250 Kilo-Sprengsatz

Bombe am Roten Rathaus entschärft: "Alles lief problemlos"

In Mitte wurde bei Bauarbeiten eine Weltkriegsbombe gefunden. Während der Entschärfung war der Fernsehturm gesperrt. Es kam zu Staus.

Experten vom Kampfmittelräumdienst bereiten die Entschärfung einer deutschen Weltkriegsbombe mit russischem Zünder in Berlin-Mitte vor.

Experten vom Kampfmittelräumdienst bereiten die Entschärfung einer deutschen Weltkriegsbombe mit russischem Zünder in Berlin-Mitte vor.

Foto: dpa

  • Eine Weltkriegsbombe ist am Dienstag während Bauarbeiten in Berlin-Mitte entdeckt worden. Das Rote Rathaus wurde am Nachmittag evakuiert. Auch der Fernsehturm wurde geschlossen.
  • Die 250-Kilogramm-Bombe wurde in der Nacht zu Mittwoch um 0.13 Uhr erfolgreich entschärft.
  • Um die Bombe wurde zuvor ein innerer Sperrkreis mit einem Radius von 300 Metern eingerichtet. Es kam zu Verkehrsbehinderungen am Alexanderplatz. Es bildeten sich lange Staus.
  • Busse wurden umgeleitet. S-Bahnen und Straßenbahnen hielten nicht mehr am Alexanderplatz. U-Bahnen fuhren am Bahnhof Klosterstraße durch.
  • Rund 1900 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Das Rathaus Mitte diente als Notunterkunft.

Berlin. Touristen standen unglücklich vor dem geschlossenen Berliner Fernsehturm, der Regierende Bürgermeister musste das Rathaus schließen, und Familien hockten nachts in Notunterkünften statt in ihrer Wohnung. Die Entschärfung einer 250 Kilogramm schweren Weltkriegsbombe wirbelte am Dienstag den Feierabend vieler Menschen rund um den Alexanderplatz im Zentrum der Hauptstadt durcheinander.

Doch die Entschärfung gelang: In der Nacht zu Mittwoch genau um 0.13 Uhr wurde die 250-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe des Roten Rathauses erfolgreich entschärft. "Alles lief problemlos", sagte eine Polizeisprecherin. Anschließend hoben die Behörden die Sperrungen rund um den Fundort auf.

Die Weltkriegsbombe war am Dienstagvormittag gegen 11.30 Uhr bei Bauarbeiten an der Ecke Gruner- und Jüdenstraße direkt am Roten Rathaus gefunden worden. Polizisten sperrten das Areal rund um den Fundort auf einer Baustelle am Alten Stadthaus ab. Der Sprengkörper war laut Polizei von deutscher Bauart, hatte aber einen „mechanischen russischen Zünder“.

Entweder war die Bombe von der sowjetischen Armee erbeutet worden. Oder sie wurde abgeworfen und explodierte nicht, so dass die Rote Armee einen neuen Zünder einbaute und sie wieder einsetzte.

Weltkriegsbombe in Mitte gefunden: Blindgänger wird im Grunewald kontrolliert gesprengt

Noch in der Nacht wurde die Weltkriegsbombe zu einem Sprengplatz im Grunewald gebracht. Dort werde der 250 Kilogramm schwere Blindgänger zu einem späteren Zeitpunkt kontrolliert endgültig gesprengt, teilte die Polizei am Mittwoch auf Twitter mit. Ein genauer Termin für die Sprengung stehe noch nicht fest, sagte ein Polizeisprecher.

Der Sprengplatz im Berliner Ortsteil Nikolassee liegt nahe der Autobahn 115 und ist nach Polizeiangaben der einzige Sprengplatz in Berlin. Ob die Sprengung auch Auswirkungen auf den Verkehr haben wird, richte sich nach Größe des Sperrkreises und sei noch nicht absehbar, erklärte der Sprecher.

Die Entschärfer mussten Schutzanzüge tragen, da die Bombe Pikrin enthielt und diese hochexplosive Chemikalie austrat.

Tausende Menschen mussten Sicherheitsbereich verlassen

Die Polizei zog einen Sperrkreis von 300 Metern. In diesem Gebiet leben rund 1900 Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten – darunter 80 Kinder und 400 Menschen über 65 Jahren. Wer nicht bei Freunden oder Verwandten unterkam, konnte ins Rathaus Mitte gehen. Der BVV-Saal und weitere Sitzungsräume wurden freigeräumt und dienten während der Evakuierung als Notunterkunft.

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Mit der Evakuierung der Wohnungen wurde gegen 17.30 Uhr begonnen. Bis die Bewohner ihre Wohnungen verlassen hatten, vergingen einige Stunden. Mit der Entschärfung der Bombe konnte erst gegen 23.45 Uhr begonnen werden. Die Vorhersage der Berliner Polizei, dass alle Menschen schon vor Mitternacht in ihre Wohnungen zurückkönnen, ging nicht ganz auf. Die Räumung der großen Sperrzone hatte länger gedauert als geplant. Die Entschärfung selber ging dann in 30 Minuten über die Bühne.

Rotes Rathaus, Hotel und Geschäfte in den Rathauspassagen von Evakuierung betroffen

Neben elf großen Mietshäusern, von denen einige im historischen Nikolaiviertel stehen, wurden auch zahlreiche Bürogebäude und das Rote Rathaus geschlossen. Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte eine Veranstaltung im Rathaus ab. Geschäfte in den Rathauspassagen waren ebenso von der Evakuierung betroffen wie ein Hotel. Von der Polizei hieß es, viele Behörden und öffentliche Gebäude im Sperrbereich hätten ihre Evakuierung bereits „selbstständig abgeschlossen“.

Auch der Fernsehturm wurde geschlossen. Ein Sprecher sagte, bis 17 Uhr hätten Gäste in Ruhe ihren Besuch beendet und niemand sei mehr nach oben gelassen worden. Einige Touristen, die zum Restaurant in der Kuppel wollten, standen abends unglücklich vor geschlossenen Türen. Besondere Probleme hatte eine sechsköpfige Reisegruppe aus Österreich wegen der Bombenentschärfung.

Zum 30. Geburtstag der Tochter hatte die Familie ein Drei-Gänge-Menü im Restaurant in der Kuppel des Fernsehturms gebucht. Kombiniert mit Tischreservierung, Besuch der Aussichtsetage und schnellem Einlass kostete das der Familie zufolge mehr als 500 Euro. Sie stand am Dienstagabend draußen am gesperrten Alexanderplatz und kam nicht in den Turm.

„Das Geld ist bestimmt weg, weil das als höhere Gewalt gilt“, sagte der Vater sorgenvoll, auch weil schon für Mittwoch die Abreise geplant war. Etwas entspannter sah es das Geburtstagskind: „Currywurst haben wir schon gegessen. Dann trinken wir jetzt ein paar Aperol.“

Bewohner des äußeren Sperrkreises konnten in Wohnungen bleiben

Die Bewohner des äußeren Sperrkreises von 300 bis 500 Metern konnten in ihren Wohnungen bleiben – dazu gehörten weitere Teile des Alexanderplatzes und der Fischerinsel. Unmittelbar während der Entschärfung durften die Bewohner sich aber nicht auf der Straße aufhalten. Außerdem waren sie dazu angehalten, zum Zeitpunkt der Entschärfung, von den Fenstern zurückzutreten.

Auf den Straßen kam es wegen der großen Sperrzone zu umfangreichen Verkehrsbehinderungen. Die Berliner Polizei forderte die Autofahrer auf, den Bereich um den Alexanderplatz zu umfahren. „Niemand in Berlin wünscht sich zum Feierabendverkehr die Entschärfung einer Weltkriegsbombe in Mitte“, twitterte die Polizei. „Bitte versuchen Sie heute einen weiten Umweg, oder Sie lassen das Auto stehen und fahren mit den Öffis nach Hause.“

S-Bahnverkehr am Alexanderplatz wurde unterbrochen

Der S-Bahnverkehr (S3, S5, S7, S9) wurde auf der Strecke über den Alexanderplatz unterbrochen. Straßenbahnen (M4/M5/M5) hielten nicht mehr, Busse (Linien 200 und 300) wurden umgeleitet. Die U-Bahnen der Linie 2 stoppten nicht mehr im Bahnhof Klosterstraße.

Im Sommer 2019 war nahe dem Alexanderplatz in Mitte eine 100 Kilo schwere Fliegerbombe unschädlich gemacht worden. Sie war bei Bauarbeiten auf einem Grundstück neben dem Kaufhaus Alexa aufgetaucht. Der Fernsehturm lag damals eigentlich außerhalb des Sperrkreises, seine Kugel in 200 Metern Höhe wurde jedoch hinzugenommen. Splitter könnten bei einer Detonation der Bombe bis dorthin fliegen, hieß es zur Erklärung. In der Kugel befindet sich unter anderem ein Restaurant. (mit dpa)