten, mit Politikern Kontakt halten, auch ihr Mann kommt aus einem politischen, in der CDU aktiven Elternhaus. Wir sind inzwischen beim Antonplatz angekommen. Der Regen wird immer stärker, wir brechen den Spaziergang ab – und setzen uns beim Supermarkt in die Bäckerei. Mit einem heißen Latte macchiato.

Wechsel zum Zentralverband des Deutschen Handwerks – ein wichtiger Karriereschritt

Während der Zeit beim BDI kommen die beiden Kinder Gustav, geboren 2008, und Greta, geboren 2010, zur Welt. Manja und Marc Schreiner teilen sich die jeweils ersten Jahre und nehmen Elternzeit, dann wechselt Manja Schreiner zum Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), denn dort ist die Leitungsstelle der Rechtsabteilung ausgeschrieben. Ein Karriereschritt, der ihr wichtig ist. Bis zum Jahr 2012 bleibt sie dort. „Wieder in einem sehr männlich geprägten Umfeld“, sagt Manja Schreiner.

Sie habe da viel Selbstbewusstsein gelernt, sagte beim Amtsantritt auch: „Ich habe meine Kinder nicht bekommen, um sie ständig weg zu organisieren.“ Das hätten ihre Vorgesetzten verstanden, aber anschließend auch überprüft, ob sie denn die beruflichen Anforderungen erfülle. Und sie habe viel gelernt über männliches und weibliches Kommunikationsverhalten, über die Art, wie man Gespräche führe oder in Abteilungsleiterrunden auftrete. Ein weites Feld.

Seit zwei Jahren ist Manja Schreiner nun Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau. „Ich wollte noch mehr machen, ich wollte auch gestalten“, begründet sie ihren Wechsel vom ZDH zurück auf die Landesebene. Und das kann sie in dieser Funktion. Die Fachgemeinschaft Bau zählt rund 900 Betriebe, die bei ihr, ganz freiwillig, Mitglied sind. Die Unternehmer nutzen die Rechtsberatung und Unterstützung beispielsweise bei Arbeitsgerichtsprozessen, sie wollen, dass die Fachgemeinschaft ihre Interessen vertritt – wie beim Mietendeckel, den der rot-rot-grüne Senat für die nächsten fünf Jahre plant.

Die Auseinandersetzung führt Manja Schreiner sehr engagiert, hat zu Pressekonferenzen geladen oder die Sternfahrt und Demonstration der Vertreter der Bau- und Immobilienwirtschaft und Wohnungsbau-Initiativen am Brandenburger Tor organisiert. „Wir sind darin ja nicht so geübt, aber es ist toll gelaufen“, freut sich Manja Schreiner über die Aktion Anfang Dezember mit fast 2000 Teilnehmern.

Seit dem Jahr 2012 Mitglied der Berliner CDU

Sie fühlt sich bei der Fachgemeinschaft beruflich wohl. „Es macht unheimlich Spaß, es ist total abwechslungsreich, und ich bin viel bei den Unternehmern vor Ort.“ Auch der Lehrbauhof wird von der Fachgemeinschaft betreut, rund 660 junge Menschen werden dort – neben der Berufsschule und dem Handwerksbetrieb – ausgebildet. „Die Betriebe sind ja meist sehr spezialisiert, im Lehrbauhof lernen die Auszubildenden dann noch alles andere, damit sie ihre Prüfung bestehen“, sagt die Bauexpertin.

Wie findet sie neben Job und Familie noch Zeit für die CDU? „Mein Gedanke war: Reg’ dich nicht immer nur auf, mach’ selbst was“, erinnert sich Manja Schreiner an ihren Parteieintritt 2012. Sie wird Mitglied im Kreisverband Pankow, im Ortsverband Weißensee, ist Spitzenkandidatin der CDU Pankow bei der Wahl der Bezirksverordnetenversammlung 2016, gibt das Mandat aber nach gut einem Jahr wegen des Wechsels zur Fachgemeinschaft wieder auf – und wird Mitglied für Pankow im CDU-Landesvorstand.

„Monika Grütters, die Landesvorsitzende, wollte, dass jeder Kreisverband mindestens eine Frau entsendet“, sagt Manja Schreiner. Nach dem Wechsel an der Parteispitze in diesem Jahr fragte der neue Landesvorsitzende Kai Wegner, ob sie nicht stellvertretende Landesvorsitzende werden wolle. Manja Schreiner will – und ist nun in der Situation, sich noch mehr einbringen zu können. „Ich will mitgestalten“, sagt Manja Schreiner. Man glaubt es ihr aufs Wort.

Zur Person

  • Ausbildung: Manja Schreiner ist am 29. April 1978 in Wismar geboren worden und in der Nähe von Rostock aufgewachsen. Im Alter von neun Jahren ging ihr Vater aus beruflichen Gründen nach Kairo, Frau und Tochter Manja kamen mit. Dort besuchte sie die DDR-Schule, nach dem Fall der Mauer kam die Familie nach Rostock zurück. Manja Schreiner machte Abitur und studierte anschließend in Rostock Jura.
  • Karriere: Nach dem Studium arbeitete Manja Schreiner ab dem Jahr 2004 zunächst bei dem Kreuzfahrt-Unternehmen Aida in Rostock. Drei Jahre später wechselte sie nach Berlin zum Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), danach zum Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Seit 2018 ist sie Hauptgeschäftsführerin der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg.
  • Privat: Manja Schreiner ist verheiratet mit Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft. Sie haben zwei Kinder und leben in Weißensee.
  • Spaziergang: Wir trafen uns am Mirbachplatz in Weißensee, liefen dann ein bisschen durch den Kiez und machten Fotos rund um den Mirbachplatz. Als der Regen immer stärker wurde, endete der Spaziergang abrupt im Supermarkt mit Bäckerei am Antonplatz.