Berliner Spaziergang

Malakoff Kowalski ist lieber allein mit der Musik

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: Malakoff Kowalski, Musiker und Komponist.

Der Musiker Malakoff Kowalski auf dem Stadtfriedhof Zossenerstraße

Der Musiker Malakoff Kowalski auf dem Stadtfriedhof Zossenerstraße

Foto: Reto Klar

Berlin. Er mag diese Unordnung nicht mehr. Handgeschriebene Zettel statt gedruckter Namensschilder an der Klingel. Leute, die ihre Fahrräder in Hausfluren abstellen, Toiletten in Bars ohne Toilettenpapier. Der einzige Ort, den er in Berlin wirklich mögen würde, sei der Potsdamer Platz. Der sei clean. Dazu kommen die Hochhäuser, die ihn an seine zweite Heimat, die USA erinnern. Am liebsten würde er im Hotel Ritz-Carlton leben, hoch oben über der Stadt.

Malakoff Kowalski ist so merkwürdig und wahrscheinlich der einzige Berliner, für den der Potsdamer Platz, dieses graue Ungetüm, ein Sehnsuchtsort geworden ist. Und trotzdem treffen wir uns ganz woanders: Auf den Friedhöfen am Mehringdamm. Dieses große Areal mitten in der Stadt zwischen dem Kreuzberger Finanzamt und der Zossener Straße scheint das Gegenteil von Ordnung.

Dieser Friedhof besteht eigentlich aus fünf Friedhöfen, teilweise gibt es noch Mauern, die die einstigen Grenzen zeigen, dann geht wieder alles ineinander über. Wir betreten diesen labyrinthischen Ort für den letzten großen Abschied und die Ruhe danach vom Eingang Zossener Straße aus. Malakoff Kowalski hat etwas von einem russischen Zaren und zugleich von einem preußischen Beamten.

Auf dem Weg zu etwas Universellem

Alles ist passgenau an ihm, die Prinz-Heinrich-Mütze, der Mantel faltenlos, die Hose perfekt in der Länge, die Stiefel geputzt. Die Haut glatt und der Teint beneidenswert. Die kunstvolle Perfektheit seines Äußeren erinnert an die 1920er-Jahre und den Berliner Musiker Max Raabe. Während er auf den erdigen Wegen entlangschreitet, ist es, als ob der Zar und der Beamte streiten wie in einer Erzählung von Franz Kafka, welcher Teil seiner Persönlichkeit gerade im Vordergrund stehen darf.

Mal ist alles, was er sagt, von nobler Großzügigkeit, mal getrieben von dem Verlangen nach Ruhe und Ebenmaß. „Wenn mehr Leute darauf achten würden, dann sehe es in unserer schönen Stadt viel besser aus. Ich hasse das alles.“ Und er meint, das Provisorische, Unkorrekte, das Mal-eben-so-Gemachte.

Das ist auch ein Grund, warum er sich jeden Morgen eine universelle Form gibt. Diese Mütze, ein weißes Hemd, heute macht er eine Ausnahme in grauem Pullover und er fühlt sich tatsächlich ein bisschen unwohl damit, der Rest ist schwarz. Er sagt, so sei er für jeden Anlass gekleidet. Für ein Interview, für ein feines Restaurant, für den Besuch beim Finanzamt, für ein Konzert am Abend und den schmutzigen Club danach.

Kowalski über Merkel: Nicht jeder kann so großen Erfolg mit ihrer Strategie haben

Als er über Durchschnittstypen spricht, die glauben, sie müssten nur gut kopieren, wird er elitär, geradezu unbarmherzig: „Angela Merkel ist ein bisschen wie Erik Satie und Philip Glass. Nicht jeder kann so großen Erfolg haben wie sie, auch wenn sie sich ihrer Strategie bedienen.“ Das sei in der Politik genau so wie in der Musik. Die Imitation werde nie so gut wie das Original. Die Komponisten Satie und Glass hätten für zeitgenössische Ohren zunächst einmal sehr merkwürdige Musik gemacht, „aber sie waren speziell und eigen und dadurch ist ihre Musik etwas Universelles geworden. Kunst.“

Auf diesen Weg hat sich der Musiker Malakoff Kowalski ebenfalls gemacht. Vor zwei Tagen ist sein neues Album erschienen. Zehn Klavierstücke, die er komponiert hat, die zunächst beiläufig leicht und ein bisschen melancholisch klingen, dann Bilder hervorrufen von Sommer, von Liebenden, von Freude, kleinen Abschieden und von Glück. Zarte Melodien mit hohem Wiedererkennungswert, zwischen Klassik und Pop. Eine Auszeit vom Smartphone-Leben ohne Pausen.

Kowalski ist mit drei Pässen gesegnet

Malakoff Kowalski heißt mit bürgerlichen Namen Aram Pirmoradi und er ist mit einem seltenen Geschenk gesegnet. Er hat drei Pässe, den iranischen durch seine Eltern, den amerikanischen, weil er am 21. Juni 1979 in Boston geboren wurde, und den deutschen. Seine Mutter, eine persische Konzertpianistin, studierte damals in Paris, gemeinsam mit dem Vater, einem Bauingenieur aus Teheran, wollte sie eigentlich nur noch einmal eine lange Reise zu den Verwandten in die USA machen, bevor sie dann beide zur Geburt des Sohnes nach Teheran ziehen würden. Es kam anders.

Im November 1978 flog die Mutter allein nach Boston und im Iran kündigte sich die islamische Revolution an. Der Vater sagte, sie solle in den USA auf ihn warten, im Frühjahr 1979 folgte er ihr. Alles, was sie hatten, waren zwei Koffer mit dem wichtigsten. Einer, dieser Koffer, ein weißer Samsonite steht heute in der Wohnung von Malakoff Kowalski und er trägt ihn in Zeiten von Vier-Rollen-Koffer-Komfort immer noch.

Zurück in den Iran ist die Familie nie mehr. 1980 zogen sie nach Hamburg. Nur in den Ferien besuchen sie fortan ihre Verwandten in den USA. „Wenn ich nach Amerika fliege, die Türen des Flughafens aufgehen und mir diese schwüle, heiße Luft entgegen schlägt, dann raubt es mir fast den Atem. Ich liebe das.“ Und als er das hier auf dem kalten Friedhof sagt, atmet er tief ein. Nicht die Luft von L.A., die Berliner Luft. Und die sei auch nicht schlecht, sie erlaube jedem am Morgen aufzustehen und jemand anderes zu werden.

2005 zog Kowalski nach Kreuzberg

Eingespielt hat Malakoff Kowalski die neuen Stücke seines Albums auf seinem ersten Klavier. Und so heißt sein Album auch „My First Piano“. Die Geschichte dahinter ist filmreif: Der Musiker entdeckte kürzlich ein altes Kinderfoto von sich. Auf diesem Bild sitzt er als Junge in weißem Strampelanzug, mit wuscheligem schwarzen Haar und einem zuckersüßen Grinsen, vielleicht gerade mal zwei Jahre alt, auf einem Stuhl vor einem Klavier. Der 38-Jährige begibt sich auf die Suche nach dem Instrument, einem amerikanischen Wurlitzer und findet es bei Freunden der Eltern in der Nähe von Hamburg.

Als 2005 sein Vater starb, zog die Familie aus Hamburg weg. Das Klavier geriet in Vergessenheit. Die Mutter ging mit Malakoffs jüngerer Schwester wieder in die USA, nach Los Angeles, der Sohn brach auf nach Berlin, Kreuzberg. Er fand mit seiner damaligen Freundin eine Wohnung in der Solmsstraße, in der er heute noch lebt. Die Freundin ist längst weg, aber als enge Vertraute geblieben.

Ein paar Kartons hat er aus seinem Elternhaus mitgenommen. Sie stapeln sich unausgepackt vor den Fenstern seines Arbeitszimmers. Mit Tüchern hat er sie abgedeckt. So sind sie bei ihm und doch sieht es in diesem künstlerischem Raum, in dem seine Lieder entstehen, aus wie in einem verlassenen Zimmer.

Ein Friedhof für die besten Vorbilder aller Zeiten

Das Klavier aus der Kindheit schafft er nach seiner Entdeckung zurück in die Gegenwart, von Hamburg nach Berlin, zuerst in seine Wohnung, dann in ein Studio am Rosenthaler Platz. Inspiriert von der Erinnerung als kleiner Junge der Mutter bei ihren Übungen zuzuhören, komponiert Malakoff Kowalski. Die Mutter spielte Brahms für ihn, Schostakowitsch, Rachmaninow, Schubert, Schumann und Bach. Und Mendelssohn Bartholdy.

Auf seinen Streifzügen durch die Nachbarschaft entdeckte er in seiner Berliner Anfangszeit den Friedhof am Mehringdamm. Der Musiker erinnert sich: „Plötzlich fand ich das Grab von Mendelssohn Bartholdy, da bin ich fast ausgeflippt.“ Der liegt hier, wie auch andere seiner musikalischen und künstlerischen Vorbilder. Malakoff Kowalski wird euphorisch, aufgeregt. Er erzählt, wie er bei einem anderen Spaziergang auch auf das Grab des Schriftstellers E. T. A. Hoffmann stieß. „Und E. T. A. Hoffmann ist mein Mann. Als ich 17, 18 war, war er einer meiner größten Helden.“

Bei Malakoff Kowalski hängt alles zusammen. Es ist, als ob sich mit dem Klavier aus Hamburg ein Kreis geschlossen hat. Herkunft, Familie, Geborgenheit, das Glück der frühen Kindheit, Abschied von der Heimat Hamburg, Verlust des Vaters. Er begegnet mit dem Instrument seinen Wurzeln, seinem frühen Ich: Dem Kind Aram Pirmoradi und so klingen seine neuen Melodien auch süß und schmerzlich zugleich.

Für feste Beziehungen sieht er sich nciht geeignet

Sein Kreuzberger Klavierbauer wird für die nächsten Monate sein Leibarzt. Er restauriert, er stimmt, er kuriert, er pflegt, noch während der Aufnahmen darf er nachts anrufen. In den Pausen aber zieht es Malakoff auf den alten Friedhof, weil „man hier nie jemanden trifft und die Sonne immer ungehindert und weit hereinfällt“.

Wo die Gräber von Mendelssohn oder Hoffmann wohl sind? Malakoff Kowalski findet auf unserem Spaziergang keines der beiden. „Das wäre auch nichts. Das ist hier wie mit der Musik: Man weiß, da ist irgendetwas, aber man weiß nicht was und nicht wo. Dem geht man nach, bis man die Musik vor sich sieht. Jedes Mal bin ich überrascht.“ Und wenn er die Gräber immer finden würde, würde sein Besuch auch gar keinen Sinn machen.

Malakoff Kowalski schwärmt weiter. Die Sonne ist fast untergegangen und wärmt nicht mehr. Er liest Grabinschriften vor, etwas von Richard Wagner steht auf einem Stein, dann ein einfacher Satz: „Die Liebe höret nimmer auf.“ Wie es da bei ihm aussieht? Kinder hat er nicht, aber eine Beziehung? „Ich bin raus aus dem Geschäft“, antwortet er. Ein Kind gehe nur mit der richtigen Frau. „Und das Leben mit einer Frau kann ich mir nicht vorstellen.“ Drei feste Beziehungen zwischen drei und sechs Jahren habe er gehabt. „Ich dachte immer es wäre ernst. Aber ich habe in den letzten zwei Jahren verstanden, dass ich dafür nicht geeignet bin.“

Seine Liebe gilt der Musik

So wie manche Leute farbenblind seien, so könne er das nicht. Die monogame, bürgerliche Liebe. „Ich kann das ja alles, lieb sein, mich kümmern, die ganzen Standards, aber dann muss ich es doch beenden, weil ich es nicht halten kann.“ Die Erwartungen, die Versprechen.

Liebe habe er ja trotzdem in seinem Leben für seine Mutter, seine Schwester, seine zwei Neffen, für seine Freunde. Und für die Arbeit. „Das, was andere für einen Partner empfinden, Verantwortung, Hingabe, Verantwortlichkeit, Vertrauen, Neugier, Offenheit, Verletzlichkeit, die ganzen Dinge, die zur Liebe gehören, die fühle ich bei der Musik und da wirklich uneingeschränkt.“ Seit er das erkannt habe, habe auch seine Musik eine andere Wendung bekommen. „Ich muss mir nichts mehr ausdenken, ich lüge auch nicht.“ Sehr angenehm sei das.

Wie unangenehm das auch sein kann, spürt man bei der Begrüßung zwischen dem Musiker und dem Fotografen. Der reicht Malakoff Kowalski die Hand, der seine aber sogleich wegzieht. „Entschuldige bitte, aber ich mache das nicht, ich habe eine Keimphobie.“

Zur Person:

Malakoff Kowalski heißt bürgerlich Aram Pirmoradi, er wurde am 21. Juni 1979 in Boston, USA, geboren. Seine Eltern sind persisch, aufgewachsen ist er in Hamburg. 2005 zog er nach Berlin.

Seit den 90er-Jahren tritt Pirmoradi unter dem Namen Kowalski beziehungsweise Malakoff Kowalski auf. Nach eigenen Angaben waren es seine Freunde, die ihm den Spitznamen gaben. Er trat bereits als Support der Bands 2raumwohnung und Seeed auf. 2009 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum „Neue Deutsche Reiselieder“. Er schrieb Film- und Theatermusik für Angela Richter, Melanie Kretschmann und Klaus Lemke.

Im Oktober 2017 wurde seine Musik zur Premiere der „Faust I“-Inszenierung von Stephan Kimmig am Staatstheater Stuttgart gefeiert als: „Laut, sexy und sehr heutig: Die Musik von Malakoff Kowalski jagt einem Schauer über den Rücken.“ Des Weiteren erschienen die Alben „Kill Your Babies“ (2012) und „I Love You“ (2015), hier haben die Schriftsteller Maxim Biller und Helene Hegemann sowie Regisseur Klaus Lemke mitgewirkt. Gerade stellte er sein neues Album „My First Piano“ vor.

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