Fernsehen

Schauspielerin Claudia Michelsen: „Ich bin neugierig“

Schauspielerin Claudia Michelsen über ihre Rolle in „Polizeiruf 110“, wichtige Veränderungen im Leben und Theaterspielen in der DDR.

Geht am 18. Februar im „Polizeiruf 110“ allein auf Verbrecherjagd: Claudia Michelsen.

Geht am 18. Februar im „Polizeiruf 110“ allein auf Verbrecherjagd: Claudia Michelsen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Frederic Kern/Geisler-Fotopress

Claudia Michelsen gehört zur Spitze deutscher Charakterdarsteller. Ob auf der Bühne, im Fernsehen oder im Kino – durch ihr tiefgründiges und einfühlsames Spiel verleiht sie ihren Rollen stets eindrucksvolle Präsenz.

Im Kino war sie in letzter Zeit in „Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm“ und dem Thriller „Das Ende der Wahrheit“ zu sehen. Im Fernsehen unter anderem in Uwe Tellkamps „Der Turm“, in der Nachkriegs-Trilogie „Ku’Damm ’56 und ’59“ („Ku’damm ’63“ sendet das ZDF im Frühjahr) und als Kommissarin Doreen Brasch im „Polizeiruf 110“.

In dieser erfolgreichen ARD-Krimi-Serie geht sie am 16. Februar zum ersten Mal in der neuen Folge „Totes Rennen“ allein auf Verbrecherjagd.

Sie haben zwei Folgen von „Polizeiruf 110“ mit Ihnen als Solo-Ermittlerin abgedreht. Welche neuen Möglichkeiten haben sich denn da ergeben?

So neu sind die Möglichkeiten gar nicht. Doreen Brasch war ja schon immer als einsame Reiterin konzipiert, die sich weder an Vorschriften noch an ein soziales Miteinander hält. Sie hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitswahn und kommt sozusagen im Sturzflug immer denen zu Hilfe, die in Not sind. Sie tastet sich nicht heran, sondern geht immer den kurzen, direkten und dadurch manchmal schmerzhafteren Weg.

Sie spielen die Hauptkommissarin Doreen Brasch seit sieben Jahren. Wie haben Sie in dieser Zeit die Figur verinnerlicht und weiterentwickelt?

Das Interessante ist, dass wir mit Brasch mal anders angefangen haben. Mein damaliger Kollege Sylvester Groth, der den Hauptkommissar Jochen Drexler spielte, war ähnlich wie Brasch eine sehr verschrobene, eigenwillige und großartige Figur. Und damals hat man diese beiden nicht sozialisierbaren Figuren aufeinander losgelassen. Herrlich war das. Als Sylvester dann leider aus der Reihe ausschied, kam Brasch damit natürlich in eine andere Position. Dann kam ein anderer Kollege für Brasch, nämlich Matthias Matschke als Dirk Köhler dazu - und auch dadurch veränderte sich Brasch wieder ein wenig. Es ist wie im Leben, manchmal ergänzt man sein Umfeld und vermeidet die Positionen, die andere schon besetzt haben. Wenn Einer laut ist, braucht der Andere nicht auch noch laut sein, man sucht sich die Lücke, ergänzt. Das ist spannend, was dadurch tatsächlich auch mit Brasch passiert ist. Irgendwie hab ich das Gefühl, sie hat dazu gelernt und tut es fortwährend. Aber sie wird natürlich nie eine Musterschülerin werden.

Können sich Menschen – sagen wir, jenseits der 25 Jahre – noch verändern? Oder sind die Charaktereigenschaften da schon so festgeschrieben, dass man sich nur noch an den Rändern ein wenig verändern kann?

Ich glaube fest daran, dass sich Menschen noch bis ins hohe Alter verändern können. Das ist zuerst einmal eine Entscheidung, ob man das möchte.

Wie haben Sie sich denn verändert? Durch glückliche Ereignisse? Durch Katastrophen? Oder ist das ein ständiger „work in progress“?

Ich denke, ich habe mich durch alles, was ich erlebt habe, verändert. Aber vielleicht nennen wir es lieber Bewegung, Entwicklung. Oft sind es auch Erlebnisse, die einem unbewusst einen anderen Horizont geben. Bewusste, gewünschte Veränderung geht ja nur durch Reflexion. Zu sehen, was will man oder was will man so nicht mehr, was möchte man verändern. Das Leben als beständiger Lernprozess. Wenn man dafür offen ist, kann man sich zu jeder Zeit verändern. Alles ist möglich. Da ist sie wieder die Entscheidung, die man treffen kann.

Sie sagten mal: „Die Schauspielerei ist eine Lebenserfahrung, die man geschenkt bekommt.“ Können Sie diesen Gedanken noch weiter ausführen?

Das Geschenk ist, dass man Reisen in andere Leben macht. Aber diese Leben auch wieder verlassen darf. Als Schauspielerin komme ich ja von außen in das Leben einer Figur hinein, wenn man das so sagen kann. Allein schon deshalb habe ich einen ganz anderen Blick darauf, als zum Beispiel auf mein eigenes Leben. Deshalb ist dieses Eintauchen in ein fremdes Leben auch immer fast schon eine Form von Therapie, wie ich finde. Weil man sehr genau sezieren oder beobachten kann, was in dem Leben derer, die man da besucht so los ist und warum jemand genauso ist wie er ist. Man muss wissen, warum und vor allem wie Figuren das tun, was sie da eben tun in den Geschichten. Dieses „Wie“ zu erzählen ist die Aufgabe von uns Schauspielern. Wie interpretiere ich diese Figur, und wie positioniere ich mich dazu? Und das ist ein Geschenk. Denn dadurch erhält man viele Momentaufnahmen aus anderen Leben. Und, ich glaube, diese nimmt man dann mit in seinen eigenen Lebensrucksack.

Hilft Ihnen dieses Eintauchen in fremde Leben ganz konkret in Ihrem eigenen Leben? Hilft es Ihnen zum Beispiel über Liebeskummer hinweg oder über den Tod eines geliebten Menschen?

Nein, ich glaube nicht. In den Tälern des Lebens, durch die wir alle immer mal wieder durch müssen, hilft einem kein Wissen über dies und das. Vielleicht mildert dieses Wissen schmerzhafte Gedanken und Gefühle ein wenig. Man muss sich mit dem eigenen Tal auseinandersetzen, ob man will oder nicht. Und im besten Falle kommt man stärker oder ein wenig weiser dabei heraus. Aber ich sage damit nicht, dass es einfach ist zu verlieren. Wir alle verlieren, immer wieder.

„Die Schauspielerei ist Handwerk“, sagten Sie mal. Ich finde, sie ist weit mehr als nur Handwerk. Eine gute Schauspielerin wie Sie beherrscht sicher ihr Handwerk, fügt dann aber noch viel mehr hinzu…

… jetzt werde ich rot… Natürlich brauchst du Talent und die Bereitschaft, den Leuten zuzugestehen, dass sie in einen hineinschauen dürfen. Wie weit mache ich die Tür zu meiner Seele auf? Aber auch das ist Handwerk! Das ist ja kein Zufall. Wenn man Theater spielt, oder auch beim Film, muss man genau im richtigen Moment auf dem Punkt sein. Da gehört natürlich Technik dazu, auch wenn man noch soviel Talent hat. Ich kann ja schlecht sagen: „Heute ist ein guter Tag zum ,In meine Seele schauen‘. Morgen ist nicht so gut.“ Im Prinzip geht es immer darum: Wie stelle ich das her? Das ist von Person zu Person dann unterschiedlich, weil es ja auch verschiedene Leben, verschiedene Seelen sind und es unterschiedlichste Methoden gibt. Aber ich weiß, was Sie meinen: dieses „Mehr“ ist dann vielleicht der nicht zu verortende Zauber, der da in einem stattfindet. Und trotzdem muss man wissen, wie man den mit seinem kleinen Zauberstab herstellt. Auch zaubern muss man lernen.

Das hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun. Wofür brennen Sie denn immer noch?

Ich bin neugierig. Auf alles! Ich bin neugierig auf die Welt, auf Menschen, auf meine Kinder. Ich bin neugierig, wenn ich ins Theater gehe, oder ins Kino oder in die Welt hinaus. Eben aufs Leben! Was mir da so begegnet. und auch darauf, was ich selbst so verursacht oder geschaffen habe. Wenn ich die Neugier verlieren würden, wäre das das Schlimmste. Das wäre wie tot sein, sterben.

Wie kommen Sie denn mit dem Älterwerden zurecht?

Ich empfinde das Älterwerden als einen Luxus, natürlich solange man gesund bleibt. Weil man sich mit bestimmten Dingen nicht mehr aufhält. Sondern sich fragt: „Ist mir das jetzt wirklich wichtig - oder nicht? Ist mir dieser Mensch wichtig? Möchte ich das wirklich tun? Zeit bekommt eine andere Bedeutung. Mit wem möchte man diese Lebenszeit verbringen und wie? Diese Erkenntnis hatte ich als junge Frau noch nicht. Das ist auch gut so, wie will man sonst losgehen und die Welt erobern. Alles fühlt sich doch an, als wär’s für ewig. Wunderbar.

Es ist doch auch ein Luxus, im Moment zu leben. Und nicht ständig darüber nachzudenken. Ist das Tun nicht der „Schaum der Tage“?

Natürlich ist es das, ein wunderbarer Luxus, wenn man das kann. Es gilt daran zu arbeiten und zu lernen mit den Dingen und sich selbst anders umzugehen. Bewusstseinsschule jeden Tag. Den Moment wirklich wahrnehmen zu können, ich musste das lernen und bin immer noch dabei. Aber es wird einfacher. In der ersten Lebenshälfte hat man vielleicht eher das Gefühl, man ist unsterblich. In der zweiten rutscht man natürlich näher an die Endlichkeit. Und dadurch sieht man klarer oder anders. Womit beschäftige ich mich noch? Bin ich wirklich dabei bei meinem eigenen Leben, oder laufe ich nur nebenher?

Wie sehr kann man sein Schicksal selbst bestimmen? Und wie sehr wird es einem zugemutet?

Ich glaube, dass man vieles selbst in die Hand nehmen kann. In meinem Leben sind viele wunderbare Dinge passiert, aber auch welche, auf die ich gerne verzichtet hätte. Aber auch diese Erfahrungen gehören dazu und verändern dich. Die Täler, von denen ich sprach. Auch sie sind wichtig.

Sind Sie eigentlich gläubig?

Ja, ich bin ein gläubiger Mensch. Aber ich kann nicht sagen, ich gehöre dieser bestimmten Religion an. Es gibt einen Gott, es gibt Energien. Eine sehr eigene Form von Gott, veränderbar und beweglich.

Sie sind in der DDR geboren und aufgewachsen. Wovon mussten Sie sich denn da in Ihren prägenden Jahren vor allem emanzipieren?

Zum Beispiel von diesem brutalen Atheismus. Es hat auch eine Weile gedauert, bis ich mir meine ganz persönliche, auch spirituelle Gedankenfreiheit erlauben konnte.

Das Theater in der DDR war wohl auch eine geschützte Zone, wo man anders sein konnte, oder?

Absolut. Ich studierte mit 16 Jahren schon an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin, und mit 19 wurde ich bereits an die Volksbühne in Berlin engagiert. Ich durfte mit Regisseuren wie Heiner Müller, Luc Bondy, Frank Castorf, Christoph Marthaler und Hans Kresnik arbeiten. Mein eigentlicher Impuls, warum ich damals ans Theater wollte, war ein politischer. Ich wollte dabei sein. Ich wollte etwas tun gegen dieses kranke System. Ich wollte etwas verändern. Und Theater war ein Treffpunkt zwischen Publikum und Künstlern, eine stille Verbindung durch Gedanken, die dort frei sein konnten.

Und 1989 kam dann die Wende.

Da war ich 20. Ich habe danach noch fünf Jahre Theater gespielt. Eine sehr wichtige und prägende Zeit für mich. Etwas Besseres hätte mir in dem Alter nicht passieren können. Aber das Theater ist eben nicht die Welt. Es ist eine wunderbare Welt, aber nicht die Welt. Das war für mich damals auch ein Grund, diese Welt zu verlassen. Mein Traum, schon als junges Mädchen war immer Paris. Paris war das Ziel.

Sie sind aber nie nach Paris. Was war passiert?

Ja, die Liebe. Ich bin meinem ersten Ehemann begegnet und ihm nach Amerika gefolgt. Diese Jahre waren sehr wichtig für mich. Den Horizont Theater und DDR zu verlassen, war sehr heilsam auf vielen Ebenen. Allein der Umgangston war ein anderer. Das Land war spürbar im Aufbruch damals während der Clinton Ära. Außerdem glaube ich, ist es immer wieder gut, einen Schritt rauszutreten aus dem gewohnten Kosmos und von außen auf das zu schauen, was man hinter sich lässt und was man später ganz anders umarmen und wertschätzen kann.

Sie sind aber nach Deutschland zurückgekehrt. Und das hatte sich inzwischen sehr verändert: Rechtsruck, Fremdenfeindlichkeit…

Ja, ich verstehe was Sie meinen, aber ich finde, wir sollten diesen negativen Tendenzen nicht immer so eine große Plattform geben. Das finde ich wirklich gefährlich. Es gibt ja auch große Gegenbewegungen. Es ist doch auch Aufgabe der Medien, darüber zu berichten, dass es viele Leute gibt, die sagen: „Nein, das werden wir nicht zulassen!“ Und wir werden das nicht zulassen. Die Frage ist doch, warum gibt es in ganz Europa diese Tendenzen? Was ist da versäumt worden? Und was wird noch alles versäumt?

Sie engagieren sich seit Jahren für das christliche Kinder- und Jugendwerk „Die Arche“.

Ja, das ist mir sehr wichtig. Die Menschen, die dort jeden Tag arbeiten, sind meine Helden. Es ist unfassbar, wieviel tausende Kinder sie jeden Tag von der Straße holen. Das ist praktizierte Nächstenliebe. Die Arche gibt es schon seit 25 Jahren…was großartig ist, aber traurig ist eben auch, dass der Zulauf in den Archen beständig wächst, dass der Staat es immer noch nicht als eine Notwendigkeit ansieht, dass System zu überdenken, das System von Hartz IV und Co., es nicht als eine Notwendigkeit ansieht, Hilfsbedürftige zu unterstützen und den Kindern damit wirklich zu helfen. Wieviel wird denn tatsächlich in unsere Kinder und deren Bildung investiert in einem reichen Land wie unserem? Und was entsteht aus diesem Ungleichgewicht? Aus dieser Hilflosigkeit? Wut? Hass?

Wie sieht denn ein Tag in Ihrem Leben aus, an dem Sie nicht arbeiten?

Der sieht aus wie der Tag einer Mutter, die noch eine Tochter zuhause hat und sich um sie kümmert. Und dann vielleicht noch ein bisschen Zeit hat, um sich anderen wunderbaren Dingen zu widmen.

Wie lautet denn Ihre Philosophie in einer Nussschale?

„Jetzt!“ Das klingt fast schon abgedroschen, weil es in aller Munde ist. Aber eigentlich kann man es nicht oft genug sagen und es wirklich praktizieren zu lernen, ist ein Weg auch für mich.

Trotzdem die Frage: Was machen Sie denn, wenn das Jetzt schlecht ist?

Tolle Frage! Ja, das ist der Lernprozess. Mit allem umzugehen, was einem begegnet und letztendlich auch diese Dinge als Chance, als Lehrstunde zu begreifen. Man darf sich immer wieder entscheiden, ob man Opfer in seinem Leben sein möchte oder nicht. Die Entscheidung ist der erste Schritt.

Können Sie leicht vergeben?

Das übe ich noch. Aber eigentlich kann ich das schon ganz gut.

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