Spaziergang

Annette Hess - Die Frau, die Berlin eine Hauptrolle gibt

Die Sonntagsserie der Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Heute: Annette Hess, Drehbuchautorin.

Annette Hess

Annette Hess

Foto: Jörg Krauthöfer

Menschen in Schwierigkeiten zu bringen, das sei ihre Arbeit, sagt sie. Klingt nach irgendwas zwischen Kredithai und Auftragskiller. Aber Annette Hess ist Drehbuchautorin. Spannende Geschichten brauchen Konflikte, erklärt sie. Der Fernsehzuschauer muss in Atem gehalten werden. An ihrem Schreibtisch entstehen Stoffe wie Weißensee, Ku’damm 56 oder Die Holzbaronin, sie gibt Rollen und Dialoge vor, würzt die Handlung.

Annette Hess ist gut in ihrem Job, die Verfilmungen ihrer Drehbücher sehen Millionen Zuschauer, die heilige Quote stimmt, und auch die Kritiken. Nur im Rampenlicht steht sie selbst kaum, auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und Eifersüchteleien hält sie sich im Hintergrund, man sieht ihren Namen gerade mal im Vor- und Abspann auftauchen. Wer also ist eigentlich diese Frau?

Unser Treffpunkt ist eine ruhige Seitenstraße in Schmargendorf an einem Sonnabendmorgen. Vor einer Villa steigt Annette Hess aus einem Taxi. Sie trägt eine hellgraue Hose, ein hellblaues Hemd und eine dunkle Jacke mit Stickereien, die Rosen und einen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln zeigen. Sie hat das weiß getünchte, zweigeschossige Haus in der Heydenstraße als Start für unseren Spaziergang ausgesucht. Leni Riefenstahl, Hitlers Lieblingsfilmemacherin, ließ es Mitte der 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts für sich bauen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als ihr Förderer nicht mehr war, verkaufte sie es wieder. „Es gibt immer wieder Ansätze, einen Film über Leni Riefenstahl zu machen“, erzählt Annette Hess. „Ich habe auch schon mal ein Konzept dazu geschrieben.“ Doch – auch das kommt vor – die Autorin scheiterte. „Weil ich merkte, dass Leni Riefenstahl als Persönlichkeit nicht viel hergibt. Ihre politische Verantwortung hat sie bis zu ihrem Tod verdrängt und geleugnet. Sie hat nie den Bogen vom Saulus zum Paulus genommen. Und das brauche ich als Autorin – dass sich etwas bewegt in einem Leben.“

Frauen stehen oft im Mittelpunkt ihrer Filme. Die aufmüpfige Monika Schöllack in Ku’damm 56, gespielt von Sonja Gerhard. Die sich gegen die starre Männergesellschaft der 50er-Jahre auflehnende Elly Brauer (Christine Neubauer) in Die Holzbaronin. Oder Vera Kupfer (Anna Loos), die sich in Weißensee von ihrem Stasi-Mann loslöst und ihren eigenen politischen Weg im Widerstand zum DDR-System sucht. Starke Frauen also, ist es das, was sie als Protagonistinnen sucht? „Ich finde diese Bezeichnung immer so komplett unpassend. Man sagt ja auch nicht starke Männer. Eigentlich ist das eine chauvinistische Wortschöpfung.“

„Ich mag das unkomplizierte Miteinander in Berlin“

Vor 20 Jahren, meint sie, hätte sie so was noch nicht angemerkt. „Aber ich bin in den letzten Jahren zu einer Feministin geworden, denn ich habe mit Erschrecken festgestellt, dass Emanzipation kein Selbstläufer ist. Zum Beispiel sind nur 20 Prozent der Drehbuchautoren in Deutschland weiblich, genauso traurig sieht es bei der Regie aus.“

Wir laufen mittlerweile in Richtung Clayallee. In Berlin kennt sie sich aus, hat mehrere Jahre hier gelebt, bevor es sie in ein Dorf nach Niedersachsen zog. Doch sie ist immer wieder beruflich in der Stadt. „Ich mag die Toleranz, das unkomplizierte Miteinander, und mir gefällt der Ton, das Raue, Direkte, hier wird nicht lange rumgeeiert.“

Ihre Leidenschaft für den Film wurde im Teenager-Alter geweckt. Roman Polanskis Tanz der Vampire faszinierte sie, sie fand ihn komisch, aber auch ganz schön gruselig. Anfang der 90er-Jahre, mit Mitte 20, wollte sie selbst Regisseurin werden und bewarb sich an den Hochschulen in Berlin und Babelsberg. Bei beiden bekam sie eine Absage. Aber zwei Wochen vor Beginn des Semesters meldete sich Babelsberg noch einmal: Es wäre nun doch ein Platz frei, einer der Studenten war abgesprungen. Annette Hess, eigentlich im Urlaub, setzte sofort „alle Hebel in Bewegung, um nach Berlin zu kommen“. Dann wieder ein Anruf, ein sehr frustrierender, plötzlich hieß es nämlich: Wenn man einmal eine Ablehnung bekommen habe, könne man nicht doch noch angenommen werden. Hin und her. Immerhin, wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen, verschaffte man ihr ein einjähriges Praktikum beim SFB.

„Sie haben mich nicht einmal zur Prüfung eingeladen"

Es war nicht das, was sie sich vorgestellt hatte, aber ein Anfang. Sie schrieb Sketche für die Jugendsendung Moskito, ging für die Abendschau auf Tour und lernte so die Stadt kennen, die heute in vielen ihrer Filme im Mittelpunkt steht. Nach einem Jahr machte sie einen neuen Versuch an der Hochschule in Babelsberg, dachte, diesmal muss es doch klappen. Doch es kam eine Absage. „Sie haben mich nicht einmal zur Prüfung eingeladen.“ Hinterher erfuhr sie, dass der Professor, der sich im vergangenen Jahr noch für sie eingesetzt hatte, rausgeflogen war, weil er Stasi-Verbindungen hatte.

Wir nähern uns unserer zweiten Station, dem Brücke-Museum. Davor und am benachbarten Kunsthaus Dahlem entstehen jetzt die Fotos. Dann betreten wir auf ihren Wunsch das Brücke-Museum, auf den Spuren von Annette Hess’ Lieblingssänger. Während seiner Berliner Zeit von 1976 bis 1978 soll David Bowie, der ja selbst auch malte, oft hier gewesen sein. Vor allem die Bilder des Expressionisten Erich Heckel hätten ihn angezogen, ja inspirierten und beeinflussten seinen eigenen Stil.

Ein Aufseher bestätigt uns die Besuche des Sängers. Und Annette Hess, das Bowie-Groupie, fragt, was sich hier seitdem verändert habe. Kaum etwas, versichert der Aufseher, weder die Stühle, noch die Sitzbezüge. Bloß die Ausstellungen würden wechseln.

Während wir uns die Werke Heckels, Otto Muellers und Karl Schmidt-Rottluffs anschauen, erzählt sie von ihrer Mutter, die auch Malerin ist („eher expressiv, sehr farbig“) und eigenen Ambitionen („Ich wäre eine gegenständliche Malerin geworden, ich hätte auch mit meinen Bildern versucht, Geschichten zu erzählen“).

Da sie sich nun dem Wort verpflichtet hat, beschränkt sie ihre Liebe zur Malerei aufs Sammeln. Das aber ausgiebig. Allein 60 Bilder habe sie in ihrem Arbeitszimmer hängen, Petersburger Hängung, die meisten hat sie bei Ebay ersteigert. Es sind keine Werke von besonderem Wert, aber für Annette Hess bergen sie Geheimnisse, lösen Fantasien aus, inspirieren. „Oft sind auf ihnen Häuser zu sehen, städtisch, ländlich, mal steht ein Fahrrad daneben, mal eine Kastanie. Zum Beispiel eine Sonntagnachmittags-Stille auf dem Dorf: Wenn ich auf das Bild schaue, tauche ich in diese Welt und frage mich, wer wohnt in diesem Haus? Führen die eine glückliche Ehe? Wer kommt gleich um die Ecke? Der Hausfreund? Was ist am Montag auf dieser Kreuzung los? Parkt dann ein Polizeiwagen vor dem Haus?“

Sie brauche die Bilder, um sich Welten zu öffnen, sagt sie. So ist die Kunst an der Wand eigentlich Arbeitsmaterial. Schade nur, dass ihr Mann ihr gerade verboten hat, ihre Sammlung zu vergrößern. Anscheinend sind ein bisschen zu viele Bilder im Haus.

Neuverfilmung von "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"

Sie habe übrigens auch eine Original-Lithografie von David Bowie, erzählt sie. Zwei fliegende Untertassen seien darauf zu sehen. Aber eigentlich ist es mehr seine Musik, die sie begeistert. Die ist auch gerade Teil eines Filmprojekts, das sie verantwortet. Mit einer Crew junger Drehbuchautoren will sie einen Buch- und Filmklassiker neu fürs Fernsehen verfilmen: „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Die Biografie von Christiane Felscherinow, die in den ­70ern tief in das Berliner Drogenmilieu abrutschte, rührte Millionen in aller Welt. Bowies Musik – vor allem sein Song „Heroes“, den er in Berlin aufgenommen hatte – ist mit dem Schicksal Christiane F.s verknüpft. Dabei hatte Bowie, selbst drogenabhängig, versucht, in seiner Berliner Zeit clean zu werden.

Nun soll er in einer Anfangssequenz der Neuverfilmung auftauchen. Doch wer spielt den im Januar 2016 verstorbenen Musiker, der vielen als einmalig erscheint? „Unser Produzent Oliver Berben hat erzählt, dass man inzwischen mit Hologrammen von verstorbenen Künstlern arbeiten könnte. Ich glaube aber, dass man ihn schon besetzen muss, man sieht ihn vielleicht aber nur von hinten oder hört nur seine Stimme.“

Wird aber die Geschichte von Christiane F., die 1981 fürs Kino verfilmt worden ist, heute eine ähnliche Resonanz haben wie vor 40 Jahren? „Allein unsere Projektankündigung“, sagt Hess, „hat jede Menge Reaktionen hervorgerufen. Da bin ich sicher, dass die Serie viele Zuschauer haben wird.“ Aber was soll sie an der Geschichte ansprechen? Auch heute, argumentiert Hess, würden junge Leute nach Zugehörigkeit suchen. „Christiane F. wollte unbedingt zu den Coolen in der Disco gehören.“ Und was damals Drogensucht war, trete heute als Optimierungssucht auf: „Die jungen Leute, die in Fitnessstudios gehen, sich operieren lassen oder nicht selten auch mit Drogen zum Master durchpeitschen, darin liegt ebenfalls eine selbstzerstörerische Maßlosigkeit.“

Hess glaubt an ihre Projekte, und mittlerweile tun es auch andere in der Branche. „Weil Weißensee und Ku’damm 56 gut gelaufen sind, stoße ich bei Redakteuren und Produzenten mit neuen Ideen auf offene Ohren. Und inzwischen gebe ich meine Geschichten mit dem Drehbuch auch nicht mehr aus der Hand, sondern betreue sie bis zur Premiere als Showrunnerin mit. Ich möchte sichergehen, dass der Film, den ich beim Schreiben sehe, am Ende auch auf dem Bildschirm erscheint.“

Wir sind auf dem Weg zur letzten Station unseres Spaziergangs: das Grab Harald Juhnkes auf dem Waldfriedhof Dahlem. Fast anderthalb Stunden sind wir bereits unterwegs. Annette Hess kommt nicht schnell aus der Puste. „Ich mache jeden Tag einen langen Spaziergang. Durch den Wald mit dem Hund. Das brauche ich, um den Kopf frei zu bekommen, wenn ich feststecke beim Schreiben.“

Eine rote Nelke für den verstorbenen Harald Juhnke

Am Friedhofseingang kauft sie eine rote Nelke. Über Juhnke würde sie auch mal gern einen Film machen. Es gebe auch schon einen Text. Er sei ein Unikum, „faszinierend – und dann mit seiner Alkoholkrankheit auch wieder sehr tragisch.“ Als er 1994 mit einer 18-Jährigen in eine Suite ins Hotel Interconti zog, lebte Annette Hess in Berlin. Was für ein Skandal! Die Stadt war aber wieder bereit, ihrem Harald zu verzeihen. Hess erinnert sich an die Titelseiten der Zeitungen: Komm zurück, Harald! Hör auf, Harald! „Das hat mich so berührt: Juhnkes Absturz und die Berliner, die daran so besorgt Anteil nahmen.“

Und nun stehen wir vor seinem Grab, sie legt die rote Nelke hin. Wir schauen auf den Stein, auf dem nur sein Name und seine Lebensdaten zu lesen sind. Dann entdecken wir hinten noch einen Spruch: „Der wahre Schauspieler ist von der unbändigen Lust getrieben, sich unaufhörlich in andere Menschen zu verwandeln, um in den anderen am Ende sich selbst zu entdecken.“

Annette Hess sagt: „Genau! Das kann man direkt auf Autoren übertragen. Nur dass der Autor sich in andere Menschen hineinversetzt. Ich jedenfalls.“ Ein drehbuchreifes Schlusswort.

Zur Person:

Anfänge: Annette Hess wird am 18. Januar 1967 in Hannover geboren. Ihre Mutter ist Malerin, ihr Vater arbeitet als Verbandsgeschäftsführer. Sie selbst will Regisseurin werden, bekommt aber an Hochschulen nur Absagen. Schließlich beschließt sie, Mitte der 90er-Jahre an der Universität der Künste „Szenisches Schreiben“ zu studieren.

Karriere: Ihr erstes Drehbuch, es ist ihre Abschlussarbeit an der UdK, ist Vorlage für den Film „Was nützt die Liebe in Gedanken“ (2004). Große Erfolge hat sie in den kommenden Jahren mit dem TV-Zweiteiler „Die Holzbaronin“, der Serie „Weißensee“ und zuletzt mit dem Dreiteiler „Ku’damm 56“, von dem gerade eine Fortsetzung gedreht wird. Hess wurde unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Privat: Hess lebt heute in dem niedersächsischen Dorf Dörpe. Sie hat zwei Töchter.

Spaziergang: Treffpunkt war die ehemalige Villa Leni Riefenstahls in der Heydenstraße in Schmargendorf. Das Brücke-Museum am Bussardsteig 9 in Dahlem war die nächste Station unseres Spaziergang. Von dort liefen wir die Clayallee hinunter, bogen am Hüttenweg ab, zum Waldfriedhof Dahlem. Dort besuchten wir das Grab von Harald Juhnke.

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