Potsdam

Entführte Sechsjährige: Mutmaßlicher Entführer schweigt

Der mutmaßliche Entführer des Mädchens ist bereits einschlägig polizeibekannt. Er sitzt in U-Haft und schweigt bislang.

Suchaktion nach vermisstem Mädchen aus Potsdam: Stunden später wurde das Kind entdeckt.

Suchaktion nach vermisstem Mädchen aus Potsdam: Stunden später wurde das Kind entdeckt.

Foto: Morris Pudwell

Potsdam. Der mutmaßliche Entführer des sechs Jahre alten Mädchens aus Potsdam ist der Polizei bereits bekannt. Er ist einschlägig vorbestraft, wie die Staatsanwaltschaft Potsdam am Mittwoch auf Nachfrage mitteilte.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, soll der Mann sich als 15-Jähriger an einem siebenjährigen Mädchen aus seiner Nachbarschaft vergangen habe. Petra T., die in einem Dorf bei Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) wohnt, sagte der Zeitung: „Als meine Tochter sieben Jahre alt war, ist sie von Willi sexuell missbraucht worden. Er war damals 15, Bianca kam völlig verstört nach Hause. Ich bin mit ihr zum Frauenarzt und dann zur Polizei.“

Sechsjähriges Mädchen aus Potsdam: Mutmaßlicher Entführer schweigt

Im Fall der sechsjährigen Potsdamerin wird gegen den 58-Jährigen wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs und der Freiheitsberaubung der Sechsjährigen ermittelt. Der Mann sitzt in Untersuchungshaft. Bislang habe er keine Aussage gemacht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Freitag.

Der 58-Jährige wird durch einen Anwalt vertreten. „Wir werden erst dann Angaben machen, wenn uns die ganze Akte vorliegt“, sagte Rechtsanwalt Thomas Arndt, der den 58-Jährigen vertritt. Dies sei nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft erst nächste Woche der Fall, da alle Ermittlungsmaßnahmen aus dieser Woche in der Akte enthalten sein müssten, sagte Arndt. Mit seinem Mandaten habe er bereits gesprochen.

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Sechsjähriges Mädchen entführt: Haftbefehl gegen 58-Jährigen erlassen

Das Amtsgericht Potsdam hatte am Montagnachmittag gegen den 58-jährigen Willi D. Haftbefehl erlassen. Der Vorwurf: Er soll die Sechsjährige, die am Sonnabend beim Einkaufen mit ihrem Vater in einem Möbelhaus in Potsdam verschwunden war, entführt und sexuell missbraucht haben.

Das Kind wurde offenbar über Nacht festgehalten und konnte sich dann aber selbst aus einem Haus befreien. Das Mädchen soll sich aus der Wohnung geschlichen und die Tür offen gelassen haben.

Polizistin entdeckte das Mädchen schließlich mehr als 20 Stunden später im Stadtteil Drewitz weinend – gut 900 Meter entfernt vom Ort, an dem sie zuletzt gesehen worden war. Eine Untersuchung der Sechsjährigen hatte ergeben, dass das Mädchen offenbar missbraucht wurde.

Täterbeschreibung des Kindes führt zu Festnahme

Aufgrund der Beschreibung des Mädchens konnten die Beamten später den 58-jährigen Deutschen Willi D. an der Hertha-Thiele-Straße festnehmen. Gegen den Mann ist am Montag Haftbefehl erlassen worden. Das Amtsgericht Potsdam folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Laut den "Potsdamer Neuesten Nachrichten" sollen sich Opfer und Täter gekannt haben. Willi D. soll ganz in der Nähe des Mädchens wohnen. In der Wohnung von Willi D. sollen die Beamte zahlreiche Schnapsflaschen gefunden haben. Bei seiner Festnahme soll der Mann zudem alkoholisiert gewesen sein.

Willi D. hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. „Er hat die Möglichkeit rechtlichen Gehörs erhalten, hat davon aber bislang keinen Gebrauch gemacht“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Markus Nolte, am Dienstag.

Mädchen verschwand plötzlich beim Einkaufen

Der Fall bewegt Potsdam. Was war passiert? Die sechsjährige wurde Sonnabend das letzte Mal gegen 15.30 Uhr von ihrem Vater gesehen. Er war mit drei weiteren Kindern, davon zwei im Kleinkindalter, im Porta-Möbelmarkt in Drewitz. Dort wollten sie zusammen mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoß.

Nach Angaben des Vaters war die Sechsjährige jedoch vorgelaufen und, ohne auf die anderen zu warten, allein mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren. Der Vater sah seine Tochter noch aus dem Fahrstuhl steigen und aus dem Ausgang gehen. Danach verlor er sie aus den Augen. Er lief mit den anderen Kindern zwar hinterher, konnte sie aber nicht mehr sehen. Auch eine Suche mit Bekannten blieb erfolglos.

Polizisten mit speziell ausgebildeten Hunden im Einsatz

Am Abend gab eine Bekannte dann eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf. Weil die Aussagen des Vaters glaubwürdig waren und die Polizei das Verschwinden des Kindes als sehr ungewöhnlich einschätzte, entschied sich die Behörde dazu, noch am frühen Abend alle verfügbaren Mittel einzusetzen, um das Kind zu finden.

Bereits am Abend streiften Beamte mit speziell ausgebildeten Hunden in dem Gebiet, wo das Mädchen verschwunden war. Auch ein Polizeihubschrauber ging in die Luft. Mit Unterstützung der Feuerwehr wurde der Möbel-Markt durchsucht, in dem die Sechsjährige vor ihrem Verschwinden unterwegs war.

Die Kriminalpolizei fuhr gemeinsam mit dem Vater alle bekannten Anlaufstellen des Mädchens an. Doch die Suche blieb erfolglos. Ein Polizeisprecher sagte, die Lage sei ernst. Normalerweise tauchten kleine Kinder, nach denen öffentlich gefahndet werde, schnell wieder auf. Das sei etwa der Fall, wenn sich ein Kind bei Verwandten aufhalte.

Die Suchaktion wurde am Sonntag ausgeweitet

Am Sonntag ging die Suche nach dem Mädchen weiter und wurde noch einmal verstärkt. Mitglieder einer Einsatzhundertschaft, die eigentlich dienstfrei hatten, wurden gerufen. Die Polizei weitete das Suchgebiet in Drewitz auf weitere Straßenzüge aus. Ein Polizeisprecher sagte der Berliner Morgenpost, dass neben Hunden auch eine Polizeidrohne im Einsatz sei.

Die Polizisten gingen in Hauseingänge sowie Keller und befragten die Anwohner. „Bei diesen Suchmaßnahmen fiel einem Suchteam der Bereitschaftspolizei ein Mädchen auf, welches auf dem Gehweg im Stadtteil Drewitz, nahe der Konrad-Wolf-Allee, saß und weinte“, hieß es in einer am Sonntag verbreiteten Pressemitteilung der Polizei.

Die Polizisten erkannten, dass es sich um die Sechsjährige handelte und nahmen sich ihrer an. Wenig später trat der Pressesprecher der Direktion West, Heiko Schmidt, vor die Presse und verkündete, dass eine Polizistin das Kind auf der Straße wiedererkannt und mit in den Einsatzwagen genommen habe.

Zeugen werden befragt, Videoaufnahmen werden ausgewertet

Besonders geschulte Kriminalistinnen befragten das Kind. Noch vor Ort und später auch in einem Krankenhaus wurde das Kind untersucht. Die Staatsanwaltschaft Potsdam leitete danach Ermittlungen zum Verdacht der Freiheitsberaubung ein und übernahm am Sonntag auch die Pressehoheit in dem Fall. Das ist immer dann so, wenn in einem Fall das mediale Interesse groß und die Informationslage dünn ist. Zuletzt war das etwa im Doppelmord von Forst der Fall.

Am Montag hieß es, dass der Mann„aus persönlichen Gründen“ noch nicht vernommen werden konnte. Was damit gemeint ist, ließ Staatsanwalt Nolte offen. Neben dem Missbrauchsvorwurf werde auch wegen Freiheitsberaubung ermittelt. Zu dem Verdächtigen sagen die Ermittler nicht mehr. Wie die „Märkische Allgemeine“ berichtete, wurde der Mann nur wenige Straßen entfernt von dem Ort, wo das Kind verschwunden war, festgenommen.

Dass Kinder und Jugendliche verschwinden und als vermisst gemeldet werden, ist nicht selten: laut einer privaten Hilfsorganisation 60.000 Mal im Jahr. Glücklicherweise tauchten sie in mehr als 99 Prozent aller Fälle wohlbehalten wieder auf.

Kinderschutz-Initiativen fordern, „Katwarn“ und „Nina“ zu nutzen

Der Fall der Sechsjährigen ruft nun Kinderschutz-Initiativen auf den Plan. Der Verein „Vermisste Kinder“ aus Hamburg fordert Warn- und Informationssysteme wie „Katwarn“ (Download für Android, Download für iPhone) und „Nina“ (Download für Android, Download für iPhone), die etwa bei außergewöhnlichen Wetterereignissen zum Einsatz kommen, auch bei der Suche nach vermissten Kindern einzusetzen.

Der Vorstand des Vereins, Lars Bruhns, sagte der Berliner Morgenpost: „Deutschland tut sich schwer damit, Apps wie Katwarn oder Nina nicht nur für Naturereignisse, sondern auch für polizeiliche Lagen zu nutzen. In dem Potsdamer Fall hat die Polizei sehr schnell reagiert, aber auf unterschiedlichen Kanälen“.

Warn-Apps erreichen 7,9 Millionen Bürger

Diese Warn-Apps können Bürger auf ihren Smartphones installieren. „Nina“ ist vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BBK) und „Katwarn“ vom Fraunhofer-Institut. Seit Februar dieses Jahres laufen auf beiden Systemen bereits die gleichen behördlichen Gefahrenmeldungen.

Beide Systeme erreichen derzeit ungefähr 7,9 Millionen Menschen in Deutschland. Perspektivisch sollen auch Vereinbarungen mit den Betreibern von Werbetafeln abgeschlossen werden, auf denen dann Warnmeldungen ausgespielt werden könnten.

Suche nach vermissten Kindern: Niederländische Polizei erreicht mehr Bürger

In den Niederlanden erreicht die Polizei mittlerweile zwei Drittel der Bevölkerung. „Sie kann Suchmeldungen zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr und an Bankautomaten ausspielen. Auch Polen ist da weiter als wir. Das Mädchen in Potsdam konnte sich selbst befreien. Vielleicht wäre sie aber auch eher entdeckt worden, wenn mehr Menschen von der Suchmeldung gewusst hätten“ so Bruhns weiter.

Vorbildlich sei in Deutschland die Polizei in Hessen, die „Katwarn“ seit 2017 einsetzt. „Wir müssen dahin kommen, dass die Polizei bei der Suche nach vermissten Kindern 90 Prozent der Menschen erreicht. Denn solche Fälle kommen sehr unverhofft. Man braucht also ein schnelles und präzises System. Wir dürfen nicht den nächsten Fall erst abwarten“, forderte Bruhns.

In dem Potsdamer Fall lagen zwischen Verschwinden und der ersten Suchmeldung der Polizei drei Stunden. Man können von Glück sprechen, dass der aktuelle Fall so ausgegangen sei. „Mit Mohamed und Elias gab es kürzlich erst zwei Fälle, da haben die Kinder das nicht überlebt“, sagte Bruhns. Er vereist auf eine Untersuchung aus den USA aus dem Jahr 2006, in der 800 Fälle von Kindesentführungen aus 30 Jahren untersucht wurden. In 76 Prozent der Fälle haben die Kinder die ersten drei Stunden der Entführung nicht überlebt, 88,5 Prozent keine 24 Stunden.

Erinnerungen an Fall „Mohamed“ werden wach

In Potsdam und Berlin denken viele Menschen mit Entsetzen an die Tötungen von Elias (6) und Mohamed (4) zurück. Die zwei Jungen wurden 2015 entführt: der eine in Potsdam-Schlaatz, der andere vor einer Flüchtlingsbehörde in Berlin. Der Täter lockte die Jungen an, missbrauchte sie und brachte sie um. Im Sommer 2016 wurde Silvio S. vom Landgericht Potsdam wegen Mordes und Kindesmissbrauchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Vor Gericht geht es gerade darum, ob er nach dieser Strafe in Sicherungsverwahrung kommt.

In Sachsen ermittelt die Polizei derzeit wegen einer versuchten Entführung. Am 11. April versuchte demnach ein Unbekannter in Mülsen, ein 13-jähriges Mädchen zu verschleppen. Der Mann soll die Schülerin morgens in einen Transporter gezerrt haben. Als der Wagen nach einigen Minuten hielt, wehrte sich das Mädchen der Polizei zufolge mit Schlägen und Tritten und konnte fliehen. Der Mann sei daraufhin weggefahren.

Fast sieben Wochen später hat die Polizei noch keine entscheidende Spur. Man habe mehr als 140 Hinweise bekommen und arbeite diese immer noch ab, sagt ein Sprecher am Montag auf dpa-Anfrage. „Wir gehen allen Hinweisen nach.“ Auch der Fahndungsaufruf mit einem Phantombild habe bisher keinen Erfolg erbracht.