Neukölln

U-Bahn-Treter: Polizei vernimmt Verdächtigen

Das Video von dem brutalen Tritt im U-Bahnhof Hermannstraße hatte für Aufsehen gesorgt. Jetzt wurde einer der Männer identifiziert .

Nach dem brutalen Übergriff auf eine arglose Frau im Neuköllner U-Bahnhof Hermannstraße ist einer der Beteiligten gefasst worden. Mit der Festnahme am Montag ist nach Ansicht der Polizei die Chance nun deutlich gestiegen, auch den Haupttäter ermitteln zu können. Die Festnahme eines der Beteiligten sei ein großer Schritt, so Polizeisprecher Winfried Wenzel. Dennoch sei abzuwarten, was die Befragung des Mannes ergeben werde. Sein Verhalten sei auch psychologisch interessant. Als Begleiter des Täters sei dem Mann zumindest unterlassene Hilfeleistung vorzuwerfen, so der Kriminaloberrat zur Morgenpost.

Die Attacke Ende Oktober hatte bundesweit erhebliches Aufsehen ausgelöst. Einen Tag nach der Veröffentlichung eines Überwachungsvideos der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), hatte die Polizei am Donnerstag vergangener Woche eine öffentliche Fahndung nach dem Täter und seinen Begleitern eingeleitet. Zunächst hielten sich die Aussichten für einen raschen Erfolg in Grenzen, bis Montagnachmittag waren lediglich zehn Hinweise zu den vier Gesuchten bei der Kriminalpolizei eingegangen. Und dies trotz der großen medialen Aufmerksamkeit und einer hohen Verbreitung des Videos in den sozialen Netzwerken.

Ein bekannter Unternehmer im Bereich Personenschutz zeigte sich von dem Übergriff persönlich betroffen. Michael Kuhr, der zahlreiche Prominente beschützt hatte, lobte öffentlich eine Belohnung in Höhe von 2000 Euro für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Täters führen würde. Die Tatsache, dass dabei plötzlich von einem "Kopfgeld" die Rede war, entzündete neue Diskussionen. Laut "Bild"-Zeitung hat ein weiterer Geschäftsmann anonym 5000 Euro Belohnung ausgelobt. Die gleiche Summe wolle er dem Opfer spenden, hieß es.

"Eine Belohnung auszuloben, ist keine Privatsache"

Für das Vorgehen Kuhrs und dessen Wortwahl gab es sowohl Kritik als auch Beifall. Berlins neuer Innensenator An­dr­e­as Geisel (SPD) ist jedoch skeptisch. Er erklärte am Montag: "Wir halten das Ausloben eines 'Kopfgeldes' für den falschen Weg. Eine Belohnung auszuloben, ist keine Privatangelegenheit, sondern alleinige Aufgabe des Rechtsstaats, in diesem Fall der Staatsanwaltschaft", sagte Geisels Sprecher Martin Pallgen.

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Auch die Polizei zeigte sich irritiert. "Ein Kopfgeld auszuloben geht gar nicht. Diese Begrifflichkeit ist tabu", sagte Polizeisprecher Wenzel. Es sei ausschließlich Aufgabe der Polizei, Straftäter zu überführen und festzunehmen. Bislang sei auch noch unklar, wie das Überwachungsvideo der BVG publik werden konnte, so Wenzel weiter. Von Amts wegen sei aber eine Strafanzeige aufgenommen worden. Es sei nicht auszuschließen, "dass das Video aus unseren Reihen weitergegeben wurde", räumte Wenzel ein. Die Berliner FDP äußerte Verständnis für Kuhrs Aktion. "Das Wort Kopfgeld hat natürlich immer einen gewissen Beigeschmack", so Holger Krestel, Sprecher für Recht und Verfassungsschutz der FDP-Fraktion. Wenn allerdings schon ein Unternehmer ein "Kopfgeld" aussetze, werde allerdings deutlich, dass der Senat dem Opferschutz viel zu wenig Bedeutung beimesse", erklärte Krestel weiter.

Personenschützer Michael Kuhr zeigte sich dessen ungeachtet erfreut über die neueste Entwicklung. "Ich bin happy, dass ein erster Erfolg zu verzeichnen ist", sagte Kuhr. Seine Aktion zeige, dass es möglich sei, mit Geld an Informationen zu kommen. "Soziale Netzwerke können bei der Aufklärung solcher Straftaten dienlich sein." Wenn der Hinweisgeber, der zur Festnahme des Begleiters führte, auch zum Täter führe, solle derjenige die versprochene Summe erhalten, fügte der 54-Jährige an.

Trotz der alarmierenden Bilder vom Angriff auf die 26-Jährige ist eines sicher. Die Häufigkeit von Körperverletzungen im öffentlichen Nahverkehr Berlins war zuletzt leicht gesunken. Nach BVG-Angaben kam es 2015 zu 2296 Fällen von Körperverletzungen. Im Jahr zuvor waren es 34 Fälle mehr gewesen. Im Jahr 2011 waren sogar 2834 Körperverletzungen in Bahnen und Bussen oder Bahnhöfen der BVG von der Polizei regis­triert worden.

Auch die Anzahl von Raubtaten sank im Zeitraum von 2011 von 598 Fällen auf 368 im vergangenen Jahr. Bei Sexual­delikten gab es 2015 eine Zunahme von 68 auf 73 Taten. Der Höchstwert der vergangenen zehn Jahre in diesem Bereich war 2009 mit insgesamt 103 Fällen erreicht worden.

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