Berliner Spaziergang

Der Unbestechliche

Unsere Autorin Uta Keseling im Gespräch mit Werner Brinkmann

Der Mann, mit dem ich über Matratzen, Digitalkameras und Frischkäse reden soll, trägt einen grauen Dreireiher, Krawatte und Hornbrille. Unsere Themen werden nachher auch Billigflieger und Handcremes gegen Altersflecken sein, denke ich, während er sich einen hellen Mantel überwirft und einen karierten Schal umlegt. Fast schon frühlingshaft sieht er aus, als wüsste er mehr als ich. Draußen hängen Winterwolken am Himmel. Er setzt eine Schiebermütze auf.

Nein, dieser Mann ist nicht Sherlock Holmes. Sondern Werner Brinkmann, Vorstand der Stiftung Warentest. Insgesamt sind es 34 Jahre, die ihn mittlerweile mit der Stiftung verbinden, mit dem Prüfen, Empfehlen oder gnadenlosen Verurteilen von Dingen des täglichen Lebens. Werner Brinkmann, 62, ist das Gesicht der Stiftung Warentest.

Der Herr der Tester. Ich erwarte, dass er jetzt eine Lupe zückt. Oder mir wenigstens erklärt, wie man es wagen kann, eine Zeitschrift mit einer derart furiosen Themenmischung an die Kioske zu bringen: Billigflieger, Frischkäse, Altersflecken. Das sind die Titelstorys des aktuellen "Test"-Heftes, es ist gerade erschienen und wird sich wie immer rund 530 000 Mal verkaufen.

Doch Brinkmann deutet aus dem Fenster, wir stehen im sechsten Stock der Stiftung Warentest am Lützowplatz: "Die Siegessäule, wollen wir da hin?" Er schaut über den Platz, der in seiner zugigen Hässlichkeit viel über die Irrungen der Vorwendezeit erzählt. Die Stiftung hat ihren Sitz an der einzigen schönen, weil historischen Ecke des Platzes. Gen Norden ragt inzwischen der gläserne Winkel der CDU hervor, dahinter reihen sich die neuen Botschaften ein, von Ferne leuchtet Viktoria. Ja, der Engel der Siegessäule blendet sogar, weil sich gerade die Sonne hervorgestohlen hat. Urplötzlich, als habe selbst das Wetter Angst vor einem alles vernichtenden "Mangelhaft!" der Stiftung Warentest.

Erkennt ihn denn keiner?

Das Wetter gehört zu dem Wenigen, das Brinkmanns 280 Mitarbeiter noch nicht haben testen lassen. Wobei unter den rund 80 000 bewerteten Produkten der vergangenen 45 Jahre noch weit ätherischere waren - Horoskope zum Beispiel.

Also Sonne. Manchmal, sagt Dr. Brinkmann bescheiden, mache er mittags eine kleine Runde zum Landwehrkanal, vorbei am Hotel Esplanade und dem Bauhaus-Archiv. Spazierengehen lüfte den Menschen und seine Gedanken.

Laut einer Umfrage kennen 96 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland die Stiftung Warentest, ein Drittel folgt ihren Empfehlungen, die Stiftung gilt sogar als vertrauenswürdiger als das Rote Kreuz. Umgekehrt fürchten die meisten Hersteller nichts mehr als eine vernichtende Kritik in "Test". Ein schlechter Test kann Hunderttausende Euro Einbuße bedeuten, viele Discounter räumen inzwischen negativ getestete Waren rigoros aus den Regalen. Hasst ihn niemand? Erkennt ihn keiner? Kann Herr Brinkmann einfach so spazieren gehen?

Ja. Außer den Kellnern im "Einstein" um die Ecke und dem einen oder anderen Politiker spreche ihn selten jemand an, sagt er. Seine Stiftung legt zwar die Finger in offene Wunden der Warenwelt, aber sie tut es mit Charme. "Fünf bis zehnmal im Jahr werden wir dennoch verklagt", sagt Brinkmann, und es klingt eine gewisse Zufriedenheit mit. Er setzt hinzu: "Wir gewinnen ja meistens". Das kommt ihm so nebenbei über die Lippen, während wir auf die Siegessäule zustreben.

Legendär war der Sieg gegen Uschi Glas. Die Stiftung hatte eine Handcreme der Schauspielerin 2004 als mangelhaft bewertet, "Hautnah", so hieß das Produkt, die Presse weidete sich genüsslich am zwei Jahre währenden Streit vor Gericht. Zuletzt hieß es: "Uschi Glas - angeschmiert!", Stiftung Warentest hatte gewonnen. Brinkmann ist von derlei Häme weit entfernt. 2006 zog "Kaiser" Franz Beckenbauer gegen die Stiftung zu Felde, die vier WM-Stadien die "rote Karte" gezeigt hatte: Das "Heer der Besserwisser und Wichtigtuer" solle doch bitte bei seinen Staubsaugern bleiben, wetterte Beckenbauer. Die Stiftung reagierte gelassen: Man habe eben rechtzeitig vor Gefahren warnen wollen. Lediglich die sportliche Formulierung "rote Karte" bedauerte man später ein wenig. Momentan streiten sich die Stiftungs-Juristen mit einer Andechser Molkerei, deren Butter negativ bewertet worden war. Es geht um Milchsäurebakterien und Keime, in erster Instanz hat die Molkerei gewonnen, Brinkmann will beim nächsten Gerichtstermin mit dabei sein, kündigt er an.

Wir sind inzwischen am chinesischen Kulturzentrum vorbeigekommen. Eine Ecke weiter halten uns zwei junge Frauen bedruckte Blätter hin: "Es geht um Tibet". Brinkmann greift zu. Die Veranstaltung findet in einer Kirche statt, entnimmt er dem Flugblatt und sieht etwas ratlos aus: "Jemand ist mit dem Mountainbike durch Tibet gefahren". Er faltet den Zettel, ohne sich ein abschließendes Urteil zu bilden. So erwartet man das.

Werner Brinkmann ist Jurist, promoviert hat er 1975 über Verbraucherschutz, "passenderweise wurde bei der Stiftung Warentest gerade eine Stelle ausgeschrieben, die ich natürlich gern haben wollte", sagt er, und fügt hinzu: "Obwohl die Stiftung in Berlin war". Einen Moment befürchte ich, Viktoria könnte als Racheengel von der Siegessäule zu uns herabsteigen. Aber Brinkmann hat keine Probleme mit offenen Worten und verletzten Eitelkeiten. Berlin habe ihm nicht gefallen, damals, "wegen der vielen Grenzkontrollen, man konnte ja auch nicht ins Umland fahren". Das ist sachlich und kurz und klingt wie: Note Ausreichend, wenn überhaupt. So hat er es aber nicht gesagt.

Zeit für die Frischkäse-Frage

Aufgewachsen ist Brinkmann in Hamm in Westfalen, studiert hat er in Freiburg und Münster. Bedrückend, so habe er die geteilte Stadt damals empfunden. 1979 zog er zurück nach Westen, nach Köln. Von dort muss wohl sein besonderes L stammen, ein L wie Liebe zu Köln, wenn er davon spricht. Er wurde Leiter der Hauptabteilung Personal beim Deutschlandfunk und blieb 13 Jahre. Der Kontakt zu den Warentestern riss dennoch nicht ab, Anfang der 80er-Jahre wurde er ins Kuratorium berufen. 1992 kehrte er dann doch nach Berlin zurück. "Ohne die Wiedervereinigung hätte ich das wohl nicht gemacht", sagt er.

Brinkmann wohnte in den 70er-Jahren nahe an seinem Arbeitsplatz, inzwischen lebt er mit Frau und Sohn im eigenen Haus in Zehlendorf. Zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen dort zählt etwas ganz und gar Verbraucherfernes: Spazierengehen. "Man kann dabei die Gedanken des Tages sortieren".

Im Tiergarten schweigen die kahlen Bäume, als wir zu den wirklich wichtigen Themen kommen. Es fällt schwer, sich den gesetzten Herrn Brinkmann als typischen "Verbraucher" vorzustellen, als ratlosen Panikkäufer am Kühlregal, als Verführten im Elektromarkt oder als Hobbyhandwerker.

Es wird jetzt Zeit, die Frischkäse-Frage zu stellen. "Herr Brinkmann - 25 Sorten Käse im Test: Machen Sie da selbst mit?" Er lächelt. Sein Alltag sei unspektakulärer, meint er. Theoretisch könne er zwar an "sensorischen Prüfungen" teilnehmen, also Laien-Verkostungen von Nahrungsmitteln, bei denen festgestellt werden soll, wie es schmeckt. Aber er macht es nicht. Die fachlichen Tests werden an Labore und Institute vergeben. "Die wissenschaftliche Seite der Tests fasziniert mich, es ist toll, was wir heute alles prüfen lassen können." Sein Vorgänger sei Physiker gewesen, sagt er, auch Ingenieure seien gut geeignet für seinen Beruf.

Die Produkte werden von Test-Käufern verdeckt im Handel erworben. Als Vorstand begleite er die wissenschaftliche Arbeit im Haus und die Veröffentlichung der beiden Zeitschriften "Test" und "Finanztest". Von deren Verkaufserlös lebt die Stiftung hauptsächlich. Zusätzlich gibt es sechs Millionen Zuschuss vom Staat, weitere Einnahmen kommen über die Tests im Internet und den Verkauf von Fachbüchern.

Die Stiftung ist sparsam. Die getesteten Geräte werden versteigert, "mangelhafte Produkte verschrotten wir", sagt Brinkmann, "zum Beispiel die Kinderlaufhilfen", vierrädrige Fahrzeuge für Kleinkinder, die darin unkontrolliert herumsausten, bis es krachte. "Diese Dinger waren wirklich gefährlich, damals haben wir sämtliche Testgeräte entsorgt". Auch vor manchen Kindersitzen im Auto hat die Stiftung Warentest schon eindringlich gewarnt. 1972 gingen die Tester sogar auf die Straße, es war die Zeit, als alles und jedes per Demo ausgetragen wurde. Dennoch, die Kinderwagendemo sorgte für Aufsehen: Statt Babys transportierten sie große Schilder mit ihren erschreckenden Test-Ergebnissen.

1964 beschloss die Bundesregierung die Gründung der Stiftung Warentest, gegen große Widerstände aus der Wirtschaft, die der Meinung war, der freie Markt brauche keine Zensoren. Zu den schönsten Verdiensten der Stiftung, sagt Brinkmann, gehöre, "dass die Produkte in Deutschland inzwischen viel besser und sicherer geworden sind." Wenn man Werner Brinkmann zuhört, bekommt nicht nur seine Stiftung historische Dimensionen, sondern auch seltsamste Gebrauchsgegenstände. Zum Beispiel jenes Reizstromgerät, das in den 70er-Jahren als Schlankmacher angepriesen wurde. "Wir waren überzeugt, dass es unwirksam war und haben gegen den Hersteller vor Gericht trotzdem verloren". Der Streit ging um die technische Durchführung des Testes, nicht um das Gerät an sich. Darüber kann er sich bis heute ärgern. Wie auch über den einzigen wirklichen Patzer, den sich die Tester leisteten: Die falsch berechneten Riesterrenten-Versicherungen. Der Fehler wurde sofort berichtigt, dennoch war der Imageschaden da. "Wir haben daraus gelernt", sagt er knapp.

Gut und Böse in Tabellenform

So, und nun die zweite heikle Frage. Bestechung, Bedrohung, Beeinflussung - ist das in 45 Jahren nie vorgekommen? Brinkmann sagt: "Nein". Pause. "Das würde gar nicht gehen", fährt er fort, "da müssten ja mehrere Personen gleichzeitig beeinflusst werden, die Tester, die Redakteure, die Verifizierer, das Prüfinstitut".

Er muss bei dieser Versicherung nicht unbestechlich gucken. Man glaubt ihm, wenn man die "Test"-Zeitschriften sieht. Keine Anzeige wirbt, kein wie zufällig platzierter Markenname gibt Anlass zu Zweifeln. Das Billigflieger-Flugzeug auf der aktuellen Titelseite wirkt so neutral, dass man es fast übersieht.

Die skurrile Mischung der Hefte ist dabei Programm. Brinkmann nennt es das "Bauchladen-Prinzip". Für jeden soll etwas dabei sein, denn die Leser sind gleichermaßen Männer wie Frauen, wenn auch zunehmend im fortgeschrittenen Alter. Auch Brinkmanns 14-jähriger Sohn, "liest das Heft nur, wenn es um Handys, Laptops oder DVD-Player geht", sagt der Vater. Zur Mischung gehört Service: Seit Heft 1 im Jahr 1966 gibt es als Dreingabe ein Rezept. Damals war es "Eierbier", anzurühren mit einem - getesteten - Rührstab. Das aktuelle Heft empfiehlt Spinatsuppe, zubereitet mit - natürlich - Frischkäse.

Dass die Lektüre von Frischkäsetests, Digitalkamera-Vergleichen und Sterbegeldtabellen lustvoll sein kann, hat der amerikanische Schriftsteller John Updike mit seinem Serienhelden "Rabbit" gezeigt. Der verliert sich in "Consumers Report", der amerikanischen Version von "Test" - in der Welt, in der Gut und Böse in Tabellenform getrennt sind.

Wir sind inzwischen an den Lützowplatz zurückgekehrt und haben den sechsten Stock zu Fuß erklommen - der Bewegung halber. Brinkmann greift sich im Vorübergehen einen Zeitungsartikel vom Tisch der Pressesprecherin: "Kaffeeverband gegen Warentest" lautet die Zeile. Der Text hat genau jenen eingeschnappten Ton, den sie hier mögen. Man könne die großen Kaffeeröster nicht einfach mit den Kleinen vergleichen, heißt es darin, die damit werben, dass ihre Bohnen unter fairen Bedingungen angebaut werden. "Genau das machen wir aber", bekräftigt Brinkmann. Die soziale Verantwortung der Hersteller gehöre zu den wichtigen Kriterien der Verbraucher beim Kauf. Also fragt auch Stiftung Warentest bei mehreren Tests im Jahr danach. "Denn wer soll das sonst tun, wenn nicht wir?", sagt Brinkmann, und lächelt jetzt doch fast ein bisschen - nun ja, detektivisch.

Werner Brinkmann, geboren 1946 in Hamm (Westfalen), studierte Rechtswissenschaften in Freiburg und Münster und promovierte 1975 in Münster mit einer Arbeit über die Verbraucherorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland. 1975 bis 1979 war er zum ersten Mal bei der Stiftung Warentest in Berlin beschäftigt, zuletzt als Leiter der Abteilung Verwaltung und Recht und als stellvertretender Vorstand. 1979 bis 1992 war er Leiter der Hauptabteilung Personal und Recht beim Deutschlandfunk in Köln, ab 1981 wurde er ins Kuratoriums der Stiftung Warentest berufen, in deren Vorstand 1992. Seit 1995 ist er alleiniger Vorstand. Brinkmann ist zudem seit 1995 Mitglied im Präsidium des Deutschen Institutes für Normung (DIN). 2000 wurde ihm der B.A.U.M.-Umweltpreis verliehen. Er ist nicht parteipolitisch aktiv. Werner Brinkmann ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Berlin-Zehlendorf.

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