Berliner Merkwürdigkeit

Das Marshall-Haus

Ein lichter Saal mit einer schwebenden Freitreppe, verspielt geschwungen wie ein Nierentischchen: So kennen viele das Palais am Funkturm auf dem Charlottenburger Messegelände. Diese geballte, aber filigrane Eleganz von 1956 gilt oft als Inbegriff des Wirtschaftswunders.

Dabei liegt das echte Wunder auf der anderen Seite des Messegartens, gleich vis-à-vis. Im Marshall-Haus ist die Treppe nicht weniger schwungvoll, die Galerie nicht minder imposant. Hier schwebt sogar alles. Nur wusste davon kaum jemand. Erst vor kurzem ist dieses 50er-Jahre-Kleinod aus einer tiefen Versenkung wieder aufgetaucht. Jahrzehntelang war der Messepavillon nur ein Lagerhaus, eigentlich sollte er sogar abgerissen werden. Schließlich wurde er doch aufwendig saniert.

Und auf einmal gibt es nur noch ein großes Staunen: So schön können die sonst häufig verpönten Fünfzigerbauten sein. Mit einem Mal erkennt man auch die "Schnecke" wieder. In der Form dieses Kriechtiers wurde der verglaste Galerie-Flügel des Pavillons im Sommer 1950 im Auftrag der Amerikaner gebaut. Gleichzeitig steht der Bau auf Stelzen, als wäre er ein soeben gelandetes Raumschiff. Die Mission dieser eigenwilligen US-Schnecke war, den American Way of Life zu verkünden. Elektrische Geschirrspüler, Küchenmixer und Transistorradios wurden darin auf jährlichen Industrieausstellungen gezeigt. Aus Mitteln des Marshall-Plans wurde dieses Schaufenster der USA in West-Berlin finanziert, so erhielt es selbst auch den Namen des damaligen Außenministers.

"Das Lebensgefühl einer ganzen Epoche kristallisiert sich gleichsam in diesem einzigen Bau", sagt Adrian von Buttlar, Kunsthistoriker von der Technischen Universität. Der Professor, der seit langem eine Lanze für die Architektur der 50er- und 60er-Jahre bricht, ist Vorsitzender des Landesdenkmalrats. Mit diesem Gremium von Sachverständigen konnte er die Messegesellschaft vor einigen Jahren dazu bewegen, den damals ausrangierten Pavillon nicht, wie geplant, niederzureißen. "Das Marshall-Haus stellt ein für die Geschichte Berlins und der Bundesrepublik unverzichtbares Zeugnis der politischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten dar", protokollierte der Denkmalrat im Jahr 2003.

Mittlerweile ist daraus eine "Event-Location" geworden. So bewirbt die Messegesellschaft den wieder erweckten Pavillon. In nur vier Monaten ließ sich der Bau im vergangenen Jahr instand setzen und heraus putzen. Dabei mauserte sich der vermeintliche Schuppen derart, dass es vielen wie Schuppen von den Augen fiel. Und so verrottet, wie vorher behauptet, war er dann doch nicht. Messebesucher und -veranstalter mögen den Charme einer Clubatmosphäre, die filigranen Geländer und zarten Formen. Und den Überraschungseffekt. Wie vom Himmel gefallen erscheint dieses bauliche Unikum auf dem Messegelände.

Als echten Coup werten Adrian von Buttlar und sein Forschungsnetzwerk "denkmal!moderne" die Rettung. Gerade in diesem Bau zeige sich schließlich, wie stark die Einflüsse der klassischen Moderne auf die Architektur der unmittelbaren Nachkriegszeit waren. Bruno Grimmek, der später auch das Palais am Funkturm baute, wollte hier betonte Gegensätze schaffen zur "Ehrenhalle" der Messe aus der NS-Zeit. Er suchte sich andere Vorbilder. "Das Marshall-Haus lehnt sich an ein Pavillon-Modell von Walter Gropius aus dessen Zeit am Bauhaus an", sagt von Buttlar. Unter amerikanischem Einfluss konnte sich damit eine Vorkriegstradition der Architektur doch noch in Deutschland durchsetzen. Das war ein später Reimport von Ideen, ein Kulturtransfer, der sich gerade im Stadtbild von West-Berlin massiv niedergeschlagen hat.

Bekannt dafür sind unter anderem die ehemalige Kongresshalle im Tiergarten, die Amerika-Gedenkbibliothek oder der Henry-Ford-Bau an der Freien Universität. Viele solcher Traditionslinien kennen Wissenschaftler und Denkmalschützer mittlerweile, darauf beruht ihre Verteidigung der 50er-Jahre-Bauten. Vehement hatten sie sich auch für den Erhalt des Studentendorfs Schlachtensee eingesetzt. Ein Ort übrigens, der derzeit genauso bestaunt wird wie der Pavillon vom Messegelände. Die ersten Wohnhäuser des Studentendorfs sind denkmalgerecht saniert und wirken wie Musterhäuser von alten Bauhaus-Ideen.

Exakt hielt sich auch das Marshall-Haus an sein Vorbild. Wie es bei Gropius vorgesehen war, trug das Rondell des Messegebäudes ursprünglich ebenfalls einen hohen Fahnenmast mit vielen Wimpeln. Das zeigen Bilder von 1950, die die Architekturfotografin Mila Hacke aus dem Landesarchiv gesammelt hat. Mit alten Bilddokumenten und neuen Fotos hat Hacke eine Ausstellung zusammengestellt, die das Architekturerbe der USA in Berlin zeigt. Diese "Geschenke der Amerikaner", so der Titel der Schau, waren allesamt Beispiele für den Aufbruch in die Demokratie. Im Amerikahaus an der Hardenbergstraße ist die Ausstellung im Moment zu sehen. Am 4. Juni wird es ab 18 Uhr in einer begleitenden Ringvorlesung speziell um das Marshall-Haus gehen.

Die Ausstellung im Internet: www.geschenke-der-amerikaner.de

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