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Andrea Sawatzki: „50 hört sich nach Halbzeit an“

Statt einer Midlife-Crisis erfand sich Andrea Sawatzki ein Roman-Alter-Ego. Jetzt ist sie wieder als Gundula Bundschuh im ZDF zu sehen.

Schauspielerin Andrea Sawatzki am Set für den „Familie Bundschuh“-Weihnachtsfilm 2020.

Schauspielerin Andrea Sawatzki am Set für den „Familie Bundschuh“-Weihnachtsfilm 2020.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Berlin. Morgens um zehn in Schmöckwitz am Rande Berlins. Das Haus der Familie Bundschuh liegt noch im Dornröschenschlaf. Wohnwagen vor der Tür künden jedoch von einem langen Drehtag, den Andrea Sawatzki und Axel Milberg vor sich haben. Für das ZDF entsteht hier bereits der fünfte Teil der Filmreihe für Weihnachten 2020. Noch bevor Nummer vier, „Familie Bundschuh – Wir machen Abitur“, am 16. Dezember (20.15 Uhr) ausgestrahlt wird.

Es ist der erste Tag in diesem Winter, in dem sich der Frost auf den Bäumen und Autoscheiben auch nach Sonnenaufgang noch hartnäckig hält. Andrea Sawatzki, Hauptdarstellerin der Gundula Bundschuh und Autorin der Romanvorlagen, stapft in warmen Stiefeln ins Wohnzimmer ihrer Filmfamilie und erzählt über schwierige Filmhunde, das Schreiben gegen die Angst vor dem Älterwerden und Parallelen zu ihrem Leben mit Ehemann Christian Berkel.

Sie drehen aktuell bereits den Bundschuh-Film für 2020. Erstmals ohne eine Romanvorlage von Ihnen ...

Andrea Sawatzki: Das ZDF hat sich relativ kurzfristig noch einen Weihnachtsfilm gewünscht und da komme ich mit dem Schreiben einfach nicht hinterher. Wenn die Quote dieses Jahr gut ist, soll daraus eine kontinuierliche Reihe werden, die auch ohne entsprechende Romanvorlagen funktioniert. Ich denke aber schon, dass ich noch mal einen „Bundschuh“-Roman schreiben werde. Viele Leser haben die Familie mittlerweile ins Herz geschlossen. Wichtig ist, dass die Romanfiguren sich in den Filmen wiederfinden und umgekehrt. Bei den Lesungen merke ich, dass viele Zuhörer mittlerweile die Schauspieler zu den Figuren im Kopf haben. Es ergänzt sich gerade sehr schön.

Sie könnten die Drehbücher auch selbst schreiben …

Das hätte ich mir nicht zugetraut, aber ich bin an der Plotentwicklung weiter beteiligt. Ich gebe die Figuren nicht einfach aus der Hand. Sie sind ein bisschen wie eine eigene Familie. Und auch die anderen Schauspieler haben mittlerweile verselbstständigte Wünsche entwickelt, was sie gern für ihre Charaktere hätten. Es gibt also viel Potenzial, um diese Familie weiter in den Wahnsinn zu treiben.

Fällt es Ihnen leicht, Ihre Geschichten in andere Hände zu geben?

Man kann einen Roman nie eins zu eins umsetzen. Man muss immer gucken, was filmisch machbar ist. Zum Beispiel waren mir die Hunde Gulliver und Othello aus der Romanvorlage sehr wichtig, denn die sind ja von unseren eigenen abgeguckt. Beim ersten „Bundschuh“-Film hatten wir also einen Hund, und das hat den Drehprozess etwas in die Länge gezogen, weil der Hund die Familie Bundschuh nicht als seine Familie ansehen wollte. Er hat sich regelrecht vor uns gefürchtet, was in gewisser Weise verständlich ist. Wer fürchtet sich nicht vor den Bundschuhs, wenn sie im Pulk auftreten. Ich glaube, der Hund hatte schon nach dem ersten Tag einen Drehkoller. Danach haben wir schweren Herzens auf die Bundschuh-Hunde verzichtet, weil einfach zuviel Zeit verloren ging. Im jetzigen Film „Wir machen Abitur“ spielt probeweise eine Dogge mit, weil Regina Ziegler und unser Regisseur Thomas Nennstiel auch große Hundeliebhaber sind, aber die Dogge war nach dem ersten Tag auch nervlich angeschlagen. Wunderschönes Tier übrigens. Schade.

Und wenn Sie einfach Ihre eigenen Hunde genommen hätten?

Ich weiß nicht, ob die gemacht hätten, was wir wollen. Zuhause machen sie das jedenfalls nicht.

Welche Bundschuh-Details haben sonst ihren Ursprung in Ihrem realen Leben

Ich habe Gundula ins Leben gerufen als ich 50 wurde . Das hat mich doch etwas beschäftigt, obwohl ich mit dem Älterwerden nicht so ein Problem habe. Aber die Zahl 50 hat etwas Magisches. Das hört sich ein bisschen nach Halbzeit an und so, als ob es von da an nur noch bergab geht. Also habe ich mich mit meinen Ängsten auseinandergesetzt. Den Ängsten vor dem Älterwerden, der ewigen Sorge, nicht perfekt genug zu sein, als Frau, als Mutter, im Haushalt… Der Hang zum Perfektionismus ist uns Frauen ja leider eigen. Man wird ihn schlecht los. Oft ahmt man dabei unbewusst die eigene Mutter nach, die immer gesagt hat: Niemand hilft mir. Und wenn jemand helfen will, sagt sie: Fass bloß nicht den Staubsauger an, du zerkratzt mir nur das Parkett. Vielleicht liegt das an meiner Generation. Wir wurden so erzogen, dass wir alles allein schaffen müssen. Dass man nichts aus der Hand gibt, weil man es den Männern am Ende auch nicht zutraut. Bei mir ist das total drin. Und das habe ich dann auch auf Gundula übertragen, das äußert sich bei ihr in ihren Visionen, in ihren Alpträumen. Sie führt uns durch die Geschichten, es sind Geschichten aus der Perspektive einer Frau, die trotzdem mittlerweile auch immer mehr Männer ansprechen. Zumindest erkenne ich das bei meinen Lesungen. Der Männeranteil steigt.

Sie machen im Haushalt lieber alles selber als dass ihr Mann etwas anfasst?

Leider ja. Das geht einfach schneller.

Gundula übernimmt im neuen Film vertretungsweise die Theatergruppe an der Schule Ihres Sohnes. Wie involviert waren Sie in den Schulalltag Ihrer Kinder? Hatten Sie Elternsprecherambitionen?

Überhaupt nicht. Bei mir löst das Thema Schule – ähnlich wie bei Gundula – eher Ängste aus. Glücklicherweise haben die Lehrer unserer Kinder immer gesagt, dass wir nicht bei den Hausarbeiten helfen sollen, sondern dass die Kinder sich an sie wenden sollen, wenn sie Probleme haben. Mir war das sehr recht. Die Theatergruppe mit den furchtbaren Schülern ist vielleicht eine leise Kritik daran, schwierige Kinder nicht sofort aufzugeben. Manchmal muss man ein bisschen um die Ecke denken, um Kinder für etwas einzunehmen. Das übernimmt in diesem Fall der Bundschuh-Clan. Ob es funktioniert, werden Film und Buch verraten...

Sie sind nicht gern zur Schule gegangen?

Nur in die Raucherecke. Da standen die coolen Leute, die, für die die Schulleitung irgendwann eine Schwarze Liste aufrief, damit man sie immer gleich im Blick hatte, wenn wieder etwas gegen den schulischen Strom lief. Und ich hatte mir früh mit Putzjobs das Geld für eine kleine knallrote Honda Dax zusammengespart. Natürlich frisiert. Die fuhr über 50 km/h. Das war damals wichtig. Unsere Jungs durften sich übrigens keine Mopeds zulegen, obwohl sie wollten. Später sieht man die Gefahren deutlicher als im Moment. Im naturwissenschaftlichen Bereich war ich nicht so begabt, aber wir hatten das Fach „Dramatisches Gestalten“. Kurz gesagt war das das Schultheater. Das war schön. Da haben wir unter anderem den „Sommernachtstraum“ aufgeführt. Der findet sich auch in meinem Roman wieder. Im Film ist es eine „Romeo und Julia“-Inszenierung.

Haben Sie damals schon gemerkt, dass das ein Job für Sie sein könnte?

Ich habe die Schule leider nicht zu Ende gemacht und habe erst mal nur rumgejobbt, um mich über Wasser zu halten. Ich wusste nicht so richtig, was aus mir werden sollte. Zufällig habe ich dann meinen „Dramatisches Gestalten“-Lehrer wiedergetroffen und der hat mich darauf gebracht, auf die Schauspielschule zu gehen. Die Schauspielerei ist für mich der schönste Beruf, den es gibt. Ich kann mich ständig neu ausprobieren und mir das innere Kind bewahren.

Was wünschen Sie sich für Gundula?

Ich wünsche mir, dass sie ihr Leben nicht auf die Reihe kriegt. Es darf kein Happy End für Gundula geben, sonst wäre die Geschichte ja zu Ende. Die Bundschuhs sind für mich eine Art Anästhesie der Seele. Ich freue mich, wenn die Menschen beim Lesen oder Gucken einfach mal lachen können und ihre Sorgen vorübergehend vergessen.