Berlin-Neukölln

Autos von Buchhändler und Linken-Vorstand angezündet

Der Buchladen war bereits vor gut einem Jahr Ziel von Attacken. Der Kiez in Neukölln ist das Betätigungsfeld von Rechtsextremen.

Heinz J. Ostermann vor seiner Buchhandlung "Leporello"

Heinz J. Ostermann vor seiner Buchhandlung "Leporello"

Foto: Steffen Pletl

In der Nacht zu Donnerstag haben in Neukölln erneut Autos gebrannt. In beiden Fällen ermittelt der Staatsschutz. Ein Auto gehört einem Buchhändler, der schon häufiger das Ziel von Attacken war. Ein anderes Auto gehört einem Mitglied der Partei Die Linke.

Gegen 2.40 Uhr wurden Polizei und Feuerwehr in die Karl-Elsasser-Straße alarmiert, da dort Flammen aus einem abgestellten Peugeot schlugen. Die Feuerwehr löschte den Brand, das Fahrzeug wurde jedoch komplett zerstört. Der Wagen gehört nach Informationen der Berliner Morgenpost dem Buchhändler Heinz Ostermann, der schon häufiger Ziel von Attacken war.

Anwohner stellten später gegen 3 Uhr im Klettenweg Flammen an einem unter einem Carport stehenden Smart fest. Der 38-Jährige Fahrzeughalter versuchte bis zum Eintreffen der Feuerwehr mit einem Feuerlöscher den Brand zu bekämpfen. Auch hier brannte das Fahrzeug vollständig aus. Durch die Hitzeentwicklung wurde ein danebenstehender Mercedes eines 63-Jährigen beschädigt. Dieses Auto gehört nach Informationen der Berliner Morgenpost Ferat Kocak aus dem Bezirksvorstand der Linken in Neukölln.

Kocak teilte am Donnerstagmittag mit: „Heute Nacht gegen 3 Uhr haben Nazis einen Anschlag auf mich und meine Familie verübt. Ich schlief drei Meter vom Brand und wurde zum Glück vom hellen Feuer wach, sodass ich meine Eltern ins Freie geleiten konnte. Das war versuchter Mord und ein Anschlag auf die Vielfalt und Demokratie in Neukölln, Berlin und Deutschland.“ Die Polizei teilte mit, dass die Ermittlungen laufen und zu der Identität der Täter noch nichts bekannt sei.

Fast genau vor einem Jahr war der Laden von Buchhändler Ostermann das Ziel von Attacken. Unbekannte Täter hatten die Scheiben seines Geschäfts beschädigt und wenige Wochen später seinen Wagen angezündet. Seit Herbst 2016 spitzt sich die Lage in Neukölln zu. Linke Politiker, Gewerkschafter und Menschen, die sich gegen Rechte engagieren, werden immer wieder attackiert. Rechtsextreme Gruppen verbreiten regelmäßig entsprechende Feindeslisten im Internet.

2016 knapp 80 Straftaten von Rechtsextremisten in Neukölln

Schon im September 2016 hatten die „Freien Kräfte Berlin Neukölln“ eine entsprechende Karte mit linken Einrichtungen veröffentlicht. Auch ein evangelisches Zentrum war bereits Ziel der Attacken.

Mindestens seit 2016 wurden in Neukölln, aber auch in anderen Stadtteilen wie Wedding, Kreuzberg und Schöneberg Brandanschläge auf Autos oder Einrichtungen linker Initiativen verübt. Die Täter schlugen Fensterscheiben ein, riefen nachts an und beschmierten Hauswände. Vermutlich kamen sie aus der Szene der Rechtsextremisten und Neonazis. Nach einer Statistik des Senats wurden in Neukölln 2016 knapp 80 Straftaten von Rechtsextremisten registriert, darunter viele Propagandadelikte wie Parolen- und Hakenkreuz-Schmierereien.

Um den Tätern das Handwerk zu legen, richtete das Landeskriminalamt die Ermittlungsgruppe RESIN (Rechtsextremistische Straftaten in Neukölln) ein. Sie begann im Januar 2017 mit ihrer Arbeit. Daneben arbeitete schon länger immer wieder auch eine Einsatzgruppe REX (Rechtsextremismus) bei der Neuköllner Polizeidirektion 5. Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) stellte im vergangenen Jahr eine Broschüre mit Tipps vor, wie sich Betroffene besser schützen können. Empfohlen wurde, private Adressen zu schützen, die Wohnungstür abends zu verschließen oder bei Angriffen Hilfe zu holen.

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