Berliner Spaziergang mit Marianne Rosenberg

Sie gehört zu uns

Am Ende wird sie gehen und einen großen Eindruck hinterlassen, diese kleine Person. Inklusive High Heels, die sie angeblich immer trägt, dürfte sie gerade mal einssechzig groß sein. Aber zurück zum Anfang.

Treffpunkt ist die Orangerie am Charlottenburger Schloss. Es ist sonnig und kalt: Marianne Rosenberg, rote Lederjacke, viel Make-up, sorgsam geföhntes Haar, sitzt bei Kaffee und Zigarette draußen und wartet schon. Seit vier Jahrzehnten ist sie die Schlagersängerin Deutschlands. Sie ist "Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür ..." und "Marleen, eine von uns beiden muss nun gehen ...". Genau genommen ist sie ein lebender Ohrwurm.

Den Treffpunkt hat sie gewählt, weil sie in der Nähe wohnt. Im Charlottenburger Schlosspark gehe sie oft spazieren, mit Baron, einer Riesenschnauzer-Wolfshund-Dalmatiner-Mischung. Es gibt diese hübsche kleine Brücke mit rotem Geländer, hinten am See, die sie mag und zu der wir uns jetzt aufmachen. Hier, im Schatten der schmalen Alleen, ist schon die eine oder andere Idee zu einem Song entstanden. "Wenn ich spazieren gehe, habe ich die ganze Zeit Musik im Ohr", sagt sie. "Songs, die ich betexten möchte, werde ich tagelang nicht los. Ich baue dann lauter kleine Brücken zwischen Wort und Ton, ich kann nicht damit aufhören, ich muss es tun. Wie essen, trinken oder schlafen. Das hat etwas Faszinierendes und etwas Quälendes zugleich." Musik und Leben der Marianne Rosenberg sind eins.

Eine Alternative zum Musikerleben gab es für sie nie. Schon mit fünf, sechs Jahren trat sie in Berliner Kneipen auf, in die ihr Vater sie mitnahm. Er liebte den Gesang seiner Tochter, er erinnerte ihn an seine Mutter, die auf Festen gern Volkslieder vorgetragen hatte. Der Vater habe oft geweint, wenn sein Mädchen sang.

Otto Rosenberg war als Jugendlicher in das Zwangslager Marzahn gekommen, das die Nazis "Berlin-Marzahn Rastplatz" nannten und in das sie in den Jahren 1936 bis 1943 Sinti und Roma einsperrten. Von dort aus wurden er und seine Familie in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. "Als einer der wenigen hat er überlebt", erzählt Marianne Rosenberg nun, als wir auf der roten Brücke im Schlosspark ankommen. "Mein Vater hat elf Geschwister gelassen und seine ganzen Verwandten. Alle sind ermordet worden." Auch die Mutter, an die seine Tochter ihn später so oft erinnerte.

Unter uns glänzt das Wasser, in dem sich wellig die Herbstbäume spiegeln. "Geschwister gelassen", der Ausdruck irritiert. Doch vielleicht war es tatsächlich so, Otto Rosenberg wurden die Geschwister genommen, er musste die Toten und die Erinnerungen an sie nach seiner Befreiung zurücklassen. Vielleicht hatte er später das Gefühl, sie verlassen zu haben.

Otto Rosenberg wurde dann Tanzmusiker und war lange Jahre Vorsitzender des Landesverbandes deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg. Mittlerweile ist Marianne Rosenbergs große Schwester Petra seine Nachfolgerin. Zeit seines Lebens hatte sich der Vater für die Anerkennung der Nazi-Verbrechen an den Sinti und Roma eingesetzt. Sein Schicksal prägte nach dem Krieg das Leben der Familie. Marianne Rosenbergs Geschichte ist ohne die Geschichte ihres Vaters nicht zu erzählen. Otto Rosenberg starb vor zehn Jahren.

Kriegserlebnisse prägten Kindheit

Einen kurzen Moment lang ist nur das leise Plätschern des Wassers unter uns zu hören. Wir gehen weiter. Allein und nicht einmal 18 Jahre alt war Otto Rosenberg bei seiner Befreiung. "Sein ganzes Leben lang blieb die Frage: Warum ich?", sagt Marianne Rosenberg. Ihre Kindheit war geprägt von diesen Erlebnissen des Vaters, natürlich. "Man wusste das alles früh, als Kind dieser Familie." Die Verbrechen, die Entbehrungen. Man sei dankbar gewesen für das Glück, das man hatte. Die Möglichkeit, essen zu können, musizieren zu können. Leben zu können.

Der Vater sei sehr fürsorglich gewesen. Otto und Christel Rosenberg bekamen sieben Kinder, Marianne war das dritte. Heute denke sie, "dass hinter dem einen oder anderen Verbot, das mein Vater aussprach, dass ich nicht verreisen durfte und so etwas, dass dahinter die Angst vor weiteren Verlusten stand." Es passieren schreckliche Dinge, und der Mensch lebt trotzdem weiter, sagt sie, so sei der Mensch eben angelegt. Aber Auschwitz - "das bedeutet, dass man die Hölle überlebt hat. Wie soll man das verarbeiten?" Abgesehen von dem Schmerz, der nicht aufhörte, ließ auch die politische Aufarbeitung auf sich warten. Nach dem Krieg gab es keine Lobby, die sich für die Sinti und Roma, für Wiedergutmachung stark machte. "Man hatte sie befreit, aber niemand half ihnen", sagt Marianne Rosenberg. Ihre Stimme klingt jetzt hart. Der Vater organisierte das Engagement selbst. Er selbst verzichtete auf Wiedergutmachung, nachdem es hieß, man müsste für die nötigen Beweise seine Mutter exhumieren.

Jahrelang habe er um seine deutsche Staatsbürgerschaft gekämpft, die ihm von den Nazis entzogen worden war. Die Verunsicherung saß offenbar tief. Seiner Tochter riet er, ihre Herkunft besser zu verschweigen. Das führte zum Teil zu absurden Situationen und Missverständnissen: Bei einem Wettbewerb in Rio de Janeiro etwa, Marianne Rosenberg war 15 Jahre alt, saß Paul Simon in der Jury, ein US-Musiker und Nachkomme ungarischer Juden. Noch vor ihrem Auftritt gab er ihr, der Vertreterin Deutschlands, null Punkte.

Marianne Rosenberg klärte das nicht auf. Sie will sich nicht erklären. Sie ist eine Berliner Sinteza. Tochter eines Auschwitz-Überlebenden. Aufgewachsen in Berlin wie andere Kinder auch. Gesegnet mit Talent und Zielstrebigkeit.

Doch es gab sie, die Momente, in denen sie sich plötzlich anders fühlte als Gleichaltrige, ausgeschlossen. In der Schule beschimpfte sie mal jemand als "Zigeunerin". Trotzdem - insgesamt sei ihre Kindheit eine sehr schöne, eine behütete gewesen. In Britz besuchte sie die Grundschule, in Reinickendorf und Steglitz die Oberschule. Nicht selten musste die Familie umziehen, weil die Wohnung zu klein wurde. Marianne Rosenberg erinnert sich an lange Tafeln, an denen gemeinsam gegessen wurde, "und immer viel gelacht - miteinander und auch übereinander".

Im Sommer fuhren die Kinder mit dem Vater, der gern angelte, an die Berliner Seen. Sie verbrachten glückliche Tage dort, abends wurde der Fisch zu Hause gebraten. Weihnachten durfte immer eines der Kinder den Christbaum schmücken - "und so sah er dann auch aus, je nach Alter und Stimmung desjenigen, der schmückte". Marianne Rosenberg lacht. Ein dunkles, herzliches Lachen.

Marianne Rosenberg verfolgte weiter ihr Ziel, Sängerin zu werden. Sie baute sich eine Bühne im Kinderzimmer und tat so, als sei sie Sängerin, eine wie Nana Mouskouri, die sie im Fernsehen gesehen hatte. Bei dem ersten Nachwuchswettbewerb, an dem sie teilnahm, wollte sie das Lied "Schöner fremder Mann" von Connie Francis vortragen, aber sie vergaß den Text. Bei einem der nächsten Auftritte machte sie es besser, gewann den ersten Platz und damit einen Schallplattenvertrag über ein halbes Jahr. Bald wurde ein Produzent auf sie aufmerksam und nahm mit ihr "Mister Paul McCartney" auf. Das war 1970, Marianne Rosenberg war 15 Jahre alt, noch Schülerin, aber schon in den Hitparaden und in der "Bravo". "So fing alles an", sagt sie. Wir spazieren an der Spree zurück in Richtung Schloss.

Eine ältere Dame kommt zögernd auf uns zu, fragt: "Sind Sie Marianne Rosenberg?" Die bejaht das, lächelt. Wir gehen weiter. Diese zierliche Frau ist eigentlich ein Phänomen. Seit 40 Jahren ist sie im Geschäft, so gut wie jeder, egal welchen Alters, kennt sie oder ihre Hits. Wenn sie so zurückblicke, sagt sie, sei es ein "langer Frauenkampf" gewesen. "Wie in vielen anderen Berufen auch, hatten bei mir meist Männer das Sagen. Ich habe viele Jahre dafür gekämpft, selbstbestimmt zu arbeiten." Einige der Kleider, die ihr die Produzenten auf den Leib schneiderten, hätten ihr irgendwann einfach nicht mehr gepasst. "Ich musste nach passenden musikalischen Gewändern für mich suchen und nach einer neuen Sprache."

Jetzt genieße sie es, die zu sein, die sie sein will - "und nicht das, was ich sein soll. Ich muss jetzt nicht mehr im Rahmen eines Bildes funktionieren und Tonträger herstellen." Tonträger herstellen. Verächtlich klingt das. Nach Fabrik, nicht nach Kreativität. Es war wohl die Zeit der Ohrwürmer, als Lieder für sie geschrieben wurden und Marianne Rosenberg damit in Radio- und Fernsehsendungen auftrat und durch die Konzerthallen tourte. Es war eine erfolgreiche Zeit. Aber: "Das hat nichts mit Musik zu tun." Sie sieht jetzt ärgerlich aus. Das Laub raschelt unter unseren Schritten.

Der musikalische Wendepunkt kam in den Achtzigern. Sie hatte nicht mehr weiter gewusst und war nach Fresenhagen gefahren, zu den Mitgliedern der Band Ton Steine Scherben um Sänger Rio Reiser, die sich im beschaulichen Nordfriesland auf einem Bauernhof eingerichtet hatten. Das Haus war damals Treffpunkt linker Intellektueller und Künstler, man diskutierte über Musik und Politik. Die spätere Grünen-Politikerin Claudia Roth etwa war als Managerin der Band oft dort.

Mitglied der Hausbesetzerszene

Marianne Rosenberg war mitten drin in dieser Mischung aus künstlerischem Chaos und Aufbruchstimmung. Es waren auch die Jahre, in denen sie auf Anti-Rassismus-Konzerten spielte, auf Demonstrationen gegen Atomkraft ging, der Hausbesetzerszene angehörte und ihren Frauenkampf austrug - und sie lernte Michael Klöckner kennen, der die linke Zeitschrift "Radikal" herausgab und mit dem sie bis heute zusammenlebt. Seit mehr als 20 Jahren sind die beiden nun zusammen, haben einen 19-jährigen Sohn. Über ihn möchte Marianne Rosenberg nichts erzählen, nur, dass er "die beste Produktion ist, die ich jemals gemacht habe in meinem Leben".

Damals, in den Achtzigern, habe sie die Sprache von Rio Reiser toll gefunden, sagt sie. Sie habe ihm von den nicht mehr passenden Gewändern erzählt, von ihren Träumen. Er habe sie ermutigt, ihr eigenes Ding zu machen, selbst Texte zu schreiben, auf das eigene Talent zu vertrauen.

Heute ist Marianne Rosenberg selbstbewusst. Sie weiß, was sie will und was sie kann. Für ihr neues Album "Regenrhythmus" hat sie alle Songs selbst geschrieben. Das Album hat es auf Platz 29 der Media Control Charts geschafft. Das ist gar nicht mal schlecht, auch wenn es nicht vergleichbar ist mit dem Erfolg ihres 1976er Albums "Lieder der Nacht", das mit den großen Hits "Er gehört zu mir" und "Marleen" 18 Wochen lang auf Platz 18 war. In Zukunft würde Sie gern auch mal andere Frauen produzieren. Sie sagt: "Ich glaube, ich kann da eine Menge geben." Sie nickt, wie um dieser Aussage noch mehr Gewicht zu geben.

Auf die Frage, welcher der persönlichste Song ihres neuen Albums ist, denkt sie nicht lange nach: ",Genau entgegengesetzt'. Obwohl er das Leben von vielen behandelt, unser aller Leben: den Umgang mit diesem Planeten." Marianne Rosenberg, die Ex-Hausbesetzerin, die auf High Heels durchs Leben geht, erklärt ihren Blick auf die Welt. "Fortschritt ist nicht immer Fortschritt, sondern, im Gegenteil, kann auch Rückschritt sein. Wenn der Profit wichtiger wird als der Mensch." Es reiche nicht, "die Hälfte der AKWs mal eben abzustellen. Wo soll der ganze radioaktive Müll hin?" Sie spricht von der Gier der Menschen, von den begrenzten Ressourcen und vorgegaukelter Sicherheit. Ihre Stimme wird wieder lauter. Das Thema liegt ihr am Herzen, das spürt man. "Und deshalb ist die Richtung, in die wir gehen sollten, genau entgegengesetzt." Ein Plädoyer zur Umkehr. Marianne Rosenberg, eine Umweltschützerin mit Mission, die es seit 40 Jahren in der Glitzerwelt des Pops aushält. Die ganz und gar nicht das Klischee der oberflächlichen Heile-Welt-Schlagertussi erfüllt, das manche ihrer Songtexte und Fotos wachrufen.

Wir sind zurück am Schloss. Es war ein langes, ein schönes Gespräch. Marianne Rosenberg möchte sich noch einmal hinsetzen, vor die Orangerie, eine Zigarette rauchen. Und einfach nur dem Wind lauschen.