Charlottenburg

Nach tödlichem Unfall: Mahnwache in Charlottenburg

Ein Geländewagen hat auf der Caprivibrücke einen Radfahrer erfasst. Aktivisten veranstalten am Donnerstag eine Mahnwache.

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Berlin. In Charlottenburg hat sich am Dienstagabend um kurz nach 19 Uhr ein schwerer Unfall ereignet. Wie die Polizei mitteilte, fuhr ein 18-Jähriger mit einem hochmotorisierten Mercedes-Geländewagen auf der Caprivibrücke in Richtung Sömmeringstraße. Dabei stieß er mit einem ebenfalls auf der Brücke fahrenden 36 Jahre alten Radfahrer zusammen. Nach ersten Erkenntnissen des Unfallermittlungsdienstes ist der Geländewagen-Fahrer vermutlich zu schnell gefahren.

Der Radfahrer wurde auf die Fahrbahn der Caprivibrücke geschleudert. Er erlitt bei dem Unfall schwere Verletzungen. Polizisten leiteten Reanimationsmaßnahmen ein, die von Rettungskräften fortgesetzt wurden - ohne Erfolg. Der 36-Jährige verstarb noch am Ort.

Radfahrer stirbt bei Unfall auf der Caprivibrücke: Mahnwache am Donnerstag

Fahrrad-Aktivisten haben am späten Donnerstagnachmittag mit einer Kundgebung und einer Fahrrad-Demonstration des getöteten Radfahrers gedacht. Etwa 60 Radfahrer waren bei strömenden Regen und heftigem Wind von der Möckernstraße in Kreuzberg zur Caprivibrücke nach Charlottenburg gefahren. Aufgerufen dazu hatte die Initiative Changing Cities und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC).

In Begleitung von Polizeifahrzeugen trafen sie gegen etwa 17 Uhr an dem Unfallort ein. Die Polizei sperrte die Wintersteinstraße am Richard-Wagner-Platz ab, aus der Gegenrichtung standen an der Kreuzung Sömmeringstraße und Kaiserin-Augusta-Allee Polizeifahrzeuge. Autofahrer im Berufsverkehr suchten sich ihren Weg durch die angrenzenden Seitenstraßen, was dort zu zahlreichen Staus führte.

Im Rahmen der Mahnwache ab 17.30 Uhr kritisierte ein Sprecher die "völlig verfehlte Verkehrspolitik des Senats" und forderte zu einem Umdenken auf. "Mit der Demonstration fordert der ADFC, dass die Verwaltung von Land und Bezirken die Verkehrsinfrastruktur noch stärker an der #VisionZero ausrichtet." Ziel des Mobilitätsgesetzes ist, dass sich im Berliner Stadtgebiet keine Verkehrsunfälle mit schweren Personenschäden ereignen.

Mit einem gemeinsamen Klingeln aller Fahrradklingeln und einer Schweigeminute wurde anschließend auf der Brücke dem toten Fahrradfahrer gedacht. Zum Abschluss der Veranstaltung stellten Mitglieder beider Initiativen ein weißes Geisterfahrrad auf der Caprivibrücke auf und schlossen es an einen Lichtermast. Auf einem laminierten Blatt Papier ist ein schwarzes Grabkreuz gedruckt und der Text: „Radfahrer 36 Jahre 17.11.2020“. Um das Fahrrad legten Trauernde viele Blumen und zündeten Kerzen an.

Gegen 18.30 wurde die Straße wieder freigegeben, die Mahnwache war beendet.

Tödlicher Unfall in Charlottenburg: Autofahrer leistete erste Hilfe

Ersthelfer am Dienstagabend war der 22 Jahre alte Autofahrer Ensar A. Er war unterwegs in Richtung Wedding, als er den Verletzten sah. „Ich war genau um 19.36 Uhr an der Unfallstelle und habe den verletzten Mann auf der Straße liegen sehen. Ich habe sofort angehalten und Erste Hilfe geleistet“, sagte A. „Ich war früher bei der Jugendfeuerwehr und konnte mich glücklicherweise noch an einige Rettungsmaßnahmen erinnern. Der Mann hat sehr stark am Kopf geblutet und hatte einen sehr schwachen Puls und eine schwache Atmung.“

Laut Augenzeugen stand der Geländewagen in Richtung Kaiserin-Augusta-Allee bereits hinter der Brücke, während der Radfahrer in der Mitte der Brücke auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Radschutzstreifen lag. Wegen der Rettungsmaßnahmen und der Unfallaufnahme blieb die Caprivibrücke bis etwa 3.15 Uhr gesperrt.

Mercedes-Geländewagen ist auf eine Firma zugelassen

Der 18 Jahre alte Fahrer ist nicht der Halter des Geländewagens. Das Fahrzeug ist auf eine Firma zugelassen. Der Mercedes-Geländewagen wurde von der Polizei sichergestellt. Bei der Mercedes G-Klasse handelt es sich nicht um einen SUV. Es ist ein klassischer Geländewagen. Laut Angaben von Mercedes mit einer Motorleistung ab knapp 300 PS bis zu 600 PS (Preis ab 99.000 Euro aufwärts).

Eine Karte zeigt, wo sich der tödliche Unfall in Charlottenburg ereignet hat.

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Anwohner der Caprivibrücke: Rennstrecke für stark motorisierte Autos

Wie Anwohner berichten, werden die Wintersteinstraße, die Caprivibrücke und die Sömmeringstraße abends und in der Nacht gern als Rennstrecke für stark motorisierte Autos genutzt. Vom Richard-Wagner-Platz aus in Richtung Kaiserin-Augusta-Allee und auch in der Gegenrichtung können Autofahrer nahezu ungehindert rasen, da es sich bei dem Straßenzug um eine Vorfahrtsstraße handelt. Besonders auf dem ersten Abschnitt vom Richard-Wagner-Platz bis über die Brücke würden Auto- und Motorradfahrer richtig Gas geben, erzählen Anwohner der Straße. "Obwohl hier vor einigen Jahren Radschutzstreifen eingerichtet worden sind, fahre ich lieber auf dem Bürgersteig", sagte eine Radfahrerin am Dienstagabend an der Unfallstelle. "Es ist mir viel zu gefährlich, wenn die Autos hier lang rasen."

Und auch die erst vor etwa zwei Jahren eingerichteten Fußgängerüberwege mit Zebrastreifen an den Kreuzungen Sömmeringstraße und Quedlinburger Straße und an der Kreuzung Nordhauser Straße hätten nach Meinung von Passanten und Anwohnern wenig für die Sicherheit gebracht. "Tagsüber achten die meisten Autofahrer auf die Zebrastreifen, aber abends und in der Nacht bei leeren Straßen bremsen sie nicht mal ab", sagte eine Anwohnerin, die von ihrem Balkon aus auf die Kreuzung Nordhauser Straße blicken kann. "Die brettern da einfach rüber. Mich wundert es, dass nicht schon längst mehr passiert ist."