Interview

Christian Ulmen: „Carpe diem setzt mich total unter Stress“

Christian Ulmen über sein Krisenmanagement in Corona-Zeiten, kreatives Nichtstun und seinen neuen Animationsfilm „Ooops! 2““.

Christian Ulmen spricht in „Ooops!2“ den Nestrier Dave. Der Animationsfilm kommt an diesem Donnerstag in die Kinos.

Christian Ulmen spricht in „Ooops!2“ den Nestrier Dave. Der Animationsfilm kommt an diesem Donnerstag in die Kinos.

Foto: Soeren Stache / dpa

Die Nestrier sind zurück. In dem Animationsfilm „Ooops! 2 – Land in Sicht“ leiht Christian Ulmen zum zweiten Mal dem Fantasiewesen Dave seine Stimme. Der entdeckt eine geheime, scheinbar perfekte Kolonie seiner Artgenossen, während auf der Arche, wo er die anderen Tiere als Küchenchef verköstigen muss, langsam die Vorräte ausgehen und die Nerven blank liegen.

Eine Parallele zur Coronarealität der vergangenen Monate, die für Macher und Schauspieler während der Entstehung noch ganz undenkbar war. Christian Ulmen wurde in den 90er-Jahren als MTV-Moderator bekannt. Er ist „Tatort“-Kommissar und schreibt eigene Fernsehformate wie die Comedyserie „Jerks“. Der 45-Jährige lebt mit seiner Frau, Schauspielerin und Moderatorin Collin Ulmen-Fernandes, und der gemeinsamen Tochter in Potsdam. Aus einer früheren Beziehung hat er einen Sohn.

Nestrier sind in der Krise nützlich und nett. Wie lautet Ihre Strategie für schlechte Zeiten?

Christian Ulmen Ich habe keine. Wenn ich Kalender geschenkt bekomme, in denen Lebensweisheiten nachzulesen sind, schmeiße ich die weg. Ich fühle mich ohne diese Vorgaben zur Lebensmeisterung wohler. Carpe diem zum Beispiel. Das setzt mich total unter Stress. Den Tag nutzen müssen, das grenzt an Produktivitätsterror. Ich nutze den Tag auch mal gerne einfach gar nicht, dödele herum, vergeude Minuten im Internet oder unter der Dusche oder beides gleichzeitig. Und das sind dann witziger Weise immer die schöpferischsten Augenblicke.

Dann sind Sie mit dieser Einstellung vermutlich ganz gut durch die vergangenen Monate gekommen?

Absolut. Ich habe in der Coronazeit an „Jerks“ geschrieben. Da wird es ein Winterspecial geben. Und da ist es ganz wichtig, einfach nur dazusitzen und nichts tun und nicht in Panik zu verfallen, wenn man überhaupt keine Idee hat. David Lynch hat das einmal als „Ideen angeln“ beschrieben. Die Rute ins Wasser werfen und warten, bis die Forelle des Einfalls anbeißt. Das geht nur, wenn man den Tag nicht im klassischen Sinne „nutzt“, sondern einfach nur wartet. Und das ging in der Krise hervorragend.

Sie setzen sich dann einfach aufs Sofa und warten auf die Muse?

„Muse“ klingt natürlich furchtbar prätentiös. Was ich meine ist, dass man nicht in Panik verfallen soll, wenn nicht sofort die Ideen sprudeln, sondern darauf zu vertrauen, dass das Hirn wie der Magen einer Kuh permanent Zeugs wiederkäut und irgendwann etwas Herrliches aufstößt. Das ist wie mit der Darmentleerung: Nicht drücken! Das funktioniert von alleine. Mit Geduld und ohne Stress. Wenn man da noch die Steuererklärung im Hinterkopf hat oder ein schlechtes Gewissen, weil ein Tag auf der Hängematte als faul und nutzlos gilt, wird dieser kostbare Prozess gestört. Man muss sich erlauben, ganz ruhig am Weiher sitzen zu bleiben und das als Teil der Arbeit zu begreifen. Und wenn die Idee dann angebissen hat, dann gibt es kein Halten mehr.

Das Vertrauen, dass da etwas kommt, hatten Sie schon immer?

Nee, das musste ich auch erst lernen. Denn das ist genau das, was einen dann unruhig macht, wenn man fünf Stunden nur rumhängt und nichts passiert.

Wie sah im Hause Ulmen sonst die Quarantänezeit aus? War es eher notgedrungene Koexistenz wie auf der Arche? Oder Friede, Freude, Eierkuchen wie in der Kolonie?

Ich traue mich kaum, das zu sagen, weil es viele Menschen gibt, die Corona in gesundheitliche oder finanzielle Sorgen gestürzt hat – eine gute Bekannte von uns, jünger und gesünder als ich, kann seit ihrer Infektion im März nicht mehr ohne Rollator laufen und hat Herzrasen-Attacken. Aber die Wahrheit ist auch: Ich habe den Lockdown genossen. Plötzlich war es möglich, Dinge viel entspannter und sogar effizienter per Videokonferenz zu besprechen, statt irgendwo hinzufliegen, nur um jemandem von einer Idee zu erzählen. Wir haben Drehbücher per Zoom besprochen und sogar Vorstellungsgespräche für unsere Firma mit der Webcam gemacht. Ich hoffe, dass das so bleibt. Ich habe es geliebt, dass meine Kinder ständig zu Hause waren, weil sie nicht in die Schule mussten. Wir haben das Glück, dass wir den Raum haben, uns auch mal aus dem Weg zu gehen. Natürlich bin ich als Hypochonder ängstlich und war einer der Ersten, die eine Maske hatten. Aber den Rückzug habe ich wirklich sehr genossen.

Kochen war besonders in dieser Zeit ein gefragtes Talent. Wie sieht es da bei Ihnen aus? Hobbykoch oder eher mit ähnlichen Fähigkeiten wie Dave gesegnet?

Joa, mein Talent ist in einem sehr engen Rahmen gesteckt. Unsere Kinder sind glücklicherweise keine exorbitanten Gourmets. Sie überleben. Ich kann sie mit Nährstoffen versorgen.

Was ist Ihre Spezialität?

Meine Tochter behauptet, dass ich der beste Spiegeleibrater sei. Diese Überzeugung sitzt aus mir unerfindlichen Gründen so tief, dass die Wahrheit nicht dagegen ankommt. Bei mir brennen Spiegeleier nämlich grundsätzlich an. Ich weiß nicht, was ich falsch mache. Die Unterseite ist schon braun, während das Gelbe noch komplett flüssig ist. Und Wendespiegelei gefallen mir optisch nicht.

Was haben Sie gehamstert, damit die Vorräte nicht ausgehen?

Wir haben nicht gehamstert. Aber wir haben immer Vorräte. Ich kaufe grundsätzlich zu viel. Ich weiß nicht warum, aber ich denke im Supermarkt immer: Nimm halt noch ein Glas Nudelsoße mehr mit. Nur für den Fall. Das Klopapierthema habe ich überhaupt nicht verstanden. Ich habe allerdings auch eine Toilette mit einem Reinigungsstrahl. So eine Duschtoilette. Auch mit Föhn. Die ist im Übrigen viel reinlicher.

Wie viel Nestrier steckt in Ihnen? Sind Sie grundsätzlich ein positiver Mensch?

In den überwiegenden Stunden ja. Ich hoffe, dass ich noch an mir entdecke, unter Wasser atmen zu können. Oder dass ich eigentlich einer anderen Spezies angehöre, vielleicht von einem anderen Planeten stamme. Diese Hoffnung ist es, die wir aus dem Film mitnehmen.

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