Berliner Merkwürdigkeiten

Fassade ohne Haus

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Jörg Niendorf

Mischke, Hanelt, Meyer sind noch da. Zumindest die Namen auf dem Klingeltableau. Genauso gibt es in der Wand noch den hölzernen Rahmen des Hauseingangs. Allerdings ohne Tür. Überhaupt tritt man hier ins Nirgendwo.

Durch den Aufgang Menckenstraße Nummer 17 in Steglitz gelangt man nämlich nur auf einen Reichelt-Parkplatz. Hinter der Mauer ist - nichts. Auf einer Länge von 60, 70 Metern steht zwar noch die alte Hausfront entlang der Menckenstraße. Doch sie ist nur Kulisse. Nichts außer Mauer. Davor Bürgersteig, dahinter Parkplatz. Ein reichlich aufwendiger Illusionsbau ist das, könnte man meinen. Als hätte sich hier ein Stadtplaner lieber eine 20er Jahre-Hauswand als Aussicht gewünscht statt einen banalen freien Platz. Ganz so, wie absolutistische Herrscher einst idyllische Kulissen in ihre Parklandschaften setzen ließen.

Und tatsächlich: Völlig falsch ist das mit der Illusion nicht. In den Zwanziger Jahren entstanden in dieser Gegend südlich der S-Bahnstation Feuerbachstraße viele Genossenschaftsbauten, meistens im typisch expressionistischen Stil der Zeit. Nebenan wurde 1924 auch eine Großgarage für Autos gebaut. Deren lange und hohe Fassade sieht man bis heute. Sie musste sich damals im Stil einfach anpassen an die umliegenden Wohnhäuser. "Das war das erste Parkhaus in Deutschland", sagt Jörg Rüther, Leiter der Denkmalschutzbehörde in Steglitz-Zehlendorf. Ein Haus nur für Automobile, seinerzeit eine völlig neue Bauform, entstand hier also im Pelz eines Siedlungsbaus. Vorn, an der Ecke von Mencken- und Poschinger Straße, lebten die Parkhauswärter und Monteure in kleinen Wohnungen. Bis dorthin, bis zu ihren Türen und Briefkästen, reicht heute das Mauerrelikt. Früher war sogar die ganze Fläche, wo heute der Supermarkt und der Parkplatz liegen, umbaut und überdacht. Zuletzt nutzte ein Opel-Händler die fabrikhallenartige Anlage, dann verfiel sie ein Jahrzehnt lang. Schließlich kam der Reichelt-Markt. Wenigstens die alte Schmuckfassade musste aber stehen bleiben, schrieben der Bezirk und das Landesdenkmalamt vor.

Ein Baudenkmal und nichts dahinter. Das ist radikal, absolut reduziert und wohl auch einzigartig. Mittlerweile ist die sieben Meter hohe Wand restauriert, außen mit zackigem Ziegelschmuck, eben ganz Expressionismus. Und innen, auf der Parkplatzseite, wurde sie in frischem Ochsenblutrot gestrichen. Durch die stählernen Fensterrahmen zieht der Wind, so wie durch die hohlen Türöffnungen. Sonst ist alles täuschend echt, von der Straßenseite her glaubt man zunächst einmal nicht an einen Trick. Die "guten Bauformen", die schon vor 85 Jahren für diesen merkwürdigen Gebäudetyp als Auflage galten, wirken nach. Einige Anwohner, die zu Fuß zum Einkaufen gehen, benutzen auch gern den Hauseingang zu den früheren Portierwohnungen. So kommen sie schneller hinüber zu Reichelt. Einen kuriosen Schritt macht man über diese Schwelle: rein und raus gleichzeitig.

Besonders war die Garage vom ersten Tag an, denn sie hatte zwei Etagen und Platz für 175 Kraftwagen, wie Gustav Heun, ein Statiker aus dem benachbarten Stadtteil Friedenau, in einem Fachartikel schrieb. Derartige Parkhäuser, so Heun, würden "von nun an gewiss noch öfter zur Ausführung gelangen". Genau aus diesem Grunde befasste er sich auch eingehend mit baulichen Mängeln, die am Prototyp festgestellt wurden. Deckenrisse waren das, verursacht durch die Schwingungen, wenn Fahrzeuge über die Umfahrt auf dem oberen Deck rollten. Immerhin 80 Meter lang waren diese U-förmigen Wege auf jeder der beiden Parkebenen. Eine Rampe führte hinab in das drei Meter tiefe Untergeschoss, eine zweite hinauf zur anderen Parkebene, die einen Meter über dem Straßenland lag. Werkstätten gab es gleich neben den Zufahrtsrampen, auch Waschboxen und eine Tankstelle.

Ursprünglich ließ der Verein der Steglitzer Taxifahrer die Garage errichten, doch schnell stand sie allen Autobesitzern offen. Und ebenso rasant machte dieses Modell Karriere. In vielen Stadtteilen entstanden in den späten Zwanziger Jahren Garagenbauten, dann im ganz funktionalen Stil der Neuen Sachlichkeit und vor allem als viel selbstverständlichere Technik-Bauwerke mitten in den Geschäftsvierteln. Dort mussten sie sich nicht mehr so anpassen wie im Steglitzer Wohngebiet, sondern schossen in die Höhe. Der "Garagen-Palast" an der Kantstraße etwa wurde 1929 gebaut, mit Zapfsäulen und 300 Parkplätzen. Alles ist noch in Betrieb.